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In der Nacht spürte Edgar ein Beben. Im Traum glitt der Klausner ins Meer, langsam, bedächtig, mit rundum verschlossenen Luken, wie ein Schlachtschiff, das vom Stapel läuft. Aus dem Dach ragte der Tresen, die Brücke. Ed sah, wie Kruso dort umhersprang, er schwenkte seinen Feldstecher und brüllte Kommandos: Das Schiff nahm Fahrt auf. Jeder Zweifel fiel von ihm ab, reine Freude, unbeschreiblich.

Keine Gewalt

14. Oktober. Die Herbstferien hatten begonnen. Noch einmal Schiffe voller Tagesurlauber, wenn es auch weniger waren, die sich die Mühe machten, hinauf in den Dornbusch zu steigen. Die meisten Touristen der Spätsaison beließen es bei einem Gang über das flache Land, einmal vom Bodden ans Meer und zurück, und weil es auf diesem Weg nichts Besseres zu tun gab, drehte man eine Runde durch das Inselmuseum und eine durch das Hauptmannhaus, mit verschwommenen Erinnerungen an ein Theaterstück mit dem Titel Die Weber oder mit nichts im Kopf als Meeresrauschen. Ed erinnerte sich an Krusos Erzählungen über illegale Treffen, die Esskaas der früheren Jahre in Hauptmanns Arbeitszimmer abgehalten hätten — um Mitternacht und bei nahezu vollständiger Dunkelheit, da das Haus von der Straße her leicht einzusehen war. Rimbaud hätte dort über seinen Namensvetter gesprochen, ein Vortrag mit dem Titel Ophelia oder die Wasserleichenpoesie, eine ganze Stunde, ohne jede Notiz, ohne Aufzeichnungen.

«Du hättest die Esskaas sehen müssen, wie sie an seinen Lippen hingen. All diese Leichen, Ed, es war, als würden sie vorübergleiten in der Finsternis, kostbar, wie lebendig oder heilig jedenfalls — das Arbeitszimmer Hauptmanns ein Aquarium voller Leichen und er an Hauptmanns Pult, das dunkel wie ein Riff aus dem Wasser ragte; es war das erste Mal, dass ich mir wünschte, ein Student gewesen zu sein, Student bei Dr. Rimbaud in Leipzig an der Pleiße.«

Trotz der allgemeinen Trägheit waren noch immer genug Wanderer unterwegs, um vor den Luken des Klausners eine passable Schlange zu bilden, jedenfalls zur Mittagszeit. Kruso sprang zwischen den Klappen hin und her, den Herzklappen der Freiheit, die immer wieder etwas zu weit auseinander lagen, um einen großen Organismus wie den Klausner ohne Stocken am Laufen zu halten. Auf Zuruf lieferte Ed seine Speisen. Um die Wege zu verkürzen, platzierte er sie griffbereit auf einem Abstelltisch im Rückraum der Eisluke — das war seine Idee gewesen. Zudem war er verantwortlich für die Kaffeemaschine, und manchmal gelang es ihm sogar, am Ausschank zu helfen, was seinem Gefährten (Kampfgefährten, dachte Ed) nicht immer recht zu sein schien.

Der Ferienbetrieb funktionierte, wenn sie auch wie gefangen waren hinter den Klappen, vor denen man sich bücken musste, um einen Blick nach draußen zu erhaschen, wofür selten Zeit blieb. In der Regel hatte man nur eine Stimme und die Kundschaft bis zur Brust. Ab und zu brach die Sonne durch, was die Touristen belebte.»Wenn det jelinkt, ick sach, mits Flitzen kommts zum Stehn. «Ohne Zweifel hatte der Mann über die Fluchten gesprochen und etwas, das sie verhindern, vielleicht sogar umkehren konnte, wie Kruso es vorhergesagt hatte. Das Wort» Dialog «machte die Runde, es ging um die» Bereitschaft zum Dialog«, was Ed als eine Art Aufforderung begriff. Er beugte sich zur Luke, schob das Bier hinaus und sah dem Mann ins Gesicht, der ihm zunickte, sich dann aber wegdrehte, um auf einem der Terrassen-stühle Platz zu nehmen. Niemand hat die Tische abgewischt, dachte Ed und nahm sich vor, das nachzuholen, am Abend — »Wenn det jelinkt«, flüsterte Ed.

Er bemerkte, dass Kruso an bestimmte Stimmen umsonst ausschenkte oder nur symbolische Beträge kassierte, zweifellos Leute, die er für schiffbrüchig hielt, in der Tat aber nur Schmarotzer waren, welche die Hilfsbereitschaft seines Freundes ausnutzten. Zeitweise entwickelte sich daraus eine kleine Anhängerschaft, die faul auf der Terrasse herumlungerte, bald jedoch damit begann, Forderungen zu stellen, und sich unzufrieden zeigte» mit der Bedienung«. Ein paar Tage später waren sie wieder verschwunden.

Die Ferienwoche zehrte an ihrer Kraft. Der endlose Durst und der endlose Hunger der Touristen und ihr Gerede, eine allgemeine Unzufriedenheit, ein Aufruhr, der sich übertrug und durch die Luken in den Klausner schwappte. Am letzten Ferientag, mitten in der Stoßzeit, verlor Kruso plötzlich die Nerven. Er verließ seinen Posten, brüllte und stürmte ins Freie. Durch die offene Vordertür drangen Gäste herein.

Erst als ein fremder Mann neben ihm in der Küche auftauchte und nach einer seiner Bouletten griff, hatte Ed es bemerkt. Im Reflex hatte er sich blitzschnell um die eigene Achse gedreht und den Mann fast erstochen mit seinem Messer, der hysterisch aufschrie,»keine Gewalt!«. In Folge kostete es Ed große Mühe, die Menschen, die ungläubig auf den mit Speiseresten und sonstigem Unrat übersäten Fußboden starrten, aus der Schankstube zu treiben. Die Gäste schienen viel selbstbewusster als noch im Sommer, widerspenstig geradezu und kaum einzuschüchtern. Obwohl die Tische im Rückraum der Luken voller Gläser und Stapel verschmutzter Teller standen, hatten einige von ihnen sofort Platz genommen und die Hand gehoben, um irgendeine Bestellung aufzugeben oder das Wort zu ergreifen. Tatsächlich glich das Ganze einer spontanen Versammlung, auf der Forderungen vorgetragen werden sollten und Kritik, die schon zu lange hatte unausgesprochen bleiben müssen, aber hier war der Ort, und jetzt war die Zeit. Ein wirres Gerede über Botschaften und Flüchtlingszüge füllte den Raum; einige hatten damit begonnen, sich am Tresen zu bedienen. Eds Stimme, die sich bald überschlug: Er kommandierte, drohte und gestikulierte mit ausgebreiteten Armen, in der Hand noch immer das Messer, das er gelegentlich kreuz und quer durch die Luft zog, wie eine Machete im Unterholz. Er spürte, wie er über sich hinauswuchs dabei. Noch auf der Schwelle nach draußen, er hatte die Tür schon in der Hand, drehte sich ein älterer Mann nach Ed um und stellte sich ihm entgegen. Dabei kam er Ed so nah, dass es unmöglich war, seinem Protest aus Sprache und Spucke auszuweichen:»Du kannst auch gleich zurücktreten, Kleiner, überhaupt sollten hier endlich alle zurücktreten, in deinem beschissenen Gefängnis …«

Ed war restlos erschöpft, aber schwerer wog das Gefühl der Kränkung. Am Tresen wusch er sein Gesicht. Irgendwann am Abend tauchte Kruso wieder auf, ohne Erklärung und ohne ein Wort der Anerkennung. Er hatte ein großes Bierglas (Typ Butzenglas) in der Hand, das er ansatzlos nach Viola schleuderte, die augenblicklich verstummte. Das Glas fiel nicht zu Boden, weil die braune, fettverkrustete Bespannung des Radios zerriss und Viola es ganz in sich aufnahm. Eine ungute Stille trat ein.

Auch wenn die Terrasse seit Tagen nur spärlich besucht war und etwas Ruhe hätte einziehen können in ihre Wirtschaft, eilte Kruso zwischen den Luken hin und her. Er ging mit jenen steifen, auf die Dielen gehämmerten Schritten, wie sie Cavallo bisweilen zur Einschüchterung seiner Gäste benutzt hatte. Tatsächlich war es eine Art Marschieren. Als handele es sich um die wichtigste Planke ihres Schiffes, schrubbte Kruso das Abstellbrett vor der Getränkeklappe. Dann polierte er ein paar Gläser am Tresen, spülte sie nochmals und polierte sie erneut. Danach war er wieder an der Eisklappe zu sehen, bekleidet mit dem weißen, fleckigen Kittel, den René zuletzt getragen hatte. Mit dem Eislöffel schepperte er gegen die Wandung des alten Aluminiumkübels unterhalb der Luke, ein schmaler stumpfer Eimer, der längst kein Eis mehr enthielt und aus dem ein schimmliger Geruch aufstieg, den das Klopfen verstärkte.