Ed hatte in der Küche zu tun. Eine Arbeit für Tage, in denen er das Chaos aus Töpfen, Geschirr, Besteck und Essensresten bereinigen würde, alles, was notgedrungen liegengeblieben war. Die Arbeit tat ihm gut. Und auch die Geräusche, auf irgendeine Weise. Jedenfalls war das vage Tätigsein draußen an den Klappen besser als das Schweigen Violas. Neuerdings dachte er öfter so: Ich bin der falschen Fährte gefolgt. Mein Leben ist auf die falsche Bahn geraten, als ich den Bau und meine Brigade verlassen und mich um ein Studium beworben habe. Erst der Klausner, erst die Arbeit hier hat mich wieder zurückgebracht … Mit Kraft stemmte er einen Stahlkessel in die Luft und hieb kräftig gegen seinen Boden, so lange, bis sich ein halbrundes Stück Kohle löste und in das leere Becken fiel. Ein schwarzer, silbrig glänzender Mond, der am Grund des Kessels verglüht war. Mit seinem Zeigefinger zerdrückte Ed das Gestirn zu kleinen Kohlestücken, die er neu zusammenschob, so lange, bis sie die Buchstaben J und A ergaben: JA.
Das schwarze Band
René war zurückgekehrt. Ed erwachte und hörte die Stimme, überdeutlich, sein näselndes, hochmütiges Sprechen,»was darfs denn sein junge Frau«, und noch bevor Ed begriffen hatte, sah er den Eisverkäufer, wie er Witze riss (politische Witze) und selbst darüber kichern musste, und er sah, wie beim Lachen die Billardkugeln aus den dunklen fauligen Löchern stürzten, eine nach der anderen, in den Kübel oder gleich auf die Kelle,»fünfzehn Pfennig bitte«.
Leise schlich Ed die Treppe hinunter, überall brannte Licht. Er nahm den Weg durch den Abwasch und die Küche, vor der Schwingtür zum Gastraum hielt er inne und spähte durch den Spalt zwischen ihren Flügeln: Er sah Kruso, wie er hektisch den Eiskittel abwarf, er kicherte dabei. Dann änderte sich sein Ausdruck, er wurde ernst. Rasch trat er an die Registrierkasse heran und hob seinen Kopf.»Ruhm, wann kommst du?«Dann legte er den Zeigefinger auf die Oberlippe, als müsse er nachdenken, und rief etwas zum Schachtisch hin:»d5 auf d6!«Das Spiel war aufgebaut. Noch einmal kicherte Kruso (das weibische Kichern Renés hatte es ihm angetan, obwohl er zweifellos Rimbaud verkörperte in diesem Moment) und hämmerte mit ausgestreckten Zeigefingern irgendeinen phantastischen Betrag in die Kasse, fünfzehn- oder zwanzigstellig, als würde er Maschine schreiben, eines seiner eigenen magischen Gedichte vielleicht, und tatsächlich, für einen Augenblick erstarrte er zu einer Wachsfigur seiner selbst — offensichtlich war es nicht leicht, Kruso zu sein. Rasch trat er einen Halbschritt von der Kasse zurück und ließ ein kleines Wiehern vernehmen. Er galoppierte zum Tresen, mixte ein Glas Kirsch-Kali und nahm am Schachtisch Platz, auf Cavallos Seite.»Perché questo silenzio?«, murmelte der Darsteller Cavallos leise, machte seinen Zug und trank. Eine Sekunde später erhob sich Kruso feierlich und vollführte mit der Hand eine behütende Geste über dem Schachtisch, die einer Segnung glich oder so viel heißen konnte wie» Viel Glück «oder» Bleibt Freunde für immer!«Etwas Vergleichbares hatte in Wirklichkeit niemals jemand getan von ihnen, und so war es wohl eine Geste des Erzählers in Krusos Stück vom alten Klausner. Der Erzähler bewegte sich auch viel langsamer als die Figuren, er benötigte viel mehr Zeit. Wie in Zeitlupe ging er rückwärts zum Tresen, drehte sich um und streichelte den Zapfhahn — irgendeine Überbrückung, ein ungeschickter Einschub vielleicht.»Das Fass schon wieder alle, tss-tss-tss. «Kruso hatte versucht, den allseits verhassten Satz mit der weichen, ruhigen Stimme Ricks auszusprechen, aber er war jetzt nicht mehr ruhig, eher unzufrieden, irgendetwas stimmte nicht. Aus dem Streicheln wurde etwas Heftigeres, eine Art Melken, aber der Hahn blieb trocken. Mit der flachen Hand schlug Rick-Kruso auf den Tresen, die Gläser klirrten. Unwillig bückte er sich, riss die Klappe zum Keller auf und verschwand, die schwere Treppe (»Führerbeton!«) nach unten. Bald tönte ein Wortwechsel herauf und ein sanftes Fluchen: Der saumäßige Keller, die Nässe, der Schlamm, auf dem man jederzeit ausrutschen und sich den Schädel aufschlagen könne und dann:»Eeelenndiiger, eeelenndiiiger Dreck!«Wahrscheinlich ging es um das Anstechen des Fasses und die üblichen Schwierigkeiten. Nur Rick war dazu in der Lage, aber er brauchte seinen Assistenten, jemand, der die Schraube mit der Dichtung am Spundloch festzog, während er den Salonstocher anschlug, und also rief Rick-Kruso jetzt nach Ed. Ed-Kruso antwortete ihm:»Ich komme. Komme sofort!«Ed-Ed stand nur da und atmete kaum. Für einige Sekunden wartete er noch auf das Erscheinen seiner selbst, dann schlich er lautlos zurück in sein Zimmer.
Tagsüber herrschte eine klare, fast winterliche Stille. Am Abend umschloss der Kokon des Dornbuschs den Klausner mit seinem betäubenden Rauschen. Ein Balken Licht vom Leuchtfeuer strich über den Boden des Speisesaals. Ein Raum, der ihrem eigenen Radius schon entrückt zu sein schien, nicht mehr betretbar. Sie saßen auch nicht mehr am Personaltisch (selbst beim Frühstück nicht), sondern am Schachtisch vor dem Tresen, mit Aussicht auf die Terrasse. Sie tranken viel. Nachmittags» Lindenblatt «und am Abend Kiwi, Kali oder Pfeffi, manchmal mit Korn oder Blauem Würger gemischt. Dazu aßen sie geräucherten Schinken, in Würfel geschnitten, sie hatten genug davon im Lager. Früher hatte sich Ed nichts aus Schinken gemacht, jetzt kaute er langsam und bedächtig, wie ein Bauer nach Feierabend. Mit den Mahlzeiten waren sie flexibel; es gab keine Regel, bis auf die Zwiebel bei Ed. Kruso bog aus altem Draht neue Abtropfgestelle — für die kommende Saison, wie er betonte, und in diesen Momenten wich die Bitternis aus seiner Stimme. Er schmirgelte den Draht blank und lackierte alles mit einem Rest Lackfarbe aus dem Keller. Etwas Farbe spritzte auf den Tisch, was ihm nichts auszumachen schien. Blauer Lack, wie er auch für die Wippe auf dem Spielplatz und die Metallgestelle der Krippen auf der Terrasse verwendet worden war. Ed ging in die Küche und kochte Kaffee; sie plauderten über Gott und die Welt.
Ed erzählte seinem Freund von ihrem ersten und einzigen Familienurlaub an der Ostsee, in Göhren auf Rügen, Sommer 1973. Zu dritt hatten sie in einem kleinen FDGB-Hotel gewohnt, mitten im Ort, Vater, Mutter, Kind. Ein Beistellbett an der Wand unter dem Fenster war sein Schlafplatz gewesen. Ed sammelte Muscheln, die er in einem Plastebecher verschloss und unter dem Bett versteckte, wo sie zu stinken begannen.
Eines Morgens, als sie zum Frühstück in den Speisesaal gekommen waren, hatte er den schwarzen Stoff am Rahmen des Porträts entdeckt, es hing über dem Frühstücksbüfett. Er wusste nicht, was das schwarze Band am Bild des Spitzbarts, wie seine Eltern den Vorsitzenden des Staatsrats nannten, bedeuten sollte, aber irgendetwas sagte ihm (er war acht Jahre alt), dass es besser sein würde, nicht laut darüber zu sprechen. Er wartete, bis sie alle mit ihren Brötchen und Schmelzkäseecken Platz genommen hatten, dann stand er noch einmal auf, lief um den Tisch herum zu seinem Vater und flüsterte es ihm ins Ohr: das schwarze Band. Die Reaktion seines Vaters auf diese kleine Entdeckung war so unverhältnismäßig gewesen, dass sich ihm die Szene für immer eingeprägt hatte. Statt mit ihnen an den Strand zu gehen, war er den ganzen Tag im Zimmer geblieben und hatte Radio gehört. Auch die ganze folgende Nacht hindurch hörte er leise Radio; er hatte den kleinen Transistor halb unter sein Kissen geschoben, weshalb alles nur sehr dumpf zu Ed hinüber klang. Ein endloses Raunen über den Aufstieg des Spitzbarts zur Macht und wie sie zu Ende gegangen war. Vor allem ging es um das Innerdeutsche, von dem Ed in dieser Nacht das erste Mal in seinem Leben eine Vorstellung gewann: Mitten im Innerdeutschen verliefe eine blutige Linie, gezogen wie mit dem Skalpell, so behauptete einer der Kommentatoren, quer durch Orte, Häuser, Familien, ein tödliches Hindernis, unüberwindlich.
Ed sah zu Kruso und versuchte eine Art Bruderblick. Auch zwischen ihnen gab es eine Grenze. Beim Erzählen war es besser damit. Das Erzählen half Ed, seine Beklemmungen abzustreifen, seine Ängste.»Zur Not haben wir immer ein paar Panzer in Bereitschaft. «Das hatte der Spitzbart gesagt, mit einer sich beinah überschlagenden, eigenartig hohen, dünnen Stimme, ein Satz, der immer wieder eingespielt wurde. Es schien sein wichtigster Satz gewesen zu sein, jedenfalls war es der, den Ed in Erinnerung behielt aus jener Nacht auf dem Beistellbett, und so erzählte er es Losch. Außerdem fiel ihm ein, dass er noch nicht schwimmen konnte damals und beim Anblick des Meeres (er sah es zum ersten Mal) eine tiefe Angst in ihn gefahren war. Kruso nickte und sah ihm in die Augen. Robinson und Freitag. Da waren sie wieder.