Ihr Tisch stand so nah vor dem Tresen, dass Kruso sich zum Nachschenken nur umzudrehen und nach der Flasche zu greifen brauchte, die dort bereitstand. Sie verbrachten viel Zeit mit Putz- und Flickstunden, wie sein Gefährte es nannte. Sie reinigten die Abflüsse, die kaum verschmutzt waren, sie machten Feuerholz, reparierten die Palisade rings um den Klausner und versuchten, ihre Wäsche zu waschen in den Steintrögen des Abwaschs. Monikas Waschmaschine hatte sich nicht in Gang setzen lassen. Erst hatte es Kruso versucht, dann Ed. Es war eine WM 66, wie Ed sie von zu Hause kannte, das landesweit übliche Modell. Als Kind hatte er WM immer mit Weltmeisterschaft übersetzt, seiner Überzeugung nach hatte man die Maschine nach der Fußballweltmeisterschaft 1966 benannt. Wie so vieles hatte Ed auch das nie hinterfragt, und auf gewisse Weise war er noch immer jenes zerstreute, leicht zu beeindruckende Kind, das glaubte, die Welt sei den eigenen Träumen ähnlich.
Von den verlassenen Räumen des Klausners hatten allein die beiden Zimmer Monas etwas Wohnliches. Manchmal legte sich Ed in ihr Bett und drückte den Kopf ins Kissen. Während er den Geruch des Bettzeugs einsog, dachte er an C. Dann hörte er auf, an C. zu denken, und dachte an G. Er versuchte, sich an Sex mit G. zu erinnern. Es beschämte ihn, wie wenig er davon noch vor Augen hatte. Zwei, drei Szenen, nicht mehr. Vielleicht war das nicht wichtig. Es lag nur daran, auf welche Weise die Trauer in ihm Raum griff. Und schließlich ging es ihm darum, nichts zu vermischen. Seine Begierde war nur das eine. Ein paar Bilder aus den Nächten flogen vorüber. Marén, Grit, Tille, die Geschichten der Schiffbrüchigen im Dunkel. Manchmal waren sie noch da, wenn er aus dem Schlaf schreckte nachts und sich zwei oder drei Mal hintereinander befriedigen musste, ehe es ihm gelang, wieder einzuschlafen. Im letzten Moment war es immer C. Ihr Lachen, ihr Schluckauf, die weit nach oben gezogenen Augenbrauen. C., wie sie ihn dabei angesehen hatte.
Die Tage sickerten ins Meer. Die von Krombach angekündigte Abordnung des Stammbetriebs ließ auf sich warten. Keiner von ihnen ging ans Telefon. Nachdem es einmal den ganzen Tag über geläutet hatte, war Kruso in Krombachs Kabuff gestürzt und hatte den Stecker aus der Wand gerissen. Ed glaubte nicht mehr an das Eintreffen der Direktorin Gastronomie. Jedermann konnte ahnen, dass dies nicht die Zeit war für Delegationen und Kontrollkommissionen. Selbst Vosskamp war seit Tagen nicht mehr aufgetaucht. Das alles passte zu den Nachrichten Violas und ihrem Kommentar zur Schließung aller Grenzen, bevor das Bierglas sie getroffen hatte. Schon wenig später hatte Kruso in Violas letzter Meldung eine Bestätigung seiner Thesen gefunden: Wie wichtig es sein würde, auszuharren, durchzuhalten, einen Stützpunkt zu bilden (er gebrauchte dieses Wort), einen Stützpunkt für alles, was jetzt unweigerlich geschehen musste. Ed dachte an seine Eltern in Gera; er hatte begonnen, sich Sorgen zu machen. Sie würden glauben, dass er noch immer in Polen war, im Internationalen Hochschulferiensommer, von ihnen getrennt durch eine der plötzlich unüberschreitbaren Grenzen.
Für die Einkäufe benutzte Ed jetzt das Fahrrad, die Karre brauchte er nicht mehr. Nur einen Rucksack für Brot, Milch, ein paar Kleinigkeiten, alles andere hatten sie im Lager. Er genoss den Weg durch den Wald und die Abfahrt über den Plattenweg, der einem die Knochen aus dem Leib schüttelte und das Gehirn entkalkte (Ricks Theorie). Tags zuvor hatte Ed seinen Gefährten im Dorf gesehen und war augenblicklich abgebogen. Es war, als könne er Kruso außerhalb des Klausners nicht begegnen. Als müsse dann unweigerlich etwas zur Sprache kommen, das alles in Frage stellte. Die Wahrheit war auch, dass er sich schämte, ihn gesehen zu haben — wie er dort gestanden hatte, zwischen den Blechkarren im Hafen, abwesend, plappernd, mit gesenktem Kopf, wie ein Schäfer im Kreis seiner Herde. Kruso war abgemagert, aber sein Gesicht vollkommen glatt, fast kindlich. Die grauen Haare in dem Wirbel über seiner Stirn schienen sich täglich zu vermehren.
Vom Einkauf zurück, ging Ed in die Küche und packte den Rucksack aus. Aus dem Abwasch tönte eine Stimme, die ihm vertraut vorkam (seine eigene). Er räumte den Kühlschrank ein, und schon wenig später wusste er nicht mehr, ob er das Ganze wirklich gehört oder nur geträumt hatte. Er ging in die Gaststube, um ein paar alte Schnapsgläser einzusammeln. Eigentlich war alles getan und auch sonst nirgendwo ernsthafte Arbeit, aber Ed blieb am Tresen und begann, lange nicht benutzte Gläser aus dem obersten Regalfach zu räumen und durchzuspülen.
Wir zwei beide, summte Ed — er wollte nachdenken, über die nächsten Schritte, seine Verantwortung für Kruso und die Gaststätte, aber sein Kopf war leer. Erst die Abschiede, dann die Notbesatzung, dann» zwei Mann, zwei Klappen«. Er schaute hinaus auf die leere Terrasse und rahmte sich selbst ein, mit einem umgekehrten Blick durch das Fenster auf den Tresen. Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg. Sonjas Worte, bevor sie hinausgeschwommen war und sich in ein grünes Licht verwandelt hatte.
Nach einer Weile hörte er das Scheppern von Töpfen aus der Küche und etwas wie das Schnaufen Koch-Mikes, und wie zur Antwort ließ Ed ein wenig seine Gläser klirren: Koch-Mike-Kruso und Ed-Ed. Gemeinsam ahmten sie den Klausner nach, letzte Hoffnung aller Freiheitssucher dieses Landes, ja, inzwischen vertraten sie das ganze alte Leben, hier oben auf der Küste, wo niemand mehr hinkam in diesem Herbst. Ein Glas nach dem anderen zog Ed durchs Wasser, während Kruso bereits hinter ihm stand und seinen Kopf zu ihm hin beugte, als könne er seine Gedanken riechen.
«Bist du vorbereitet, Ed?«Ed erschrak. Fast hätte er das Glas fallen lassen.
«Vorbereitet?«
«Auf die Vergabe, heute Abend?«
Letzte Vergabe
Schon am Nachmittag wurde es dunkel. Ed blickte nach draußen, konnte aber nichts erkennen und schaltete die Terrassenbeleuchtung ein. Wie geblendet hob Kruso die Hand, vielleicht hatte er ihm auch gewunken. Auf den ersten Blick sah es so aus, als wäre sein Schädel verkabelt. Im Regen hatte sich das lange Haar zu seltsamen Verstrebungen verdickt, die den hoch erhobenen Kopf zu stützen schienen. Die obere Schädelhälfte glänzte wie golden unter dem Licht der Stahllaternen, die den Biergarten bewachten.
«Sieht so aus, als käme heute niemand mehr.«
Ed fühlte seine Pflicht, aber auch, dass es galt, Rücksicht zu üben. Sein Freund schien unberührbar. Nah und unberührbar. Für einen winzigen Moment (zu kurz, um die Dinge wirklich zu begreifen) erkannte Ed, dass es immer so gewesen sein musste. Kruso war wie er selbst, und nur so konnten sie zusammen sein, auf diese Weise, nah, aber jeder für sich, gefangen in den Kapseln ihres einsamen, chaotischen Daseins, für die eine seltene Konstellation des Schicksals oder ein alles beherrschendes Kosmodrom parallele Bahnen ausgegeben hatte.
Drei Gläser standen auf dem Tisch, schon halb mit Regenwasser gefüllt. Kruso saß sehr gerade, ein Heiliger, dachte Ed, der seinem Stammplatz in der Ewigkeit entgegensah. Mit der Rechten hielt er die Weinflasche umschlossen, die Linke ruhte in seinem Schoß, und über allem der Regen, so fein, dass man sein Fallen nicht spürte, aber die Luft war voll davon, ein kalter Regen, der im Licht der Laternen zu dichtem Nebel gerann.