«Vielleicht besser, jetzt reinzugehen, oder?«
«Ja, bitte, warte doch drinnen auf mich, Ed.«
«Wir können die Terrasse auch vom Schachtisch aus im Auge behalten.«
«Wenn niemand da ist, kommt auch niemand.«
«Es ist Anfang November, Losch.«
«Du kennst den Herbst nicht. Du warst nie hier im Herbst. Die Vergaben sind anders im Herbst. Der Herbst ist anders.«
«Wir könnten das Licht eingeschaltet lassen. Wir stellen Koch-Mikes Sternrecorder in der Eisluke auf. Das hörst du auf der ganzen Insel.«
Langsam redete sich Ed in seine neue Rolle hinein. Jetzt war er es, der Verantwortung übernehmen musste. Für einen Moment hatte er das Bedürfnis, Krusos großen nassen Schädel an sich zu pressen und zu wiegen wie ein Kind, das sich wehgetan hat, so lange zu wiegen, bis es getröstet war, bis ihm die Augen zufallen würden, alles wieder gut.
«Ja, Ed, ja. Nur den Moment. Du gehst vor, und ich komme nach, sicherheitshalber.«
Ed verstand, dass mehr nicht zu erreichen war. Ein von den Gästen vergessener Schirm fiel ihm ein, aber das schien undenkbar. Ein Schirm war absurd. Nach einer Weile trat er abermals hinaus in den Regen und legte Kruso seine Kutte um die Schultern, vorsichtig und ohne ein Wort. Es war, als komplettiere er ein kostbares Bild, ja, vielleicht bestand darin seine eigentliche Aufgabe an Krusos Seite.
Der Umhang machte den durchnässten Mann auf der Terrasse augenblicklich zu einer Art verlassenem Heerführer, einem General ohne Truppe. Ein Held, der zu frieren begann. Obwohl Ed voller Sorge war (eine stetig wachsende Sorge seit dem Tag, da Mona und Cavallo sie verlassen und der Exodos begonnen hatte), spürte er eine Art Zufriedenheit oder Genugtuung in diesem Moment. Alles, was er tat, geschah im Sinne dieser Geschichte, als sei er allein verantwortlich dafür, dass sie irgendwann einmal erzählt werden konnte.
Wenn Rebhuhn den Kopf hob, begann das Licht der Wüstensonne im Metallgestell seiner Brille zu fließen, ein Schillern in allen Farben des Regenbogens. Die Beduinen schleiften ihr Kamel auf ein rohes rostiges Metallgestell; Rebhuhn war ihr Spielführer. Die Aufgabe des Spielführers bestand vor allem darin, den durch zwei bis drei Mitspieler möglichst tief und straff zwischen die Stützen des Gestells gezerrten Hals des Kamels anzuschneiden. Das Anschneiden war eine Kunst und galt als Privileg. Rebhuhn, der alles erklärte: das Messer soundso, die Haut soundso, dann der Schnitt, wie ein Blitz. Im Kern gehe es darum, im Körper des Kamels eine krampfartige Anspannung auszulösen, eine Kontraktion, erläuterte Rebhuhn, hart und andauernd genug für eine feste, ebene Spielfläche. Rebhuhn beugte sich unter das Gestell, die Beduinen gingen in die Knie. Alle trugen Billardstöcke.
Märchen des Lebens
Am Morgen war Kruso verschwunden. Getrieben von Schuldgefühlen, durchstreifte Ed den Dornbusch, kehrte aber immer wieder zum Klausner zurück, in der Hoffnung, seinen Gefährten dort vorzufinden. Weil er zu hastig ging, federte ihm ein Ast ins Gesicht; eine namenlose Wut stieg in ihm auf, die sofort in Hilflosigkeit umschlug.
Der geweihte Schlafplatz war mit Blättern bedeckt, und die Umrisse der Mulde waren kaum noch zu erkennen. Darunter lagen die Mumien in ihren Schlafsäcken, Schiffbrüchige, vergessene Freiheitssucher, Schwarzschläfer, die sich schwarz geschlafen hatten, begraben im Laub — Ed wurde übel bei diesem Gedanken, und er stapfte rasch weiter.
Die Honigbibliothek war nahezu vollständig vertilgt. Der gesamte Lesestoff hatte sich verwandelt in ein braun schimmerndes Gewimmel aus Ameisen, Asseln und Kakerlaken. Nur ein paar Leineneinbände, die sich aufrecht hielten, wie verwest und verbogen. Eine Wand verkohlter Waben. Ein riesiges ausgebranntes Puppenhaus. Eine Weile beobachtete Ed das rasche, scheinbar planlose Hin und Her der neuen Rezipienten, die sich in einen Rausch von Zucker und Zellulose hineingefressen hatten. Er trat näher und erkannte die Reste einiger Titel von Anton Kuh und Peter Altenberg, Fechsung, Nachfechsung und Märchen des Lebens. Eine einzige einzelne Seite hing heraus, als wollte sie ihm die Hand reichen. Artaud war sauber ausgenagt.
Ed musste sich beruhigen; er war ja nicht vollkommen allein auf der Welt. Er nahm das Fahrrad und fuhr hinunter in den Ort. Den Klausner ließ er unverschlossen, was nicht störte, alles fühlte sich jetzt anders an. Über dem Eingang zum Pfarrhaus hing ein Plakat mit den Worten» Die Reformation geht weiter«. Ed hielt an und las den Aushang im Schaukasten der Gemeinde. In einem» Offenen Brief «forderten die Insulaner einen» Prozess der Erneuerung«. Die Unterzeichner des Briefs protestierten gegen Verwahrlosung, Vermüllung und Zersiedlung der Insel.
Santiago umarmte Ed, Wange an Wange. In einer Ecke der Inselbar war ein alter Schwarzweiß-Fernseher aufgebaut.»Sie wollen saufen, aber sie wollen jetzt auch die Demonstrationen sehen. «Ebenfalls neu war eine Waschmaschine im Keller, die warmes Wasser machte für den Abwasch, weshalb Santiago den Kessel nicht mehr befeuern musste; er zeigte sich ausgesprochen glücklich darüber. Eds Frage nach Kruso überraschte den Esskaa. Als wäre etwas sehr Schlimmes geschehen, legte er augenblicklich beide Hände an seine Wangen. Es war die Geste goldzöpfiger Mädchen in sowjetischen Märchenfilmen, wenn sie erfuhren, dass der Drache ihren Liebsten getötet oder in ein Tier verwandelt hatte.
Ed fuhr die schwarzen Quartiere ab. Der Pfad zur Sommerhütte war unauffindbar, verwachsen, von Sanddorn überwuchert. Einige der Verstecke wie verwüstet. Am Eingang zur Steinhöhle zwischen Vitte und Kloster lagen Speisereste, leere Konserven und Zeitungspapier. Kotgestank wehte bis auf den Weg. Die kleine Steinhütte hinter dem Hauptmannhaus (Schlafplatz für zwei Personen) war aufgebrochen. Vor dem sogenannten Hauptquartier im Waldstück über dem Hafen lehnten zwei Fahrräder. Ed schöpfte Hoffnung, aber die Baracke stand leer. Alles, was er durch das verschmierte Fenster erkennen konnte, waren ein paar verschlissene Sessel und eine grobe, mit schwarzer Farbe oder Teer gezeichnete Karte des Eilands an der Wand, ihr Umriss übersät mit Kreuzen, als handele es sich um eine Toteninsel. Ed erkannte, dass die Kreuze die Lage der schwarzen Quartiere markierten. Ihre Zahl übertraf bei weitem, was Ed vermutet oder Kruso ihm anvertraut hatte. Im Wald herrschte eine ungute, kalte Feuchte. Wie das Skelett eines Sauriers hockte das Wrack der großen undefinierbaren Maschine zwischen den Bäumen, weithin sichtbar. Der Müll war unter dem Laub verschwunden; es roch nach Winter.
Am Ende lief Ed noch einmal den Strand ab, Richtung Süden. Irgendwann starrte er bloß noch hinaus, das kalte Rauschen der Brandung am Ohr. Das Meer — die Verheißung. Jede andere Gegend schien Ed überzeichnet, versehrt, von Herrschaft angegraut. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass das Meer ihm etwas mitteilen wollte, dass es etwas Entscheidendes bereithielt für ihn, eine Lösung für sein Leben. Es gab die Fülle des Rauschens, das war die Atmung, wogend, endlos und alles umfassend. Es gab keinen Körper, kein Gefäß, das groß genug gewesen wäre für dieses Wesen aus Atem, diesen pneumatischen Riesen, im Gegenteil, es selbst schloss alles ein, es beatmete sein Denken oder brachte es zum Stillstand, es wiegte ihn in den Schlaf und umspülte seine Träume und formte sie zu etwas, das unfassbar war.
Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg.
So lange.
Es war die Stelle, an der Sonja ihren Bruder verlassen hatte. Ed begriff es und konnte sich nicht mehr rühren, keinen Zentimeter. Der Ort des Abschieds nahm von ihm Besitz.
Liebe Sonja.
Liebste G.
Er verlor sie in diesem Moment. Der Schmerz, die Verzweiflung, das Selbstmitleid. Unermessliche, unbezähmbare Trauer. Edgar, Ede, Ed, dem das alles passiert war, jetzt konnte er es sein. Die Nachricht hatte ihn erreicht.