Lieber Losch.
Der Beobachtungsturm hinter Vitte schwebte im Nebel; wahrscheinlich hatten die Grenzer ihn schon im Visier. Tatsächlich war es einfach unvorstellbar, von hier aus loszuschwimmen, ins Wasser zu gehen. Der Ort konnte sich kaum verändert haben seitdem. Ein Allerweltsstrand, von überall einsehbar, ein paar Bunen, Dünen, der Blick auf den Hügel des Dornbuschs im Norden.»Sie war eine sehr gute Schwimmerin, Ed«, hatte Kruso gesagt.
Ed dachte an den Tag der Insel. Die Stelle, an der er jetzt stand, wie festgefroren, lag nur hundert Meter entfernt vom Ort der Parade. Es war der Platz des kleinen Bruders, der seiner großen Schwester nachsah — für ein paar Sekunden — und dann weiterspielte.
Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg.
Worauf sollte er warten, so lange? Zuerst auf seine Schwester, die hinausschwamm, während er den warmen Sand mit seiner Plastemuschel hin und her schob, so lange. Dann schaute er aufs Wasser. Er sah nur noch ihren Kopf, falls sie das war, ganz klein, wie eine Netzboje, ein Schwimmer zwischen den Wellen. Er stand jetzt auf und tappte ans Ufer. Er stand regungslos da und presste die Plastemuschel an die Brust. Musste man rufen, schreien, so laut, wie nur möglich? Oder durfte man es jetzt gerade nicht, so lange?
Ed stellte es sich vor: Sonja, die hinausschwamm, dann die Mauer aus Patrouillenbooten, dann eine Schiffsschraube, vielleicht, oder ein Schuss. Oder Sonja, die hinausschwamm, gezogen von einem Aqua-Scooter — am helllichten Tag, das war absurd. Eher Sonja, die den Strand hinauf bis zum Dornbusch wanderte und sich dort versteckt hielt bis zum Einbruch der Nacht, neben dem Schlauchboot, zwischen den Sanddornbüschen. Jeder wusste, dass die Ablandestelle zu Füßen der Küste im toten Winkel der Radare lag, mit denen Vosskamps Leute das Meer überwachten — ein MR-10, hatte ihm Kruso erklärt und den Radius der Messanlage in den Sand gezeichnet.
Irgendwann schaffte es Ed, sich wieder zu bewegen. Trat man näher ans Wasser, konnte man hören, dass innerhalb der Atmung eine große Unruhe herrschte. Es gab die tiefen, schweren Atemzüge, donnernd, aggressiv, darunter aber lag ein viel hellerer Ton, einem Japsen, Hecheln ähnlich, als ringe das Meer selbst nach Luft, als müsse es selbst fast ersticken … Es waren die kindischen Seufzer der Toten. Ed konnte nichts dafür, dass er so dachte. Er sah René auf dem Billardtisch, den Apparat René, die stinkende Maschine, der Teile fehlten, Füße, Beine, die gerade hier, am Grund des Meeres, hin und her gewälzt, gerollt, gewendet, zubereitet wurden. Und er sah Sonja, wie sie spazieren ging über die Wellen, gänzlich unversehrt und mit einem grünen Smaragd auf der Stirn, die amphibische Prinzessin. Und er sah Kruso, seinen Bruder, wie er die Netze der Fischer von Vitte entwirrte unter Wasser und den Fischen im Netz die Freiheit erklärte; Blasen traten aus seinem Mund, und sein langes schwarzes Haar schwebte wie in Gelee, und es konnte auch niemand etwas dafür, dass Ed jetzt in Tränen ausbrach.
Hier wartest du.
So lange.
Das Metallgitter zur Einfahrt stand offen. Vor den Sandsteinbaracken unterhalb der Strahlenstation befand sich ein Schraubstock; er war auf eine Stahlschiene geschweißt und trug eine Kassette im Maul. Die metallicgrüne Farbe am Stahlblech war abgeplatzt, der Deckel ragte in die Luft. Auf den ersten Blick sah es so aus, als warte der Schraubstock auf sein Herrchen, das ihn loben und von seiner Beute erlösen würde. Auf dem Schlackeboden glänzten Münzen, verstreutes Papier bedeckte den Weg — Tabellen, Aufzeichnungen, Versuchsprotokolle vielleicht. Ed griff nach einem der regenschweren Bündel, alles war in russischer Sprache abgefasst. Er entdeckte einen Ausweis mit dem Emblem der beiden zur Fackel mutierten Buchstaben J und P — Jungpioniere. Er öffnete den Ausweis und sah Kruso, das Kind. Ein dunkler Anorak mit Kapuze, hell gepunktet, ein Halstuch, Ansätze von Augenringen auf den großen Wangen und ein verstohlener, nahezu ängstlicher Blick. Daneben der Stempel der Inselschule und die zehn Gebote der Jungpioniere. Es war das Porträt eines Kindes, das wusste, dass es für diese Gebote niemals gut genug sein würde. Ed hatte nie daran gedacht, dass Kruso nach dem Umzug vom Russenstädtchen Nr. 7 Schulkind auf Hiddensee gewesen sein musste, ein Russenkind in einer deutschen Schule. Keine Mutter mehr und plötzlich auch keine Schwester. Alles verloren, und selber wie übriggeblieben an einem Ort, der kein Zuhause war. Ein feiner Trommelwirbel setzte ein; er kam vom Blechdach einer Laterne, erneut begann es zu regnen. Ed hatte Angst um Kruso. Er presste den Ausweis gegen die Brust (Speiches Pullover), um ihn provisorisch zu trocknen. Die Tür des alten Trafos stand offen, aber der Turm war leer. Das Wolldeckenlabyrinth war verschwunden und die untere Etage vollständig einsehbar. Ringsum standen rostige Tonnen, mit stählernen Bändern an die Mauern gekettet, wie Sträflinge des Mittelalters. Ed rief nach Kruso. Nichts rührte sich. Für einen unsinnigen Moment der Gedanke, sein Gefährte könnte eingeschlossen sein in einem der Fässer — Jona auf dem Weg ins Meer. Er untersuchte die Fässer. Ihre Kennzeichnung war größtenteils abgerostet, nur Tannenbäume oder Totenköpfe, dazu schwarze und rote Reste von Schrift.»Nehmt mich und werft mich ins Meer.«
Nach einer Weile öffnete Rommstedt die Tür, kam jedoch nicht über die Schwelle. Er schien Ed nicht sofort zu erkennen, lächelte aber und hörte fortan nicht mehr auf zu lächeln. Es gab nur sehr wenig Licht im Flur, und für einen Augenblick glaubte Ed, Geräusche zu hören — jemand war dort, ohne Zweifel. In hastigen Sätzen versuchte Ed zusammenzufassen, was zu sagen war über das Verschwinden seines Freundes, ausgehend vom Verschwinden der anderen, aller anderen, genauer gesagt, bis auf ihn selbst. Halb drehte er sich dabei zu dem Schraubstock hin, als gelte es, auch auf diese Station seiner Suche zu verweisen. Auch Rommstedt fasste den Schraubstock ins Auge, aber mehr, als sähe er auf ein großes stürmisches Wasser hinaus. Dann bat er Ed, sich einen Moment zu gedulden, und verschloss die Tür. Wenig später öffnete er wieder und forderte ihn auf, die Station zu betreten.
Interessiert blickte er Ed ins Gesicht, weshalb dieser seine Frage nach Kruso wiederholte. Die Luft im Flur roch abgestanden, nach Essensresten und altem Schweiß — es stank nach Rommstedts Einsamkeit. Für einen Augenblick streifte Ed die Frage, ob Rommstedt nicht auch ein Ausgestoßener war, ähnlich dem Hausmeister von Halle, gebildet, akademisch, aber außer Gefecht und darüber verzweifelt, mehr als verzweifelt.
Wie schon bei seinem letzten Besuch auf dem Schwedenhagen spürte Ed seine Empfänglichkeit für diesen Ort. Er war müde, und die Knie wurden ihm weich.»Wissen Sie vielleicht, wo Kruso …?«Der Professor strich ihm übers Haar.»Wie geht es Ihnen, Herr Bendler? Alles ist ganz wunderbar verheilt, nicht wahr?«Ed hatte das Bedürfnis, sich zu setzen. Er musste ausruhen, wenigstens für einen Moment. Mit einer weit ausholenden, sich endlos in die Tiefe der Station verlängernden Bewegung zog Rommstedt einen Stuhl heran: ein dürres, singendes Schaben auf Linoleum, das Ed durch die verlassenen Flure des Hauses entgegeneilte. Dabei drehte sich der Grundriss des Gebäudes, eine Verschiebung aller Räume innerhalb der Station, von einem elektrischen Brummton begleitet … Sicher, dafür ist sie konstruiert, kombinierte Ed, schwerfällig und schläfrig, weshalb es ihn auch nicht besonders wundern musste, dass der Stuhl, der in seinem Rücken ankam und ihm sanft in die Kniekehlen fuhr, mitten im Labor stand, direkt vor den großen bleigrauen Aufnahmeplatten. Er konnte jetzt auch hören, dass es diese Platten waren, die den Brummton machten. Es ist nichts anderes, dachte Ed, als hätte er damit das Wichtigste verstanden. Noch einmal formulierte er seine Frage nach Kruso, seinem Bruder, aber nur in Gedanken, denn jetzt hatte Rommstedt zu sprechen begonnen.
Wie Ehrentitel zählte er die bisherigen Namen seines Instituts auf.»Institut für Strahlungsforschung, Institut für Strahlungsquellen, Heinrich-Hertz-Institut, Zentralinstitut für Elektronenphysik. «Eine Zäsur sei ohne Zweifel der große Brand von 1970 gewesen, verbunden mit dem Verlust des eigenen Beobachtungsturms. Im Volksmund aber habe sein Haus immer das Strahleninstitut geheißen.»Angefangen mit unseren Erfolgen gegen Kinder-Knochen-TBC, dann die Lumineszenz-Forschung, die Erfindung der Energiesparlampe …«Es war eine Rede zur Geschichte seiner Station, feierlich, stolz, eine Rede über die schon vor Jahrzehnten (unter seiner Leitung) begonnenen Experimente,»man stelle sich vor, alles nur am eigenen Material, sicher, letztlich nicht anders als bei allen großen Forscherfamilien, man denke nur an Becquerel, Curie oder Röntgen«. Experimente, wie Rommstedt betonte, die schon bald, so jedenfalls beurteile er die Lage, fortgeführt werden könnten, fortgesetzt mit ganzer Kraft,»denn wir sind das Volk, junger Mann, und wir bleiben hier, auf dieser Insel, nicht wahr, denn hier sind wir das Volk!«.