Wieder streichelte er Ed, aber mehr so, als überprüfe er die obere Rundung seines Schädels.
«Er hat Sie also aufgenommen? Mit allen Rechten und Pflichten?«Der Professor berührte das Blutsbrüderschaftsgekritzel. Er sprach ganz ruhig und langsam.
«Und nun sind Sie selbst schon beinah wie Aloscha, so mutig, so versessen, und, ja, von Sehnsucht getrieben, nicht wahr? Wie würden Sie es nennen, dieses Letzte, das Sie … voneinander trennt? Was Sie noch nicht besitzen?«Der Professor hatte eine Hand unter sein Kinn gelegt und drehte seinen Kopf in Position.
«Wie verloren, wie verlassen man sich fühlen kann, nicht wahr?«Der Brummton veränderte sich.
«Ihre besondere Empfänglichkeit, sagen wir Fühligkeit, junger Mann, ist mir natürlich nicht entgangen. Dazu Ihre Merkkraft, Ihr leicht erregbares Gemüt, sagen wir, Ihre spirituelle Grundausstattung. Es ist die Strahlung, nicht wahr, die Sie entspannt? Die Sie zurückversetzt in alte Tage — müde Dörfer, Türen, die sich seufzend öffnen …«
Das Brummen schwoll an.
Ed erblickte sich auf einem Berg aus Sand, die Welt war aus Sand, gemurmelte Sprachen rollten hinaus und wollten auch Häuser, Brücken und Straßen, gemurmelte Sprachen …
Er sah, wie er als Kind morgens hinausgegangen war zu dem Sandberg vor der Scheune im hinteren Hof und dort gesessen hatte. Den ganzen Tag, gesessen und gebaut, Häuser, Brücken und Straßen, bis am Abend die Erwachsenen kamen und seine Sandburg bewunderten, die riesig war und über alles verfügte, was die Welt im Innersten zusammenhielt: eine feine, bunt schillernde Murmel aus Glas und die Spirale einer langen, makellosen Bahn.
Halb herrschte schon die Dämmerung. Das Lob der Erwachsenen, wie Balsam, dazu ihre Köpfe, groß und dunkel unter den Flugrouten der Schwalben.
Der letzte Esskaa
Um Kruso nicht auszusperren, hatte Ed weder die Vordertür noch den Dienstbotenaufgang abgeschlossen. Die Terrassenbeleuchtung war eingeschaltet. Etwas Licht fiel auch auf den Spielplatz. Wie ein Geschütz vor der Schlacht ragte das Stahlrohr der Wippe in die erste Dämmerung.
Etwas bewegte sich im Haus.
Eine Weile stand er still am Fenster und lauschte. Der Angriff würde von Westen kommen, vom Meer her über die Steilküste, immer dort, wo es keiner erwartet. Während er beschloss, sich anzuziehen und Feuer zu machen, begriff Ed kaum, wie er hatte schlafen können in dieser Nacht.
Erstens Hackstock. Zweitens Ofen. Drittens Kaffee.
Er übernahm das Kommando.
Das Holz fing rasch Feuer und brannte gut. Es waren die schmalen, von Kruso zurechtgestreichelten Scheite. Ed starrte in die Flammen und wärmte sein Gesicht. Er dachte an seine Zeit beim Militär, an das Winterfeldlager, das Schlafen im Mannschaftszelt, den Kanonenofen in der Mitte. Zwölf Eisengitterbetten und elf Soldaten, die schliefen. Er versuchte, es so zu sehen. Er hatte Dienst und der Rest der Besatzung Nachtruhe. Das Meer war zugefroren. Die Erde war gefroren. Die Latrine hatten sie mit der Spitzhake ausgehoben, die Schläge summten noch in seinen Armen. Man durfte nicht einschlafen beim Ofendienst. Er trug seine Wattekombi. Er hörte die Wildschweine draußen hinter dem Zelt. Er starrte auf den Glutschein im Sand vor dem Ofen. Dann schlief er ein. Nein. Man hatte Dienst, verdammt, man musste sich zusammenreißen. Der Glutschein im Sand musste immer da sein.
Er holte sich Brot, Butter, Marmelade und eine Zwiebel aus der Küche. Irgendein Geräusch.
Er stand am Herd und lauschte.
Das Meer.
Nur eine andere Form der Stille.
Er löffelte sich reichlich Kaffee in eine Tasse und übergoss ihn mit kochendem Wasser. Schon als Kind hatte er hinter den Geräuschen, die er selbst verursachte, andere Geräusche gehört, leise Rufe, Stimmen, kleine gregorianische Gesänge, welche zu den Dingen gehören mussten, die diese Gelegenheit nutzten, sich auszutauschen. Darunter auch Hohn und etwas wie rasch ersticktes Lachen. Für eine Weile hatte man die Möglichkeit, das alles zu übertönen durch ein noch stärkeres eigenes Geräusch, aber irgendwann musste man doch wieder leise sein, und das Lauschen begann von vorn.
Es wäre einfacher gewesen, gleich in der Küche zu frühstücken, aber er trug alles in den Gastraum und nahm seinen Platz am Personaltisch ein. Mein Platz, dachte Ed. Sein erstes Personalfrühstück schien Jahrzehnte zurückzuliegen. Neben seinem Teller lag ein Kassenblock. Die Haut zwischen seinen Fingern war so ausgelaugt, dass er den Stift in seiner Hand kaum spüren konnte. Er wollte eine Liste schreiben, Dinge, die jetzt erledigt werden mussten, aber es fiel ihm nichts ein. Ein paar Worte gingen ihm durch den Kopf, und weil er hatte schreiben wollen, begann er zu schreiben, drei, vier Blätter voll.
Er kaute langsam und betrachtete die Fotos der früheren Besatzungen. Unverkennbar leuchtete die Gemeinschaft aus ihren Gesichtern. Die ältesten hingen weit oben, im Halbdunkel, ein paar Jahrgänge fehlten. Nicht wenige mussten inzwischen gestorben sein, und so waren es die Gesichter von Toten, die jetzt auf ihn heruntersahen. Der Blick eines Toten ist immer ein wenig tadelnd, wer hatte das gesagt? Irgendein kluger Kellner wahrscheinlich, oder nein, ein guter Tresenmann, jemand wie Rick.
Ed stellte sich ein Foto mit ihm und Losch vor, braungebrannt, mit nackten, glänzenden Oberarmen. Sie lachten, und die Bildunterschrift hieß: Robinson und Freitag beim Schach, 1990.
«Eine Weile hier oben und du weißt, wie man übers Wasser geht, Kleiner. «Einer der Toten hatte gesprochen, aus dem Halbschatten knapp unter der Gaststubendecke, Besatzung von 1932. Der Mann trug ein weißes Hemd und eine runde schwarze Brille, viel mehr war nicht zu erkennen von ihm; er sah aus wie Fernando Pessoa.
Das Geräusch war wieder da. Etwas ging durchs Haus, aber nicht mit Schritten. Als wäre der Klausner selbst erwacht, ein Rumoren in den Wänden, ein fernes, dumpfes Rumpeln, tief im Gestein.»Da entdeckten sie es«, murmelte Ed,»hinter dem Gasthof im Wald, der sogenannten Waldgaststätte weit oben auf dem Kliff, verbarg sich nichts anderes als ein prähistorisches Wesen, in dessen Leib ein Abwäscher eingeschlossen war, für den Rest seines Lebens …«
«Mache dich auf, geh nach Ninive …«Der Pessoa-Mann hatte wieder zu sprechen begonnen.
Ed stand auf. Er ging in die Hocke und hielt den Kopf schief, er kniete sich in die Ecken, hielt die Luft an und lauschte. Im Grunde war es überall. Probeweise legte er sein Ohr an das Gusseisen der Kasse, dann an den Tresen, die Fasskühlung stand still. Hastig lief er durchs Haus, aber es war weder oben noch unten, es bewegte sich, es war nirgendwo.
Also hinsetzen, Konzentration.
Sein Blick fiel auf den Kassenblock. Hatte er das geschrieben?
Ja.
Nein.
Die Zwiebel.
Er nahm das Kleinespitze und begann zu schälen, mit steifem Handgelenk. Ich brauche eine Leiter, dachte Ed. Er wollte versuchen, Viola zu reparieren, aber er schaffte es jetzt nicht, das Wort Leiter zu notieren.