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Es war eine Art Vibration, tackernd und dumpf, dann wieder ein Ächzen, ein Kichern vielleicht, aber sehr leise und wandernd.

Ed schob sein Frühstückszeug beiseite und legte das Ohr auf den Tisch, die Arme weit von sich gestreckt. Er versuchte, ganz ruhig zu sein; er sah aus wie frisch erschossen. Bildunterschrift: Der letzte Esskaa. Was er hörte, war das Rauschen, das übliche Rauschen. Es war immer da, in ihm und in den Dingen. Und er hörte das weiche Geraschel seiner Haare. Das Holz war kühl am Ohr. Er hörte sein Blut, das Klopfen, und es besänftigte ihn: Ist nur dein altes Holperherz, dachte Ed. Vielleicht sind der Klausner und ich eins geworden über Nacht, so Holterdipolter. Fast hätte er gelacht.

Er musste sich jetzt ein wenig bewegen. Er trug sein Geschirr in den Abwasch und versuchte, sich Krusos Vortrag über das Schreiben in Erinnerung zu rufen.»Eigentlich möchtest du ganz versinken, abtauchen, aber inzwischen genügt dir das kleine Kreisen deiner Hände im Wasser …«Er drehte das Wasser auf, es war bereits angenehm warm (guter Ofen). Er starrte auf seinen Teller unter dem Strahl und fühlte eine nicht geringe Lust, sein Ohr auf den nassen Rand des Beckens zu legen. Flüchtig fragte er sich, was er gesehen hatte — vielleicht gesehen, in seinem Rücken, bei den Regalen.

Zu spät.

Liebe

Von da an nur Einzelheiten. Die Wucht, mit der hinterrücks etwas auf ihn eingestürzt war, direkt aus der Wand. Die Last und der Atem in seinem Nacken. Das Wälzen über den Boden und die animalische Kraft, die versuchte, seinen Schädel in den Abfluss zu pressen.

Ed rang nach Luft. Er sprudelte ein» Nein-nein «hervor, dann» Au-auuu, auuu «und ein jämmerliches» Bitte«. Mitten in diesem Bitte tauchte sein Mund in den faserigen Schleim über dem Abflussgitter. Er spuckte und sog etwas davon ein — Seife und Verwesung.

Ohne Zweifeclass="underline" Das Tier aus der Wand war Kruso. Er keuchte, und seine Stimme war heiser. Aus dem Becken über ihnen stürzte das Wasser auf Eds Kopf und machte alles unverständlich. Immer wieder stieß er das Wort» Verrat «in seinen Nacken, dazu Rommstedts Namen und» alles erzählt, alles erzählt!«. Sein Hauptwort aber hieß»Verrat«. Verrat an Sonja, Verrat am Klausner,»und an meiner Mutter, meiner Mutter …«Er blieb hängen an diesem Punkt und sprang ins Russische. Sein Körper verströmte die Hitze des Fiebers, sein Atem roch krank.

«Losch!«Ein blasiges Gesprudel.

Erst jetzt bemerkte er es: Ein stechender Schmerz in seiner Hand. Das Kleinespitze. Noch abspülen, zu Ende abspülen, hatte er das oder an Krusos Poetik des Abwaschs gedacht, es war belanglos. Beim Zubodengehen, in jenem halb träumerischen und dann nicht mehr fassbaren Augenblick, hatte sich seine Faust um die Klinge geschlossen, er hatte sich am Kleinenspitzen festgeklammert, sinnloserweise.

Kruso kniete jetzt in seinem Rücken, er stotterte, er wiederholte sich, weit über ihm und dem Wasserfall. Ganz unten Eds Rippen auf dem Stein; sie würden zerbrechen. Die Strahlenstation, der Hygienekommissar — der Verrat war überall. Schon lange verstand Ed nichts mehr von Krusos Rede; das Abflussgitter presste sich in sein Gesicht und verzog es zu einer Grimasse — weggespült, das Wort riss ihn in die Tiefe, weggespült, ins Jauchenloch, ins Reich des Lurchs, weggespült wie Dreck, Abfall, fettige Soße, und jetzt war die Reihe an ihm selbst … Grauer Schleim hieß sein Freund. Grauer, faseriger Schleim, der verhinderte, dass rostiges Eisen sich in seine Lippen grub. Er hatte auch andere Freunde, Reste seiner Bestände zum Beispiel, mutige Helfer, die ihm, ja, wie immer, etwas flüstern wollten. Einen Rat, eine Idee, noch in letzter Sekunde.

«Und leise greift in seinen Mund die Hand

Der Toten. Sonja lächelt sanft und schön …«

Ein dumpfer Gong, und Kruso schien zu schweben.

Ed wälzte den schweren Körper zur Seite; er krümmte sich, er bekam keine Luft; das Wasser strömte, er hielt sein Gesicht in den Strahl und kotzte ins Becken; er versuchte, seinen Mund auszuspülen, alles herauszuspülen, er würgte und spuckte.

Wie frisch gefällt lag Kruso am Boden, mit ausgebreiteten Armen, als sei der Abwasch des Klausners seine letzte Station. In seinem Haar klebte Blut. Nicht viel, und es schien bereits zu gerinnen. Das Kleinespitze hatte sein Hemd auf Höhe der Hüfte aufgeschlitzt, aber die Haut darunter nur geritzt. Seine Flanke war getroffen, aber nicht ernsthaft, es war nur die Überraschung gewesen, der plötzliche Schmerz: Kruso hatte sich aufgebäumt und seinen Schädel mit ganzer Wucht gegen das stählerne Becken geschlagen, genauer gesagt, gegen das rostige Gestell aus Winkelstahl, auf dem die Becken ruhten …

Es ist die Stelle, dachte Ed, die Stelle ist einfach empfindlich.

Er sackte zu Boden, er konnte nicht stehen, er musste warten; sein Herz hämmerte. Erst später fragte sich Ed, wie er das Kleinespitze in der Faust zum Vorschein hatte bringen können, während sein rechter Arm ziellos nach hinten geschossen war.

Der Mann am Boden war durchnässt. Er wirkte sehr friedlich, er ruhte sich aus. Ein feines Vibrieren durchlief den Körper, und vorsichtig berührte Ed seine Stirn. Sie war heiß. Er fand kein Gefühl, dem er sich anvertrauen konnte, nur neue Angst und Panik. Und die Mechanik der Sorge, die ihm beistehen wollte, aufgrund irgendeiner Erfahrung, die er niemals gemacht hatte. Und darin die Enttäuschung, allein die Enttäuschung war ihm vertraut. Und darin erneut eine Sorge, echte Sorge, die Sorge der Freundschaft, und darin wieder die Enttäuschung, herb und dunkel, und darin die Wut und im Innersten die Hilflosigkeit. Der ganze Irrsinn, der nicht mehr zu begreifen war.

Kruso in Krombachs Kabuff zu transportieren dauerte eine kleine Ewigkeit und kostete alle verbliebene Kraft. Aus ein paar Römern hatte Ed eine Art Schleppvorrichtung hergestellt. Immer wieder entglitt ihm der nasse Körper und schlug auf den Boden.»Entschuldigung, bitte Entschuldigung …«Ed zitterte vor Anstrengung. Bei allem, was er tat, würgte es ihn, und er hatte das dringende Bedürfnis, sich zu übergeben.

Das Kabuff sah aus, als wäre es Krombach darauf angekommen, einen akkuraten Eindruck zu hinterlassen. Es roch nach Exlepäng. Ed lief in den Abwasch zurück und spülte sich noch einmal den Mund aus. Seine Zunge war geschwollen und klebte am Gaumen. Er las das Kleinespitze vom Boden auf und wusch es ab. Der Spuren-verwischen-Gedanke wehte herüber, blass und unwesentlich.

Wie große Beute lag Kruso vor Krombachs Schreibtisch. Unter der Sorge breitete sich die Kränkung aus, still und kalt. Die ganze Wucht der Zurückweisung. Ed setzte das Messer auf Krusos Brust und atmete tief.

Er dachte an Bilder in einem Film, er war jetzt selbst in einem Film. Er war die Hauptfigur, der letzte Mohikaner. So tief, wie die Kränkung dem Mohikaner ins Fleisch schnitt, sagte der Erzähler, während man einen einsamen Reiter zwischen hoch aufragenden Felsspitzen durch die Wüste ziehen sah, musste auf ihrer Kehrseite etwas Großes existieren. Und es musste sich jetzt zeigen, jetzt oder nie, offen und schutzlos, wenigstens für diesen Augenblick: seine Liebe.

Ed stach das Messer in Krusos Hemd.

Oder wie würden Sie es nennen, dieses Letzte …

Stück für Stück schnitt er Kruso das nasse Zeug vom Leib.

Krusos Penis war angeschwollen, aber nicht vollständig erigiert. Ed versuchte, den schweren Körper auf die hohe Matratze zu wälzen, doch das schien unmöglich. In einem neuen Anlauf zwängte sich Ed zwischen Wandschräge und Bett, von dort aus ergab sich eine Art Hebel. In einem ersten Schritt musste er Krusos Oberkörper ans Bett lehnen und darauf achten, dass er nicht wegsackte, nach vorn oder zur Seite, was sich als schwierig erwies; irgendwann blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn an den Haaren zu packen und aufrecht zu halten, während er um das Bett herumtanzte, um die Hebelposition einzunehmen. Während er zog und zerrte, erwachte Kruso. Sofort legte er seine Arme um Eds Hals.