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«Ein Mann, zwei Klappen, Ed, manchmal ist es so.«

Behutsam versuchte Ed seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und es gelang. Er umkreiste das Lager und hob auch die langen, dicht behaarten Beine ins Bett, die schwer wie Baumstämme waren.

«Oder nur eine, eine Klappe genügt, Ed.«

Ed nahm die Decke vom Boden und schob sie Kruso bis unters Kinn. Er versuchte, es ihm so bequem wie möglich zu machen.

«Edgar?«

«Eine genügt, Losch, wie du gesagt hast. Aber jetzt musst du dich ausruhen.«

«Warum ziehen der Mond …«

«und der Mann zu zweit …«

«so bereit nach dem Meer?«

Zuletzt hatten sie es beide gesagt. Als wäre das ihre Frage.

Noch einmal streckte Kruso eine Hand nach ihm aus. Ed blickte zu dem Kleinenspitzen auf dem Tisch. Dann sank die Hand auf die Decke zurück, und sein Gefährte schlief ein.

«Entschuldigung, bitte Entschuldigung.«

Eine wirre, unbestimmbare Zeit hockte Ed an Krombachs Schreibtisch und ließ die Wellen des Schocks über sich ergehen. Was er dann tat, war Notwehr: Er machte ein Tellerchen. Ein Tellerchen, wie seine Mutter es gesagt und gemacht hatte, als er noch ein Kind gewesen war, allein und unglücklich, ein Einzelkind in seinem Einzelzimmer, von Schularbeiten überfordert und dem Leben überhaupt.

«Ich mach dir ein Tellerchen, Losch.«

Er wusch einen Apfel, dann nahm er das Kleinespitze und schnitt ihn in Spalten, die er gleichmäßig auf einer Untertasse verteilte, bis sie eine Sonne ergaben. Dabei murmelte er unentwegt sein» Entschuldigung, bitte Entschuldigung «vor sich hin. Ein Apfelstück wollte er selbst verspeisen, aber er schaffte es nicht, sich etwas in den Mund zu stecken; ein paar Tränen rannen ihm über die Wangen.

Er lief in den Abwasch, um sich abermals den Mund auszuspülen. Er beugte sich über das Becken und kühlte sein Gesicht, der Abdruck des Abflussgitters schmerzte. Er musste jetzt vernünftig sein.

Sein Blick fiel auf die offene Klappe des Speiseaufzugs, auf die Pfütze am Boden. Der Aufzug! Der niemals benutzt worden war, der seit Jahren nicht mehr als eine Vertiefung in der Wand darstellte, Platz für Karolas Tee in der Stoßzeit und ein paar Kuchenbleche. Wie lange hatte Kruso dort gehockt? Zusammengekrümmt in diesem Würfel, und wie konnte er es geschafft haben, damit auf und ab zu fahren, Holterdipolter?

Kruso schlief. Vorsichtig rückte Ed Krombachs Stuhl an das Kopfende seines Bettes und stellte das Tellerchen dort ab.

«Ich habe dir ein Tellerchen gemacht«, flüsterte Ed.

Ein Tellerchen hieß Zuwendung und Trost, ohne dem Unglück des anderen zu nahe zu treten.

«Soll ich dir noch ein Tellerchen machen?«

Er ging auf sein Zimmer und zog das Foto von Sonja aus dem Notizbuch. Das Foto fühlte sich heiß an, so heiß wie Krusos Stirn, aber das lag an ihm, am Schnitt in seiner Hand, der jetzt ein wenig brannte. Durch die trockene, schimmlige Abwäscherhaut war das Messer kaum eingedrungen, und es hatte auch kaum geblutet, nur etwas dünne, gelbliche Flüssigkeit war ausgetreten. Vielleicht hatte man als Abwäscher irgendwann kein Blut mehr in den Händen, nur noch Lauge, flüssige Seife.

Er platzierte das Foto auf dem Stuhl, gleich so, dass es Kruso entdecken musste, wenn er erwachte. Er kam sich vor wie ein Kind, das einen halbtoten Vogel streichelt, den es gerade selbst aus dem Nest geschossen hat.

Erst jetzt fiel Ed das Telefon ein.

Er hatte sich verhalten, als wäre Kruso sein Eigentum. Als wäre er allein zuständig. Aufgrund irgendeiner monströsen Verzerrung bestand die Welt nur noch aus ihm und Kruso, den zwei beiden. Erneut wurde ihm übel.

Weil er die Nummer nicht sofort entziffern konnte, riss er das Blatt aus der trüben Plastikhülle. Die Inselärztin stand an vierter Stelle auf Krombachs Liste, eine dreistellige Zahl. Die Telefondose war halb zerbrochen, aber der Stecker ließ sich arretieren. Ed presste das Ohr an die Muschel. Eine Weile lauschte er wie betäubt in den Wechsel aus einem kurzen und einem langen, lang anhaltenden Ton. Als müsse sich irgendjemand melden, ohne dass er gewählt hatte.

Wir Hiergebliebenen

Der Teppich, die Schrankwand — als hätte er die Stube seiner Eltern betreten. Berge von dumpf glänzendem Kunstleder — die Sitzgarnitur. Wie große Tiere in einem kleinen Stall. Ed schöpfte Luft, er rang nach Atem. Im Haus schien es noch kälter zu sein als draußen.

Auf den ersten Blick fehlten die elektronischen Geräte. Fernseher, Stereoanlage, Lautsprecherboxen — die dunklen Umrisse ihrer Abwesenheit auf dem Hochglanzfurnier. Dahinter die Wunden, die Kabeldurchbrüche. Stichsäge, vermutete Ed, oder Bohrmaschine. Für einen Medizinerhaushalt erstaunlich grob ausgeführt, weit entfernt jedenfalls von jener stundenlangen Feinarbeit, die sein Vater für solche Arbeiten aufgewandt hatte.

Das Haus befand sich genau an jener Stelle, an der die Insel schon einmal auseinandergebrochen und überflutet worden war, vor langer Zeit. Die privaten Räume lagen im hinteren Teil, die Praxis zur Straße. Keine Stühle im Wartezimmer. Nur die Schabestellen, wo Stuhllehnen geendet, und darüber die grau schimmernden, fettglänzigen Flecken an den Wänden, wo die Köpfe der Kranken sich müde zurückgelehnt hatten über die Jahre. Das lange, entnervende Warten auf Trost und Tod, bevor man endlich nach Hause gehen konnte.

Im Behandlungsraum offene Schränke, Medikamente und Nahrungspulver, auf dem Boden verschüttet wie Schnee; die verbeulte Blechschale einer Babywaage. Der beige Stahlschrank mit der Patientenkartei, halb herausgerissen, die Krankengeschichten der Insel. Eine batteriegetriebene Wanduhr lag auf dem Tisch, wie vergessen, versehentlich liegen geblieben. Daneben ein paar leere Spritzen, eine Arzttasche und Gummihandschuhe. Der Sekundenzeiger der elektrischen Uhr machte ein fein klickendes Geräusch, kam aber nicht mehr voran.

Nicht mehr als zehn Minuten hatte Ed gebraucht mit dem Fahrrad bis zur Praxis; er war den Dornbusch hinuntergeflogen, den Plattenweg, dann die Betonstraße hinter der Düne, im Gegenwind durch die Novemberkälte. Die Haustür war offen gewesen, der Türrahmen auf Höhe des Schlosses zersplittert.

Auf die Tafel mit dem Sehtest hatte jemand mit Kugelschreiber KURPFUSCHER! und SCHEISSLAND! gekritzelt. Daneben die Schiene mit dem Zentimetermaß. Der Schieber war ganz nach oben gerückt, als hätte man zuletzt einen Riesen vermessen. Ed sah sich selbst an der Wand: das Holz auf dem Kopf, während er seine Wirbelsäule durchgedrückt und die Ballen seiner Füße angespannt hatte.»Einsvierundsiebzig!«Das Ergebnis kam einfach immer zu schnell, nicht so, als wäre man tatsächlich sorgsam gewesen. Messen und messen ist zweierlei, hatte sein Vater immer gesagt. Meist war es Einsvierundsiebzig gewesen, manchmal auch nur Einsdreiundsiebzig und ein einziges Mal Einsfünfundsiebzig, und so wurde es schließlich auch in seinen Ausweis eingetragen, Rubrik mittelgroß. Bei Aufnahme seiner Daten hatte man Größe und Augenfarbe selbst anzugeben — niemand schaute ihm in die Augen im Büro der polizeilichen Meldestelle, und niemand maß nach. Das hatte Ed sehr überrascht, und das erste Mal war in ihm eine Ahnung aufgestiegen von möglichen Lücken im System.

Ed wehrte sich gegen die Überschrift, aber sie kreiste bereits in seinem Kopf: Stille Verzweiflung. Er sah die Worte, sie waren unbrauchbar. Alles, was ein Gefühl nur benannte, war unbrauchbar, das Allgemeinmenschliche war unbrauchbar, schlechtes Material. Mittelgroß und braune Augen, das waren die Fakten. Im Licht allerdings graugrün, wie die seiner Mutter. Im Halbschatten braun, wie die seines Vaters; Ed ließ sich fallen. Es war der Patientenstuhl. Vor ihm ein cremefarbener Stahlschrank und sein Gesicht im Spiegel der Vitrine — ein Blick, als könnte er dort zu Hause sein, einfach einziehen, schlafen gehen, in diesem Schrank.