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– Nein, ich weiß nicht, wie ernst die Verletzungen sind.

– Er hat hohes Fieber, glaube ich.

– Fast zwei Tage, vollkommen durchnässt.

– Ich glaube, er hat sich unglücklich gestoßen.

– Ja, aber eigentlich nur ein wenig, nicht viel.

– Ja, aber nicht lange, er ist dann wieder aufgewacht.

– Ja, ich denke schon. Jedenfalls wusste er, wo er war.

– …

– Nein, nichts Besonderes. Nur, dass er Fahrstuhl gefahren ist, in unserem alten Lastenaufzug, vielleicht die ganze Nacht.

– …

– Ganz genau? Ein brauner Ring um eine graugrüne Mitte, würde ich sagen — ich bin eine Mischung aus Vater und Mutter, verstehen Sie?

– Hallo, Herr Bendler?!

Jemand hatte seinen Namen gerufen. Ed trat ans Fenster und sah, wie der Kreishygieneinspektor langsam die Straße heraufkam. Er trug die Jacke mit den vielen praktischen Taschen. Das Fenster des Behandlungsraums lag gleich neben der aufgebrochenen Tür, die sich jetzt in den Gläsern seiner Heliomaticbrille spiegelte. Rebhuhn räusperte sich leise. Ein Lebensgeräusch, das für niemanden bestimmt war, und plötzlich empfand Ed ein Gefühl großer Nähe, etwas, das ihm die Kraft aus den Knochen saugen wollte.

«Das Wertvollste ist schon verschwunden, Herr Bendler«, rief der Inspektor halblaut durch den Türspalt, er musste Eds Ankunft beobachtet haben. Vielleicht sehen sie uns immer, zu jeder Zeit, dachte Ed, und alle Ausflüchte sind überflüssig, genauso alle Berichte.

«Ich suche die Ärztin, Frau Dr. …«

«Und nichts anderes meinte ich, Herr Bendler. Oder dachten Sie, ich halte Sie für einen dieser Plünderer? Leider können wir das nicht verhindern. Es sind zu viele inzwischen, meist die Leute gleich von nebenan. Sie sind einfach schneller als wir. Wenn unsere Bürger ihre Mitbürger mit Koffern und Taschen auf der Straße sehen, haben sie das Brecheisen schon in der Hand. Aber das Eigentum von Flüchtlingen gehört nun einmal dem Staat, dem sie den Rücken kehren, Anordnung Nr. 2, verstehen Sie, Herr Bendler? Weshalb ich Sie bitten möchte, jetzt herauszukommen dort, ich muss die Tür versiegeln.«

Eigenartig war, dass der Inspektor das Haus nicht betrat. Und seltsam, dass er ihn bat, dass er eine Bitte ausgesprochen hatte, keine Drohung, kein Ultimatum. Für einen Moment glaubte Ed, René stünde hinter Rebhuhn, ohne Füße, auf seinen verfaulten Stümpfen, leise wankend.

«Haben Sie mich verstanden, Herr Bendler?«

Ed schwieg, er war verwirrt. Er hatte Kruso einen Zettel hinterlassen, neben dem Tellerchen, unter dem Foto, auf dem Stuhl, am Bett … Ihm wurde schwarz vor Augen. Er trat einen Schritt zurück ins Behandlungszimmer. Er war wie das Kind im Versteck, das nicht gefunden wird und spürt, wie es sich immer weiter entfernt von der Welt.

«Übrigens freut es mich zu hören, dass der Klausner noch in Betrieb ist«, fuhr Rebhuhn fort. Er sprach jetzt in den Türspalt, halb steckte er seinen Kopf in den Flur.»Es gibt Menschen in diesem Land, die stehen zu ihrer Arbeit, zu ihrem Platz in der Gesellschaft, die schmeißen nicht gleich alles hin, das nenne ich Verantwortung, Herr Bendler. «Er hatte den Satz wie in einen Tunnel gerufen, hörbar unsicher, was davon ankommen würde.

Ed schwieg.

«Diese Ärztin hingegen, sogenannte Inselärztin, ist über alle Berge — so viel zum hippokratischen Eid! Immerhin sind Ihre Wunden verheilt, sehr schön verheilt, oder, Herr Bendler?«

Ed erinnerte sich an eine Meldung Violas in den Tagen vor ihrem Verstummen. Ein guter Arzt lasse seine Patienten nicht im Stich, ein unentschuldbarer Verstoß gegen elementare Menschlichkeit und so weiter — dazu die Stimme des Gesundheitsministers und dann der Kommentar Violas, den er vergessen hatte, ebenso den Titel der Sendung, vielleicht das» Journal vor Mitternacht «oder» Tag für Tag «oder» Europa heute«?

«Seit ein paar Tagen ist die Grenze zu unseren tschechoslowakischen Freunden wieder offen, ein großer Vertrauensbeweis. Aber das wissen Sie natürlich. Jetzt können alle gehen, ab jetzt alle — ist das nicht ein Witz? Hören Sie mich überhaupt, Herr Bendler?«

Allmählich begann Ed die Lage des Inspektors zu begreifen. Aber was hielt ihn davon ab, die Praxis zu betreten?

«Deshalb freut es mich«, rief Rebhuhn,»freut es mich aufrichtig zu sehen, dass Sie noch da sind. Sie und Krusowitsch, unser Freund. Sie beschäftigen sich mit Gedichten, das ist uns bekannt — und vielleicht hat es gerade damit zu tun, wer weiß? Nicht auszuschließen, oder? Nicht wenige haben hier auf der Insel ihre Werke geschöpft, große Namen, weiß Gott, ich nenne nur Lummitsch, Cibulka, Pludra und natürlich Gerhart Hauptmann und Joachim Ringelnatz, Geistesgrößen vergangener Zeit, Vertreter des bürgerlichen Humanismus. Haben Sie schon einmal an eine Veröffentlichung gedacht, Herr Bendler? Kandidat des Schriftstellerverbands — wie hörte sich das für Sie an? Wir müssen jetzt zusammenhalten, wir Männer an den Schreibmaschinen, wir Schreibmaschinisten!«

Vorsichtig schob sich Rebhuhn durch die Tür und tappte am Behandlungszimmer vorbei in die Stube, die, zumindest für Ed oder einen Gutteil seines verwirrten Bewusstseins, noch immer ein Zuhause, eine Elternstube war: Der dunkle Glanz des Furniers, der gelbbraune Teppich, das tägliche Staubsaugen rund um den Ofen, die kleine Galaxie aus Brandflecken, verdeckt von einem später hinzugefügten Ofenblech — mit einem Schlag schien alles wertlos.

«Ihr anderer Kollege hingegen, jener Eisverkäufer, war dumm, sehr dumm! Erst dieser Unsinn mit der Schlägerei, und dann konnte er einfach nicht warten, und seine Flucht …«

«Welche Flucht?«, brach es aus Ed hervor. Fast hatte er geschrien, jedenfalls schon zu lange geschwiegen. Seine Frage zielte vom Flur her in den Rücken des Inspektors, der wie getroffen zusammenzuckte und seine Hände in die Luft riss. Vielleicht war es diese Geste, das Übertriebene, Hysterische daran; plötzlich spürte Ed seinen Hass, ein Hass wie aufgespart für diesen Augenblick.

«Welche Flucht?«, wiederholte Ed und bewegte sich langsam auf den Inspektor zu.

«Oh, Entschuldigung, das sind die Nerven, nur die Nerven.«

Auch der Inspektor trat einen Schritt auf ihn zu.

«Was ich Ihnen also noch …«Er versuchte, Ed am Ellbogen zu fassen,»ich bin berechtigt, Ihnen mitzuteilen, dass man ein Schlauchboot gefunden hat, unten am Gellen. Die übliche Grenzverletzung, würde ich sagen, auch ein ganz schlechtes Boot … Im Bug klebte ein Milchbeutel mit persönlichen Sachen, etwas Geld, Zeugnisse, kein Ausweis, aber das Foto — seine Partnerin, soviel ich weiß …«Er besann sich.»Alles wurde sichergestellt, Herr Bendler, und der Verdacht, der zeitweise auf Sie gefallen war …«

«Hören Sie, Rebhuhn. Mein … Kollege, Alexander Krusowitsch, ist krank. Er braucht dringend Hilfe, sofortige Hilfe, einen Arzt, einen … Er ist verletzt.«

Das Wort verletzt — es war, als hätte er etwas ausgespuckt von dem Gemisch aus Seife und Verwesung, das seine Mundhöhle besetzt hielt wie ein Pelz und ihn am freien Sprechen hinderte. Er hatte das Gefühl, nur Tierlaute auszustoßen.

Wie enttäuscht wendete Rebhuhn sich ab. Mit einer halben Pirouette sank er in einen der Kunstledersessel und seufzte vernehmlich. Eine Bö pfiff auf den Kanten des Hauses, ungehemmt fuhr der Sturm über das schmale Eiland, als sollte es noch einmal gereinigt werden vor dem Untergang. Hinter der Sitzgarnitur blähten sich die Übergardinen, schwer wie Bühnenvorhänge; Ed spürte Wind im Gesicht und entdeckte, dass ein Fenster zerbrochen war.

«Oh-ha! Unser Freund ist krank. «Der Inspektor stellte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander und bildete ein kleines Spitzdach.

«Nicht Ihr Freund«, hallte es dumpf aus Eds Filzmund. Unwillkürlich ging seine linke Hand zu dem Narbengekritzel am rechten Oberarm, für einen Augenblick spürte er den glühenden Umriss seines Körpers.