«Es tut ja gar nichts zur Sache, Herr Bendler, ob er es einmal war oder noch ist oder ob er es eines Tages sein wird oder wieder sein wird, wie ich glaube, unser Freund — wir Hiergebliebenen müssen jetzt einfach zusammenhalten, verstehen Sie? Die, die noch da sind, compris?«
Der Kreishygieneinspektor schlug die Beine übereinander, als wolle er sein Bleiben auf ewig verankern. Ein Windstoß, das zerbrochene Fenster — ein großes Stück Glas, das splitternd zu Boden krachte. Übergangslos stürzte Ed sich auf Rebhuhn und stieß ihm seinen fauligen Atem ins Gesicht:
«Mein Freund, mein Freund, mein Bruder!«
Wie ein Kleinkind winkelte der Inspektor einen Ellbogen über der Stirn, mit dem anderen Arm fuchtelte er ziellos gegen Ed, der den fremden Schädel tief ins Kunstleder stemmte. Die Heliomaticbrille verrutschte. Ein großes Insekt, das seine Augen verliert, dachte Ed, nur ein leichter Druck, und sie fallen zu Boden. Für einen Moment sah er das flache Inspektorenprofil; nur Andeutungen von Mund und Nase, ein Gesicht wie eine riesige abgenutzte Fingerkuppe, gelb und grau, der sandigen Erde ähnlich, in die Kruso und er die Flaschen vergraben hatten am Tag der Begierde, gegen den Westmond …
«Mein Freund!«, brüllte Ed noch einmal, denn das Brüllen tat ihm gut. Der Filz in seinem Mund war gerissen, und endlich konnte er sich hören, und er hörte, dass es stimmte, was er brüllte, während der Inspektor sich einbuckelte mit angezogenen Armen und Beinen, geschrumpft auf die Größe seines lächerlichen Namens.
Der Sturm hatte nachgelassen, und es regnete fein. Vor ihm der Inspektor. Im Gänsemarsch trabten sie die hundert Meter bis zur Meldestelle hinunter. Auf der Straße war niemand, der Ort wirkte wie ausgestorben. Selbst das Gehen des Inspektors hatte etwas Verlorenes; kurze, abgehackte Schritte, als wären seine Füße über Jahre in Ketten gewesen.
Im Büro gewann Rebhuhn allmählich seine Fassung zurück. Mehrere Ordner landeten auf seinem Schreibtisch, über denen er für eine Weile seine Hand auf und nieder gehen ließ; irgendetwas musste sortiert oder durchgezählt werden in der Luft.»Wir helfen Ihrem Freund. Wir helfen, wo wir nur können, selbstverständlich …«Das Gebrabbel glich einer Beschwörung, die es ihm ermöglichte, seine Angst im Zaum zu halten, und Ed erkannte, dass es der windelweichen Gestalt hinter dem Schreibtisch ernst war, dass Rebhuhn diesmal kein Theater spielte.
«Ich muss Sie bitten, sich jetzt nicht zu wundern, Herr Bendler«, hob Rebhuhn an,»wir helfen Ihrem Freund, wir können helfen.«
Noch im Stehen wählte er die Nummer. Ed starrte auf den eingeknickten Zeigefinger, der das Wählrad mehrmals verfehlte.»Bitte wundern Sie sich nicht, es ist der kürzeste …«In diesem Moment kam die Verbindung zustande. Der Inspektor nahm Haltung an, augenblicklich war seine Stimme sicher und fest, dann sprach er auf Russisch weiter. Er redete in kurzen, monotonen Sequenzen, als erstatte er einen Bericht, den man vielleicht schon erwartet hatte. Eine einzige Nachfrage, die ebenso kurz und isoliert beantwortet wurde. Jedes seiner Worte bezeugte Respekt und die Bereitschaft, sich bedingungslos unterzuordnen.
Ed verstand nicht mehr als zwei, drei Wendungen; in all den Jahren Unterricht hatte sich sein Wortschatz kaum vermehrt. Rebhuhn diktierte Längen- und Breitengrade, wie es unter Militärs vielleicht üblich war bei Ortsangaben, dann die Postadresse des Klausners — Ed hörte sie das erste Mal. Selbst die Adresse hatte Rebhuhn mit russischem Akzent gesprochen. Am Ende war er gezwungen, Namen und Dienstgrad zu wiederholen, er buchstabierte, langsam und deutlich, aber es klang ausdruckslos, nichtig, wie der letzte Versuch, jemand zu sein.
Die Aufgabe des Ostens
Kruso schlief. Es war eine Art Märchenschlaf. Ed berührte die große unrasierte Wange, er strich darüber hin, mit dem gekrümmten Zeigefinger, wie ein Vater, wenn er sich nachts noch einmal über das Bett seines Sohnes beugt. Er hielt seinen Handrücken an die Stirn, dann die Lippen, weil das Handrückengefühl täuschen konnte. Seit dem Morgen waren hundert Jahre vergangen.
Eine Weile blieb Ed dicht über Krusos Gesicht, und aus irgendeinem Grund schloss er die Augen. Er sah Rimbaud an der Kasse und Karola am Tresen, selbst sein Vorgänger Speiche saß wieder mit ihnen allen am Tisch und fragte nacheinander nach seiner Tasche, seiner Brille, seiner Zahnbürste. Die Unwirklichkeit hatte ein Maß erreicht, in dem es möglich war, dass er Speiches Pullover auf dem Leib trug und ihn gleichzeitig aus dem Schrank nehmen und übergeben konnte, so feierlich, als handele es sich um seinen Abschlussbericht, das Eingeständnis einer kaum noch bemessbaren Schuld, die er als Nachfolger angehäuft hatte.»Bitte verzeih, lieber Speiche, ich …«
Er schaffte es nicht, sich Kaffee zu machen, und übergoss Kaffeelikör mit kochendem Wasser. Er zog die Gardine beiseite und schaute nach draußen auf die Terrasse, als könne dort die Hilfe in jedem Moment eintreffen, ein Hubschrauber vielleicht. Oder eine neue russische MiG, ein Senkrechtstarter, der keine Landebahn brauchte, nur Breiten- und Längengrade. Er versuchte zu trinken und verbrannte sich die Lippen.
Er stieg nach oben und begann, eine Krankenhaustasche zu packen. Es war kalt in Loschs Zimmer, er hatte vergessen zu heizen. Das Rasierzeug war sauber aufgereiht. Er nahm etwas Wäsche aus dem Schrank, auch dort herrschte Ordnung. Kleine Stapel, zu schwarzen Baumwollpyramiden aufgeschichtet, auf der Spitze ein paar Strümpfe. Einsatzbereit. Kein Schlafanzug, kein Bademantel — das würde fehlen. (Sofortige Missbilligung der Oberschwester:»Kein Schlafanzug? Dann eben das. «Ein kurzes Hemd, das hinten offen war, Gesäß und Rücken entblößt.) Ed steckte den größten Teil ihrer Einnahmen in einen Briefumschlag und platzierte ihn am Boden der Tasche. Nach einer Weile kramte er das Kuvert wieder heraus und notierte darauf seine Festlandadresse: Wolfstraße 18, 4020 Halle / Saale. Er wusste nicht, weshalb, er tat es nur.»Meine Mappe ist sicher, Ed, oder?«Erst jetzt fielen ihm die Gedichte ein. Kruso war in den letzten Tagen einige Male darauf zu sprechen gekommen; er hatte sie ihm anvertraut.»Und so lassen wir es, Ed, bis sich hier alles wieder beruhigt hat. Dann stelle ich den Band zusammen. «Vierzig Minuten bis zur Höhle des Fuchses und zurück — aber was, wenn die Hilfe gerade in diesem Moment eintreffen, was, wenn Losch erwachen und ihn brauchen würde. Es gab keinen Platz in seinem Kopf, länger darüber nachzudenken.
Er brachte die Tasche ins Kontor und platzierte sie am Fußende des Bettes. Als der Eindruck, etwas sei damit unwiderruflich besiegelt, übermächtig wurde, nahm er sie dort wieder weg und stellte sie auf Krusos Stuhl am Personaltisch. Seine Hilflosigkeit war mit Händen zu greifen.
Weil Kruso fror, schloss Ed den Bahnheizkörper an und schob ihn unter das Bett.»Eins nach dem anderen«, flüsterte Ed und holte einen zerknautschten NIVEA-Wasserball aus dem Schuppen, den er abspülte und mit heißem Wasser füllte. Er versuchte, sich nicht zu beobachten dabei; er versuchte, es praktisch zu sehen. Für einen Augenblick erkannte Ed, wie geisterhaft alles war. Er sah die Besatzung eines Geisterschiffs, gestrandet an der Küste einer Geisterinsel; Schiffbrüchige, Insulaner und Esskaas, sie alle waren geisterhaft.
Als er Kruso den halbvollen Ball unter die Beine schieben wollte, sah er, dass sein fiebriger Freund sich etwas auf den Bauch presste, unter der Decke. Es war das Foto, es war Sonja.
«Gut, gut«, murmelte Ed,»du hast sie dir geschnappt, was?«
Er hatte eine Idee.
Krombachs Exlepäng. Er nahm eine frische Flasche aus dem Schrank, der Beipackzettel fiel ihm in die Hand.
Es ist nie zu spät, aber auch nie zu früh … Pflege und Nahrung, wie jeder Boden, der Frucht bringen soll … erfrischt und verjüngt … Der Name Exlepäng garantiert weit über ein halbes Jahrhundert für Qualität und Wirkung. Ed rechnete: 2039. Weit über: 2050? So stand es dort, aber so war es nicht gemeint, nein, sicher nicht.