Vorsichtig zog er Kruso das Foto aus den Fingern, wobei es noch stärker zerknickte. Er schüttete sich etwas von dem Elixier in die Hand und rieb die dicht behaarte Brust seines Gefährten damit ein.»Nur den Moment, Losch, nur den Moment, gleich kommt sie zurück zu dir, sie passt auf dich auf, sie kommt zurück, das wissen wir. Sie ist nur hier drüben, auf dem Stuhl, da wartet sie auf dich. «Ed spürte die Wärme unter der Hand. Kruso atmete schneller, es wurde heiß auf der Haut, ein Husten kam ins Rollen, wie eine Lawine aus Kies …
Erschrocken ließ Ed von Kruso ab. Alles konnte falsch sein. Alles das Gegenteil bewirken. Er nahm das Foto vom Stuhl und schob es zurück, auf Krusos Bauch.
Erst jetzt bemerkte er es: Die Leere über dem Schrank. Krombachs graue Herzen, sie fehlten. Sie schlugen nicht mehr.
Kruso war jetzt wach, öffnete aber nur selten seine Augen. Ed stampfte Weißbrot, Milch und etwas Sanddornsaft zu Brei. Sanddorn sei für alles gut, behaupteten die Inselleute. Er gab Zucker und zwei Gelonida dazu, die er neben einem Fläschchen Jodtinktur und ein paar ergrauten Kompressen in Krombachs Rotkreuzkasten gefunden hatte. Einer Eingebung folgend, mischte Ed auch ein paar Blättchen von Krusos getrockneten Kräutern in den Brei, die sein Gefährte feierlich» letzte Ernte der Saison «genannt hatte.
Wie beim Füttern eines Säuglings tippte Ed mit dem Löffel zuerst die Oberlippe an, und tatsächlich, als existiere dieser Reflex ein Leben lang, öffnete Kruso seinen Mund, aber nur ein wenig. Ed strich etwas Brei ab und versuchte, die Speise mit der Rückseite seines Löffels tiefer in den Mund zu schieben, was ihm schließlich auch gelang. Kruso schluckte, schlug die Augen auf und begann sofort zu sprechen.
«Die Aufgabe des Ostens, Ed, ich meine des ganzen Ostens, von den kasachischen Jurten angefangen, vom Zirkuszelt meiner Mutter an, in Karaganda, du weißt, von dort bis hier, bis zu dieser Insel, dieser Arche …«, er verschluckte sich und spuckte, offensichtlich tat der Brei ihm gut,»… wird es sein, dem Westen einen Weg zu zeigen. Einen Weg zur Freiheit, verstehst du, Ed? Das wird unsere Aufgabe sein, und die Aufgabe des ganzen Ostens. Ihnen, die es technisch, ökonomisch, infrastrukturell so weit …«, er schluckte und fuhr kräftiger fort,»ihnen, die so weit gekommen sind mit ihren Autobahnen, Taktstraßen und Bundestagen, den Weg zur Freiheit zu weisen, diese verlorene Seite ihrer … ihres Daseins. «Er verschluckte sich erneut, dann der Anfall eines Hustens, als hätte ein unsichtbarer Riese seine Schultern gepackt, um ihn für eine Weile gründlich durchzuschütteln.
«Pscht, pschschscht«, machte Ed, verstummte aber sofort, als er Krusos stechenden Blick bemerkte.
«Es ist unsere Aufgabe, Ed. Die Wurzel zu beschützen vor den Schlacken, die jetzt kommen, in unfassbar wohlriechenden Lawinen, unfassbar verlockend, milde, gutaussehende Schlacken, verstehst du, Ed?«
In seiner Verlegenheit versuchte Ed, mit dem Füttern fortzufahren, aber Kruso schluckte nicht mehr. Er schob nur noch die Lippen ein wenig gegeneinander und förderte so einen Teil des Breis wieder zu Tage.
«Die Freiheit zieht uns an. Sie erkennt ihre Helfer. Und sie hat auch dich erkannt. Sie hat dich erkannt, Ed!«
Ed rieb den weißgelben Schlamm so gut es ging aus dem Stoppelbart und wischte ihm über die Brust. Die Waschung diesmal schon am Nachmittag, flog es Ed durch den Kopf, sinnloserweise. Er begann seinem Freund gut zuzureden.
«Etwas müssen wir auch essen, Losch. Ich meine zur Stärkung, gegen die Schlacken, ich meine, wer sonst sollte wissen, wie …«
Da Ed auf Dauer nicht besonders viel in diese Richtung zu sagen hatte (obwohl er, wie so oft, den tiefen Wunsch verspürte, übereinzustimmen mit seinem Gefährten, in aller Fremdheit eins mit ihm zu sein), ging er dazu über, Trakl vorzutragen. Einige Strophen und sogar ganze Texte hatte er tatsächlich vergessen. Das war nicht schlimm. Er summte Zeilen und Reime aus anderen Gegenden herbei, das fadenscheinig gewordene Kompendium seiner Auswendigbestände, er summte das alles so vor sich hin, als wäre es nie etwas anderes gewesen als eine einzige liebevolle Melodie, gestimmt auf einen einzigen verzweifelten Ton — den eigenen Ton. Auch Krusos Gedichte gehörten dazu, und dann auch Passagen, von denen er bis dahin nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existierten. Etwas wie ein eigenes Gedicht — als hätte er zu schreiben begonnen.
Sein Löffel berührte Krusos Mund, und der Sesam öffnete sich.
«Gut, Losch, sehr gut«, murmelte Ed,»so schaffen wir das.«
Auf dem Weg in den Abwasch fühlte Ed sich gestärkt und beinah zufrieden. Er spülte den Rest des Breis aus der Tasse und ließ sie voll Wasser; er tauchte seine unverletzte Hand in die Tasse und fühlte den Wasserstrahl. Brüderchen, was machst du, schläfst du oder wachst du? Zwei, drei Mal drehte er sich um, zur offenen Klappe des Lastenaufzugs, in dem noch immer eine Pfütze stand. Als er ins Kabuff zurückkehrte, schien Kruso wieder ganz bei sich zu sein. Sein Kopf lag schief im Kissen, sein linkes Augenlid begann zu zittern. Als er die Augen erneut aufschlug, blieb das Lid für zwei Sekunden hängen, auf halber Strecke.
«Bist du verletzt, Ed?«Er griff nach Eds lädierter Hand.
Das Fieber glänzte wie eine Maske auf seinem Gesicht. Nichts erinnerte an den Hass, mit dem er ein paar Stunden zuvor Eds Kopf in den Abfluss hatte stopfen wollen.
«Das gehört dir, Ed. «Er streckte ihm das Foto entgegen; es war zerknickt und fleckig von Schweiß oder Exlepäng.
«Nein, Losch, bitte, du solltest sie jetzt bei dir behalten, ich meine …«
«Nimm es zurück. Sie passt auf dich auf. Sagen wir, bis zur nächsten Vergabe.«
Das Foto war nur noch ein Fetzen. Ein kostbarer Fetzen, solange dort das sanfte Lächeln zu erkennen war. Unsere eigene kleine Tote, dachte Ed.
«Wir legen sie einfach hier ab, am Bett, ich meine, für uns beide.«
Krusos Gesichtsausdruck veränderte sich. Rasch griff Ed zu, aber jetzt ließ Kruso nicht mehr los; er hielt das Foto fest und sah ihm in die Augen.
«Sie ist irgendwo da draußen, Ed. Du kannst meinen Feldstecher benutzen. Du orientierst dich an den Lichtern. Denk an das grüne Licht. Und sollte ich einmal nicht hier sein, für eine Zeit, dann — kümmerst du dich. Versprich mir das. Versprich es, jetzt!«
Als würde in diesem Moment der Stromkreis unterbrochen, schloss Kruso die Augen und verstummte.
«Ich verspreche es«, murmelte Ed.
Er stellte das Foto zurück auf den Stuhl. Die Wachsflecken, der Schweiß, das zerknickte Gesicht. Es tat ihm weh.
Irgendein Mensch, irgendeine Hilfe. Ed sah auf die Uhr. Leise begann er sich zu verfluchen. Welche Möglichkeiten hatte es gegeben? Ärzte unter den Urlaubern? Seit Anfang November schien die Insel wie leergefegt. Sicher, irgendwo saß ein Arzt in seiner Pension, schnitt Mischbrotscheiben und lauschte zufrieden dem Rauschen des Meeres. Vosskamps lächerlicher Medpunkt würde nicht mehr hergeben als Krombachs Rotkreuzschrank, und das Krankenhaus in Bergen war zu weit entfernt.
Er zog das Fernsprechbuch aus Krombachs Schreibtisch.
Ed war es nicht gewöhnt, zu telefonieren. Zu Hause hatten sie nie ein Telefon besessen. Das Sprechen in ein Gerät, ohne Gegenüber, erschien ihm unnatürlich; es hatte etwas Künstliches, beinah Krankhaftes. Ed erinnerte sich an sein erstes Telefonat, als Kind, im Dorfkonsum. Die Konsumfrau hatte ihm die Hörmuschel ans Ohr gedrückt, quer über die Theke mit den Bonbongläsern. Die Stimme seiner Mutter traf ihn wie ein Schlag, er konnte sie spüren, im Ohr, aber sie war nicht da. Er hatte kein Wort herausgebracht, obwohl alle im Laden ihn zum Sprechen ermuntern wollten; kein einziges Wort.
Die schmutzig gelbe Titelseite des Fernsprechbuchs (eine Ausgabe von 1986) war mit gestrichelten Linien überzogen, der Versuch einer geometrischen Darstellung von Ferngesprächen, wie unschwer zu erkennen war. Ein imaginäres Gebilde, an dessen Knotenpunkten kleine Telefone hockten, wie Spinnen im Netz. Ein größeres Tier, das äußerlich einer Wählscheibe glich, hatte sich dort bereits verfangen. Alles wurde überragt von dem rückwärts abkippenden Monolithen eines pechschwarzen Telefonhörers, der wie ein seltener Götze oder Gott das Telefonnetz halb umschloss und drohte, alles mit sich in die Tiefe zu reißen.