Auf Seite 1 hatte man» Signale zur Warnung «aufgelistet. Atomalarm, Luftalarm, Chemiealarm und Entwarnung. Dann eine Seite mit Regeln, die Ed rasch überflog, dann die» Hinweise zur Benutzung«.»Im Interesse der gegenseitigen Rücksichtnahme und besseren Erreichbarkeit: FASSE DICH KURZ!«war fett gedruckt. Ed wählte die Nummer der Schnellen Medizinischen Hilfe. Eine Stimme erklang, die sich mit» Auskunft «meldete. Das war eigenartig, aber vielleicht gingen ja alle Dienste über die Auskunft. Es rauschte, und irgendein Zählwerk setzte ein. Aber es war etwas anderes, das Ed irritierte. Er presste die graue Muschel des Hörers gegen sein Ohr, er schwitzte.
«Mein Name ist Edgar Bendler, Mitarbeiter der Betriebsgaststätte Zum Klausner, ähmm …, auf Hiddensee, Bezirk Rostock, Kreis Rügen. «Er sprach sehr laut und buchstabierte die Adresse.
«Ja, bitte?«, antwortete der Mann, und in diesem Moment wusste es Ed.
«Rebhuhn?«
«Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht. Bitte tragen Sie Ihr Anliegen vor.«
«Rebhuhn, du Schwein!«
«Hallo, Teilnehmer?«
Ein Klacken und das Besetztzeichen ertönte, es dröhnte in Eds Ohr. Krusos Arm fuhr kraftlos durch die Luft und stürzte ab.»Die Verräter sind jetzt überall, auch im Telefon. Hören alles mit, die Finsterlinge. Auch das Meer ist ein schlimmer Verräter, Ed, wusstest du das? Welle, welle, manche Stunde!«
Scheinbar wahllos zählte Kruso Orte auf, die er» Orte der Wurzeln «nannte, Plauen, Gotha, Pécs, Brünn, Krakau, Kursk, Pawlodar, Karaganda …
Draußen wurde es dunkel.
Ed machte Licht und riss den Stecker des Bahnheizkörpers aus der Dose. Er holte ein Glas Wasser vom Tresen und gab Kruso zu trinken.
«Das Wasser ist der schlimmste Verräter, Ed. Ich meine, das tiefe Wasser, wusstest du das?«
Er hustete wieder. Sein Zustand verschlechterte sich. Er hatte seltsame Flecken auf der Haut und Augenringe, die sich bis auf das Gebiet der Wangen zogen mit ihren Schattenhöfen.
«Schade, sehr schade, alte Zwiebel«, murmelte Kruso.
Der Weg zum Tresen schien plötzlich weit, und das dumpfe Geräusch seiner Schritte auf den Dielen genügte Ed nicht mehr, ihm irgendein Vertrauen einzuflößen. Die Räume lösten sich langsam ab, die Saison war vorbei.
«Ed. Ed? Der Dornbusch brennt.«
Eine Weile saß Ed noch am Schreibtisch, dann kroch er zu Kruso ins Bett. Sein Gefährte hatte sich abgewendet und seine Stirn gegen die Wand gepresst. Er stöhnte und ächzte, bis ihn die Erschöpfung in den Schlaf zog. Gegen Mitternacht ein neuer Anfall von Schüttelfrost. Zitternd plapperte Kruso kaum verständliche Dinge. Es ging um seine Mutter, die Hochseilartistin, und um die drei Bären auf seinem Mischka-Schokoladenpapier. Das Russenstädtchen Nr. 7 tauchte auf und jemand, den Kruso den» Brunnenmeister «nannte, den Brunnenmeister von Sanssouci.
«Der Keim der wahren Freiheit, Ed, gedeiht in Unfreiheit.«
Er wurde immer leiser. Am Ende war alles nur noch gehaucht, ein stotterndes Atmen.
Umständlich versuchte Ed, seinem Gefährten etwas Wärme einzuflößen, aber der Schüttelfrost war einfach zu stark. Manchmal schien es, als wolle Kruso ihn zurückstoßen, abschütteln. Dann umfasste Ed ihn noch fester und summte das Gedicht.»Abend kehrt in alten Garten; Sonjas Leben, blaue Stille. Wilder Vögel Wanderfahrten …«
Irgendwann kehrte Ruhe ein. Nur das dumpfe Vibrato seiner Stirn an der Wand, als dürfe er nicht aufhören damit, sein SOS in die Grundmauern des Klausners zu morsen.
Ed beschloss, Losch am Morgen mit der Karre zum Hafen zu fahren, zum ersten Schiff. Von dort bis Stralsund, dann ins Krankenhaus. Vielleicht würde es sogar möglich sein, die Karre bis ins Kabuff zu rangieren, direkt ans Bett. So schaffe ich das, dachte Ed. Er legte seine Lippen auf Krusos schweißnassen Rücken. Dann sein Ohr. Dann wieder seine Lippen. Für eine Sekunde der Geruch von Weihnachtsgebäck. Etwas mit Zimt. Eds Schultern zuckten, dann brach es über ihn herein. Ohne einen einzigen Laut von sich zu geben, ließ er seinen Tränen freien Lauf.
Heimholung
Der Personaltisch war belagert von Koffern und Reisetaschen, die laut diskutierten, über Gott und die Welt und die neuen Reiseziele. Alle waren sehr aufgeregt, denn niemand konnte wirklich wissen, was ihn da draußen erwarten würde, auf Møn, Hawaii, in Shanghai. Sogar Eds abgewetzte Kunstledertasche ergriff das Wort. Bis Gevatter Tod die Gaststube betrat und alles verstummte.
«Das ist nicht der Tod«, flüsterte Krombachs Hartschalenkoffer,»das ist nur … der Fährmann.«
Nur der Fährmann, träumte Ed.
Ein Stern kam auf ihn zu, ein Stern aus dem Dunkel.
Bis Ed begriffen hatte, was geschah, war alles wie gefügt aus schnellen Atemzügen. Der große Umriss neben dem Bett. Ein Mantel, der sich öffnete. Ein Koppelschloss mit Sowjetstern. Es schlug gegen das Glas auf dem Tisch und das Glas verwandelte sich: ein leise tönender Gral, voller Abschiedsmusik.
«Wir haben gewartet, die ganze Nacht, ich bin so froh, dass Sie … Wir haben gewartet und …«
Gegen das Licht der Schreibtischlampe konnte Ed zunächst nur die untere Hälfte der großen Gestalt genauer erkennen. Ein grauköpfiger Hüne, ein knielanger Mantel, der ihm nach Art der Kommandeure über die Schultern hing. Halb geblendet, heftete Ed seinen Blick auf die breiten, konturlosen Schulterstücke. Die leeren Ärmel und der leuchtend rote Streifen am Saum des Mantels, ohne Zweifeclass="underline" ein General. Wie gelähmt lag er noch immer unter der Decke. Im Schlaf hatte Kruso sich gedreht und seinen rechten Arm um Eds Schultern geschlungen — als wollte er ihn halten oder beschützen.
Ein zweiter Soldat in Matrosenuniform betrat das Zimmer und schlug, ohne zu zögern, die Decke zurück. Krusos Griff wurde fester, aber das nützte nichts. Umstandslos zog der Matrose Ed aus dem Bett. Dann begann er Kruso zu untersuchen, der schwer atmete, aber nicht mehr zu frieren schien.
Als wäre auch Ed jetzt ein Teil der Truppe, nahm er Aufstellung neben dem Bett und versuchte, noch einmal seine Meldung zu machen:»Wir haben gewartet, die ganze Nacht, das Telefon war tot …«In diesem Moment überschwemmte ihn die Scham. Sein entblößter Gefährte, und er, halbnackt, ein Häuflein Elend, die Hände an der Hosennaht, wenn es Hosen gegeben hätte.
Auch der General schien verlegen; er griff nach der Flasche auf dem Tisch und las das Etikett.
«Ex-le-päng?«
Seine Stimme: ein dunkles Rollgeräusch.
«Sechzig Prozent Alkohol«, stieß Ed hervor, erleichtert über die Gelegenheit.
«Ich habe Losch, ich meine …, ich habe Alexander damit eingerieben, er hatte Schüttelfrost, er ist — verletzt.«
Ed deutete auf Kruso und berührte die Stelle an seinem eigenen Hinterkopf. Zerstreut versenkte der General die halbvolle Flasche in seiner Manteltasche. Mit einer halben Verbeugung deutete Ed auf das Heer von Reserveflaschen im Schrank, aber der große Mann bemerkte sein Angebot nicht, oder er sah darüber hinweg.
Sein ganzer Auftritt wirkte feierlich, nicht wie ein Notkommando. Für Befehle genügten die Augen. Ein kleiner brauner Riemen zog sich quer über seine Brust, von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte, wo Ed die Waffe vermutete.
Kruso stöhnte, und der Soldat machte ein Zeichen. Er hatte einen Port gelegt und einen Tropf angeschlossen, den er jetzt über dem Lager hin und her schwenkte, als gehöre das zur Behandlung. Erschrocken wich Ed zurück, aber der General, der einen schnellen Schritt gerade auf ihn zu gemacht hatte, griff nur nach dem Foto auf dem Stuhl. Dem Fetzen.