Das Gesicht des Generals. Ed erkannte Krusos große verletzliche Wangen, ihre endlose Fläche, grau und verdorrt, kasachische Steppe, darin ein Kamel, darauf Sonja und Kruso, die Geschwister, unterwegs zum Aralsee. Aber sie erreichten ihn nie, denn mit jedem Schritt wich auch das Ufer des Sees ein Stück zurück.
Was ist geschehen, damals? fragte Ed.
Die Frage war zu groß für Krombachs Kabuff. Obwohl sie nur in Gedanken gestellt worden war, überschwemmte sie augenblicklich das Zimmer, weshalb sich der General ruckartig entfernte. Das Foto hatte er zurückgelegt. Der Sanitäter, dem es gelungen war, die Infusion an einem Griff des Büroschranks zu befestigen, folgte ihm.
Im Gastraum gab es noch mehr Soldaten. Sowjetmatrosen. Sie hockten müde an verschiedenen Tischen, als warteten sie schon lange auf ihre Bestellung. Als der General erschien, sprangen sie auf und verbreiteten eine Wolke säuerlichen Geruchs. Auf Kommando begannen sie, dem Personaltisch die Beine abzuschlagen. Der Sanitäter sammelte Tischdecken ein. Dabei achtete er darauf, dass kein Aschenbecher zu Boden fiel. Die Schläge gegen den Tisch wurden gezielt, fast sorgsam ausgeführt, weshalb Ed davon ausging, dass es sich nicht um Vergeltung oder den Beginn eines Rachefeldzugs handelte.
8. November, SA 7.09 Uhr, SU 16.18 Uhr. So wäre es im Hermes-Taschenkalender zu lesen gewesen, aber sein provisorisches Tagebuch benutzte Ed schon lange nicht mehr, und wirklich hell wurde es auch nicht an diesem Tag. Wie letzte vergessene Gäste eines endlosen Herbstes hockten der Fregattenkapitän und zwei seiner Soldaten auf der Terrasse. Als der General erschien, sprang Vosskamp auf und machte seine Ehrenbezeigung. Einer der Soldaten schaffte es nicht, seine Waffe über die Schulter zu bugsieren, weshalb er sie gerade vor die Brust hielt und in dieser Haltung erstarrte. Der General tippte an sein Mützenschild und rief etwas auf Russisch über die Biergartentische.»Pletschom ka pletschu«, brüllte der Fregattenkapitän zurück, was die wenigen Vögel, die sich dieses Morgens angenommen hatten, augenblicklich zum Verstummen brachte. Vosskamp salutierte noch einmal, in den Rücken des Generals, sah dabei aber bereits zu Edgar hin. Ed empfing Unverständnis, aber auch Güte. Der Blick eines entsetzten Elternteils.
Pletschom ka pletschu.
Der Sanitäter hatte Kruso mit Tischdecken auf die Platte des Personaltischs gebunden. Ihre großblumigen Muster waren mit Speisekrusten und Bierflecken übersät, dazwischen, schwarzumrandet, die Brandlöcher von Zigarettenglut. Für einen Moment hatte Ed sie für Einschüsse gehalten.
Der General selbst war es jetzt, der den Tropf in der Luft hielt (das Leben), während sie die Treppe zum Meer hinunterstiegen. Durch Gesten seiner freien Hand dirigierte er die Träger, die verlangsamt und im Gleichschritt gingen, wie üblich beim Begräbnis eines teuren Toten. Der Sanitäter war für einige Meter vorausgeeilt, um die zahlreichen lockeren oder fehlenden Stufen der Klausnertreppe auszurufen. Und am Ende Ed, wie ein nutzloses Kind, das der Prozession hinterherspringt, ohne zu wissen, was wirklich geschieht. Immerhin: Er trug die Tasche, die Krankenhaustasche. Immerhin: Er verstand diese Tasche. Sieben Sachen, nicht so schwer. Bisher hatte niemand danach gefragt.
Wie ein Pharao auf seiner letzten Reise schwebte Kruso zwischen den Soldaten, mit den Füßen voran. Bestimmte Abschnitte der Treppe zwangen die Träger, die Platte des Personaltischs ausgesprochen steil zu stellen, als wollten sie dem Meer das Opfer oder dem Opfer das Meer noch einmal zeigen, den Horizont bis Dänemark, das unsichtbar im Nebel schwebte, oder das Wasser der Ostsee, das träge und novemberkalt hinter den Sanddornbüschen stand, von denen die Steilküstentreppe mannshoch überwuchert war. Ja, für einen Moment schien es Ed, als hielten sie der Ostsee einen Heiligen entgegen, einen Märtyrer, dessen Körper sie in einem nächsten Schritt den Fluten anvertrauen würden, zur Besänftigung der Stürme, zur Verwirrung der Patrouillenboote und schließlich: zum Zeichen der Freiheit und zum Beweis, dass sie bereits hier, im Diesseits, zu erlangen war und nicht erst auf Møn, Hawaii oder sonstwo — ja, Kruso musste geopfert werden, geopfert für die Zukunft der Insel …
Ed wusste nicht, wie dieser abstoßende Irrsinn in seinen Kopf geraten konnte. Er fasste sich an die Stirn. Vielleicht hatte er über Nacht zu viel Exlepäng eingeatmet, zu lange an Krusos Nacken gerochen, vielleicht war er einfach verrückt geworden.
«Losch!«
Noch immer hielten sie Kruso der Ostsee entgegen.
Letzter seiner Art, letzter lebender Vertreter, Vorsicht, Vorsicht! zischelte der Irrsinn jetzt den Stufen zu, wo in schöner Regelmäßigkeit Eds Füße auftauchten, Füße und Stufen, in endloser Zahl, aber nein, natürlich nicht, er hatte sie gezählt, mehr als einmal gezählt, in den Mittagspausen, vor der Hauptsaison, schwitzend, atemlos, zweihundertvierundneunzig Mal Vorsicht, zischelte es in Ed.
Auf dem letzten Stück der Treppe, jenem, das in der Luft hing über dem Strand, entglitt der Verletzte den Soldaten um ein Haar. Ed konnte die Sowjetmuskeln zittern sehen, die Anspannung unter den Uniformen, die Hand des Generals in seltsamer Verrenkung, sein fliegender Mantel, momentlang glich er einem großen, lustigen Puppenspieler, an dessen Faden der Personaltisch tanzte und mit ihm die ganze Geschichte dieser endlosen Saison, begleitet vom Tanz vier junger Lakaien in ihren Matrosenkostümen, Kasachen vielleicht, ja, Kasachen wären angebracht, dachte Ed.
Er sah, dass Krusos Augen offen waren — sein großes Gesicht, glatt und weiß, mit ungläubigen Augen; es war ein jungenhaftes und doch bleiernes Gesicht, ein Kindsgesicht mit Friedhofsblick, es war — das Gesicht Georg Trakls. Nur Ed und sein Irrsinn konnten so denken.
Im ersten Moment war kein Boot zu entdecken, nur der Panzerkreuzer, riesig im Nebel, weshalb Ed zunächst glaubte, die Männer würden Kruso mit der Tischplatte aufs Meer hinausschieben, bis an den dunklen Rumpf heran, auf dem die Zahl 141 geschrieben stand. Nie hatte er ein so großes Schiff so nah vor der Küste gesehen. Am Bug ragte es hoch empor, das Heck hingegen schien kaum über Wasser zu liegen. Dazwischen zwei Zyklopenschädel, aus denen ein paar Kanonenrohre ragten, lang und dünn wie Speere. Dann sah er das Beiboot. Es lag nur hundert Meter nördlich, an Eds Badestelle, wo es einen von Steinen halbwegs freien Weg ins Tiefe gab.
Ohne Überlegung hatte Ed einen Fuß auf den Bug gesetzt. Er, wer sonst, gehörte zu Kruso. Zuerst die verschreckten Blicke der Kasachen (er hasste sie in diesem Moment), dann die Hand des Generals auf seiner Schulter. Nicht zur Anerkennung, nicht zum Trost.
Was von da an geschah, nahm Ed nur noch in einzelnen Bildern wahr. Der schwebende Tropf. Der stählerne Nachen. Die Übergabe der Infusion. Das dunkle, hohle Geräusch der Personaltischplatte auf den Ruderbänken. Der Sanitäter, der ihm wortlos die Tasche aus der Hand nahm. Die glänzenden Schuhe des Generals im Sand, halb eingesunken. Eine Welle und die dunklen, nassen Ränder seiner Hosenbeine. Die nassen Ränder seiner sowjetischen Hosenbeine — in diesem Bild blieb die Geschichte stehen, es enthielt die ganze Geschichte.
Die Hand des Generals hatte ihn festgenagelt am Strand. Er spürte sie noch, als das Beiboot vom Mutterschiff eingeholt wurde und der Diesel aufheulte und der Panzerkreuzer oder was immer diese Festung auf dem Wasser darstellen sollte, langsam Fahrt aufnahm. Sein Körper wurde schwer. Um seiner Starre irgendeinen Ausdruck zu geben, senkte Ed den Blick. Steine, Algen, fauliges Haar. Die Schwere floss jetzt von überall her auf ihn zu, und auch das Hämmern des Diesels ließ nicht nach, es endete nicht.
Dann der Schuss.
Der verrückte Junge im Hafen, mit offenem Mund und erhobenem Arm, dann der Schuss. Der Kutscher Mäcki im Stall, mit einer Flasche und dem Bärenpferd, dann der Schuss. Das Tresenehepaar, mit ihren Koffern und Taschen zwischen den Büschen, mitten im Rätsel der Grenze, dann der Schuss. Chris? Rolf? Speiche? Der Schuss. Koch-Mike mit seiner Familie? Und Rimbaud irgendwo, weder lesend noch schreibend? Dann der Schuss. Mona und Cavallo auf dem Weg Richtung Süden — Rom, Neapel, die Meeresstation, dann der Schuss.