Wie getroffen, hatte sich Ed zu Boden geworfen und sein Gesicht in den Sand gepresst. Für Sekunden stand die Brandung still, die Landschaft wie vom Donner gerührt. Auch der General war verrückt geworden. Die Bahn des Geschosses musste weit über ihm verlaufen sein, weit über dem Kliff, dem Land — der ganze hermetische Raum, angefüllt vom Widerhall. Der ganze verrottete Raum, den sie behausten.
Ein neuer Schuss und sein Echo in der Bucht.
Dann Schuss für Schuss, in respektvoller Folge. Als ahmten die Kanonen den ersterbenden Herzschlag eines Riesen nach. Dazwischen leises Pfeifen, wie von Düsenfliegern, die weit oben, fast im Weltall flogen. Nur Einschläge keine; keine Explosionen.
Mit jedem Donnerschlag wurde der Himmel ein Stück angehoben. Luft strömte ein. Ein Äther von berauschender Frische und Reinheit. Ed schmeckte den Sand; ein paar Algenhaare klebten in seinem Gesicht, und er spürte, wie sein verkrampftes Herz sich lösen wollte. Einundzwanzig Donnerschläge. Vielleicht verlor er den Verstand. Er kapitulierte, endlich, er kicherte in den Sand: Salut, Salut!
Schiffbruch, Salut! Zwei Klappen, Salut! Abwasch, Salut!
Salut! Salut!
Er hatte verstanden. Es war das Signal.
Das alles konnte untergehen.
Auferstehung
9. November. Er bediente im Gastraum, nicht durch die Klappen, die Klappen blieben verriegelt. Er hatte provisorisch Ordnung geschaffen, den Ofen geheizt und Kaffee gekocht. Er tat das alles sehr langsam, eins nach dem anderen, jede Bewegung für sich. Er machte eine provisorische Soljanka, dazu Mischbrot. Teile seines Körpers hatten Mühe, aus ihrer Schockstarre zurück in den üblichen Ablauf zu finden, weshalb er sich etwas breitbeinig und steif zwischen Tresen und Tischen hin und her schob. Es gab etwas, das mitging in ihm, das seine Augen benutzte und seine Ohren, bei allem, was er tat, etwas, das jetzt sehr vorsichtig und gut behandelt werden musste.
Sein erster Tag brachte sieben Gäste. Stille, schweigsame Inselliebhaber, Einzelgänger, die ihre Hände am Kaffee wärmten und durch die grobe Gardine auf die Terrasse starrten, während Ed seine Tassen und Gläser spülte oder regungslos am Tresen stand, bei laufendem Wasser. Das leise Strömen tat ihm gut, dazu das zarte Schnorcheln und Flöten des kleinen Wasserfalls im Überlauf. Richtete doch einmal jemand das Wort an ihn, erwiderte Ed» Genau!«oder» Warum nicht?«, als stünde auch er mitten im Leben. Es gab sogar einen Moment, in dem er alles vergaß und sich vorstellte, selbst eine Gaststätte zu führen; die Kontrollkommission aus Berlin-Schweineöde, vielleicht tauchte sie niemals auf …
Sein letzter Gast war eine junge Frau, die nach Kruso fragte, auf jene Weise, mit der die Schiffbrüchigen sich vor Wochen noch zu Dutzenden nach dem König der Insel erkundigt hatten. Sie war sehr klein und hatte langes braunes Haar, feucht vom Regen. Für zwei Sekunden sah Ed sie in seinem Zimmer, ihr Haar in seinem Kissen. Dann wies er sie schroff auf das Ende der Saison hin. November — das Ende jeder Saison, wie er betonte, was überflüssig war.
Überflüssig gewesen war auch, die kleine Frau anzuschreien. Er hieß nicht Rimbaud. Sein Schmerz, seine Trauer — der ganze Verlust. Er schämte sich. Er dachte an die letzte Schiffbrüchige in seinem Zimmer, eine Frau namens B., die in den Nächten vor dem Tag der Insel, Tag der Parade, Tag des Anfangs vom Ende, bei ihm geschlafen hatte. Sie war mindestens vierzig, vielleicht sogar älter gewesen. Kaum ein Satz, zu dem B. nicht Rauch ausblies, sie rauchte einfach ununterbrochen. Sie sagte, sie wolle nicht mehr das Mädchen für alles sein, andererseits sei es auch schön, das Mädchen für alles zu sein. Sie redete und zitierte Losch:»Aufgegebene und wertvolle Menschen. Erleuchtete und Finsterlinge. «Sie hatte etwas Wegwerfendes an sich, und jetzt war sie dabei, alles wegzuwerfen. Ed schlief auf dem Boden, B. im Bett. Sie schlief, wachte auf, redete, rauchte und schlief wieder. Irgendwann hatte Ed die Vorstellung, B.s rauchigen Mund zu schmecken. Selbst im Dunkeln konnte er ihre schmale Hakennase erkennen und den langen steilen Nacken, fast ohne Übergang zum Hinterkopf, als gäbe es keinen Hinterkopf, nur langen endlosen Nacken, der immerzu flüsterte: Leg deine Hand dorthin, versuch doch mal, die flache Hand dort aufzulegen. B. lachte über Kruso. Sie nannte ihn» Majestät, Fürst und Beherrscher der ganzen Insel«. Sie nannte ihn auch einen Lumpensammler und verglich die Vergabe mit dem letzten Bus nach Hause, aber ohne, dass noch irgendjemand genauer sagen könnte, wo oder was das eigentlich sei — daheim. Pension zur Freiheit? Fremdenheim für verlorene Seelen? Solche Dinge plapperte sie in einem fort und blies Rauch aus. Alles war ein Spiel für sie, ein Intermezzo. Sie sagte, sie hätte nicht vor, für irgendjemanden Schmuck zu fabrizieren, und sie verweigerte die heilige Suppe. Sie sagte:»Ich esse meine Suppe nicht«, und lachte. Sie hätte ihre eigenen Methoden, sich zu berauschen, ohne Alchemie, und außerdem stinke die heilige Suppe nach Kot. Das kränkte Ed, obwohl er zugeben musste, dass die Suppe ungut roch. Ed hielt B. für verzweifelt. Zwölf Jahre verheiratet, seit drei Monaten getrennt. Es sei von ihr ausgegangen, sagte sie. Am Tag der Trennung hätte sie nicht schlafen können, vor Aufregung und Freude. Sie verstünden sich noch gut, sagte sie, sie träfen sich noch, ab und zu. Ed war schon ganz steif vor Müdigkeit, steif. Zwölf Jahre. Ihr Mann sei eifersüchtig, hätte aber schon etwas anderes am Laufen. Weil sie immer so ekstatisch tanze, habe man sie schon öfter für verrückt gehalten, besonders bei den Weihnachtsfeiern im Betrieb. Aber sie sei nicht verrückt, kein bisschen, nur käme sie inzwischen nicht mehr weiter. Und jetzt sei nichts anderes mehr denkbar. Hier hätte sie nichts mehr verloren. Hier gäbe es nur noch diese Insel. Der letzte Ort.
Am Abend verriegelte Ed alle Außentüren und zog die Vorhänge zu. Er beschriftete ein Stück Pappe mit Koch-Mikes Fettstift und klemmte sie hinter die Scheibe der Getränkeklappe: WEGEN PERSONALAUSFALL GESCHLOSSEN. Den Aufgang zur Dienstbotentreppe blockierte er mit Monikas Bügelbrett.
Niemand mehr da.
Er ging in sein Zimmer, sammelte seine Sachen ein und brachte alles nach unten, in Krombachs Kontor, wo er von nun an schlafen wollte, in einer Wolke Exlepäng, im Innersten des Klausners. Er arretierte die Schwenktür zur Küche und ließ die Tür zum Kabuff geöffnet; so hatte er auch nachts ein paar Meter ungestörte Sicht.
Ich habe dich kommen sehen. Das waren Krusos Worte gewesen, am Abend, am Strand, nach der Taufe der Esskaas, kurz vor dem Kuss — er war nur geträumt, nur der Traum eines anderen gewesen. Ein Freitag wie ihn Crusoe erblickt hatte im Schlaf, in seiner Sehnsucht.
Das Bett roch nach Schweiß. Er rollte sich ein und starrte in die Dunkelheit. Er war nur geträumt. Aber jetzt hatten sie den Träumer abtransportiert, und also konnte auch Ed nicht mehr wirklich vorhanden sein.
Am nächsten Morgen weckten ihn Stimmen. Als er die Gaststube betrat, verstummten sie, aber beim Frühstück waren sie wieder da. Es kam von den Fotos der früheren Besatzungen her. Nichts, was ihm Angst machen musste. Keine Drohungen, keine Pöbeleien, nur einfache, gutgemeinte Ratschläge, wie:»Mach keinen Blödsinn, Kleiner!«(von ganz oben rechts, das Jahr war kaum zu erkennen, 1930 vielleicht), oder» Hau lieber ab hier, du Spund«(1977), oder» Kümmer dich endlich um Viola, Mensch«(1984). Es klang, als hätte das der tote Koch gesagt, dessen Eigentum Viola einmal gewesen war. Ein Hüne in frischweißer Tracht, der im Bild ganz links stand und gerade noch nicht wusste, dass er bald ertrinken würde. Aber inzwischen hatte er alles erfahren, dachte Ed, er hatte all die Besatzungen nach ihm gesehen, und jetzt sah er Ed, den letzten 89er, der sich nicht um sein Radio kümmerte.