Ich hatte keinerlei Anhaltspunkt, also suchte ich das gesamte Gelände ab. Vorn, zur Straße hin, lagen die Offiziere, dahinter die Soldaten, dann das Gräberfeld der Kinder und ganz hinten am Zaun die Grabstellen der Frauen. Viele Grabeinfassungen waren zerbrochen, die Steine verrutscht und mit Kiefernnadeln bedeckt. Im Zentrum des Friedhofs gab es einen Ehrenhain, den eine Art Golem bewachte, ein gusseiserner Rotarmist, vier oder fünf Meter hoch, mit Helm und Maschinengewehr. Seine ganze unerschrockene Gestalt konzentrierte sich auf den Haupteingang, um jeden, der diesen Ort ohne Respekt betreten wollte, mit seinem gusseisernen Blick in die Knie zu zwingen.
Auf den Kindergräbern lag jede Menge Spielzeug, Plastikautos, Gummipuppen und Teddybären, die sich an Grabsteine lehnten, die Beine mit Moos überwachsen. Soldaten, die gemeinsam verunglückt waren, hatte man auch gemeinsam begraben, so viel ging aus den Inschriften hervor — eine Besatzung, bis zuletzt. Oft handelte es sich um Flugzeugabstürze, ein Umriss des Flugzeugtyps (Bomber, MiG, Transporter) war in den Stein eingraviert, oberhalb der Namen. Manche Steine trugen Gesichter, kleine ovale Fotos unter Glas, in Edelstahl eingefasst. Andere hatten nur einen Namen, kein Geburts-, kein Sterbedatum — die erschossenen Deserteure, wie ich später erfuhr. Je weiter ich mich vom Golem entfernte, umso weicher und dicker wurde das Moos über den Gräbern. Es gab viele Soldaten, die sehr jung gestorben waren, vor allem in den Jahren 1958 und 1959, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Noch seltsamer war die große Zahl von Kindern. In einem der Gräber steckte ein Windrad, in einem anderen ein Gäbelchen aus Plastik. Das Grab der Artistin fand ich in der Nähe einiger Wurzel- und Erdhaufen, wo man Kränze und Blumen kompostierte.
Eine Weile stand ich dort. Ich habe eine genaue Erinnerung an diesen Moment. Der Tag war schon warm. Die Kiefern schälten sich in der Sonne und machten ein Knistergeräusch, kleine hellbraune Rindenstückchen wirbelten zu Boden, durchsichtig wie Haut im Licht, und ich stellte mir vor, wie Sonja ihre Kunststücke vorgeführt hatte, am offenen Grab. Dann ein Salut ins Kieferngewölbe und Kruso-das-Kind, das weder weinen noch Abschied nehmen konnte. Ohne es mir restlos einzugestehen, hatte ich geglaubt (oder befürchtet), Sonjas Namen auf dem Stein zu finden, unter dem Namen ihrer Mutter. Sonja Valentina Krusowitsch, Krusos Schwester.
«Und sollte ich einmal nicht hier sein, für eine Zeit, dann kümmerst du dich, versprich mir das«, hatte Kruso gesagt. Es war, als hätte sein Tod mein Versprechen endgültig in Kraft gesetzt, und vielleicht stieß ich nur deshalb auf das Buch (alles ist Zufall). Ein paar Tage später, bei einem meiner ziellosen Streifzüge durch die Regalreihen der Stadtbibliothek, las ich den Titeclass="underline" Über die Ostsee in die Freiheit, der meeresgraue Umschlag mit dem Untertitel Dramatische Fluchtgeschichten. Das Buch stand im Regal der» Neuerwerbungen«, nicht weit vom Eingang, im Grunde unübersehbar. Im Anhang gab es ein Interview: Die Gestrandeten von Klintholm. Hafenmeister Erik Jensen erzählt. Ich nahm das Buch und zog mich damit hinter die Zeitungsständer zurück, wo eine Sitzecke aus weichen braunen Sesseln aufgebaut war, in der ein paar Rentner und Arbeitslose ihren Tag verbrachten.
Das Gespräch mit dem Hafenmeister handelte von ostdeutschen Flüchtlingen, die auf Møn gelandet waren. Es handelte von zerbrochenen Jollen und zertrümmerten Faltbooten, ohne Besatzung. Und von den Toten, die es vor Klintholm,»vor seiner Haustür«, wie es hieß, angeschwemmt hatte oder die in den Grundschleppnetzen der dänischen Fischer aus dem Wasser gezogen worden waren über die Jahre. Nirgendwo so viele wie zwischen Rügen und Møn, sagte der Hafenmeister.
«Wir brachten sie hier an Land und übergaben sie dem Gerichtsmedizinischen Institut in Kopenhagen.«
«Könnte ein Angehöriger, der nach einem vermissten DDR-Flüchtling sucht, noch heute dessen Schicksal aufklären?«
«Wenn er die ungefähre Fluchtzeit weiß und eine Personenbeschreibung oder gar ein Foto hat, ist das vielleicht möglich. Die Beschreibungen der Toten liegen beim Retsmedicinsk Institut, Københavns Universitet, Rigshospitalet, Blegdamsvej 9, Kopenhagen.«
Ich tauschte etwas Geld und kaufte mir eine Straßenkarte, in die ich meinen Weg mit Kugelschreiber vorzeichnete. Am 7. September fuhr ich mit der Fähre von Rostock nach Gedser in Dänemark und von dort weiter nach Kopenhagen, zum Rigshospitalet. Allein der Preis für die Überfahrt sprengte mein Budget. Das Land, die Stadt, das alles war neu für mich, und zeitweise hatte ich das Gefühl, mich auf einer Art Expedition zu befinden, einer Entdeckungsreise, eine Prüfung vielleicht, aber auch das gehört nicht in diesen Bericht.
Das Haupthaus des Reichshospitals war ein grauer, vielleicht zwanzigstöckiger Neubau aus Stahl und Glas. Die Frau an der Information hatte mich zuerst nicht verstanden — mein schlechtes Englisch. Ohne weiteres wechselte sie ins Deutsche und erklärte mir das Nötigste, Lage und Besuchszeiten der Gerichtsmedizin. Ihre Freundlichkeit machte mir Mut, aber das Institut hatte bereits geschlossen.
Ich fuhr in eine Straße, die direkt am Haus der Gerichtsmedizin vorbeiführte, den Frederik V's Vej, eine ruhige Gegend. Gleich nebenan gab es einen Park, in dem Fußball gespielt wurde. Das Gelände des Rigshospitalet schien riesig, eine Art Krankenhaus-Manhattan, umgeben von Freiflächen, die den Hudson symbolisierten. Ich drehte eine Runde durch den Park und fotografierte ein Fahrrad, das mit einem großen schwarzen Kasten verbunden war, einer Rikscha ähnlich. Ich spendierte mir einen Becher Kaffee, und irgendwann begann ich ruhiger zu werden. Eine Stunde oder länger saß ich auf einer Bank in der Nähe des Fußballplatzes und machte mir Notizen — die Sprechzeiten, der Name der Straße, des Viertels und so weiter. Mein Vorsatz war, bei allem sehr sorgfältig zu sein, ich wollte nicht, das mir etwas entging. Was man versprochen hat, muss man auch halten — der kindliche Satz. Oder nein, es war doch mehr ein Eltern-Satz, Ziel einer bestimmten Erziehung, die später nur noch ironisch zitiert werden kann, aus irgendwelchen Gründen, über die ich nicht nachzudenken brauchte, denn ich war mir sicher, und mein Ziel war klar. Langsam und gewissenhaft aß ich das letzte Brot aus meinem Proviant und kehrte zum Auto zurück, um es für die Nacht vorzubereiten.
Gut drei Jahre zuvor hatten mir meine Eltern ihren alten Wagen überlassen, einen Shiguli, Baujahr 1971, der sich, wie ich aus Kindertagen wusste, ausgezeichnet zum Übernachten eignete, weil die Lehnen der Vordersitze beim Zurückklappen nahtlos an die Sitzflächen der Rücksitze anschlossen; Kopfstützen oder Schalensitze gab es damals noch nicht, jedenfalls in Autos aus Togliatti; so hatten die Russen ihre Autobauerstadt genannt, nach einem italienischen Kommunisten, Palmiro Togliatti. Außerdem wurde nach italienischer Lizenz gebaut,»Vorbild war der Fiat 124, Auto des Jahres 1966!«— all diese Dinge hatte mein Vater unzählige Male erwähnt, wenn wir im Shiguli unterwegs gewesen waren, so oft, dass sie auch jetzt, da der kostbare Wagen mir gehörte und ich selbst am Steuer saß, in meinem Kopf herumschwirrten, als wären sie ein notwendiger Bestandteil dieses Autos, unverzichtbar wie die Räder oder die Knüppelschaltung. Was ich wirklich mochte, war das braune, wunderbar weiche, zu Streifen abgesteppte Kunstleder, das noch nach Kindheit roch, nach Fahren und Schlafen, langausgestreckt auf dem Rücksitz, die Fußspitzen an der einen, den Kopf an der anderen Tür.
Doch auch darum geht es nicht in meinem Bericht. Ich war erschöpft und hätte sofort in den Schlaf sinken können, wollte aber noch warten, wenigstens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Noch einmal drehte ich eine Runde durch das Rigshospitalet. Vor den Bettenhäusern gab es langgezogene Wasserbassins mit kleinen nervösen Springbrunnen. Über dem Eingang zur Gerichtsmedizin stand» Teilum-Bygningen«, auch die Frau an der Auskunft hatte» Teilum «gesagt. Für mich war es das Museum der Ertrunkenen. Schon beim Lesen des Interviews mit dem alten Hafenmeister war mir das Wort durch den Kopf gegangen und hatte mich seitdem nicht mehr verlassen.