»Was haben eigentlich die Deutschen ihren Leuten erzählt?«, fragte Clinton. »Sie müssen ihnen doch einen Grund gesagt haben.«
»Nichts«, sagte Guterson. »Sie suchen einen Laser. Die Hintergründe hat man ihnen nicht verraten.«
»Ist das realistisch?«, fragte Clinton stirnrunzelnd.
»So etwas geheim zu halten?« Guterson zuckte die Achseln. »Wir können alles geheim halten.«
»Haben nicht irgendwelche Akademiker das mit dem Laser herausgefunden?«, fragte Clinton. »So ein Professor?«
»Unwichtig. Wir können eine Million Menschen auf Trab halten und dafür sorgen, dass keiner von denen das Maul aufmacht. Meine Sorge gilt anderen Dingen.«
»Klären Sie mich auf.«
»Ein zweiter Versuch«, sagte Guterson gedämpft. »Solange dieser Laser irgendwo herumsteht, kann er Ihnen gefährlich werden.«
»Möglich.« Clinton trank den Rest seines Kölsch. »Sehen Sie, Norman, dazu fällt mir ein schönes Zitat ein. Kennen Sie Tschaikowsky?«
»Nein.«
»Russischer Komponist. Boris hört ihn gern.« Clinton grinste. »Wissen Sie, was er gesagt hat?«
Natürlich nicht, dachte Guterson. Woher soll ich das wissen?
»Was hat er denn gesagt?«
»Man kann nicht aus Angst vor dem Tod auf Zehenspitzen durchs Leben gehen. Gut, was? Gefällt mir sehr.« Der Präsident säbelte ein großes Stück von einer Scheibe Fleisch ab und steckte es in den Mund. »Also«, sagte er kauend, »seien Sie so freundlich und tun Sie alles Erforderliche, damit ich nicht auf den Zehen laufen muss.«
WAGNER
Sie brauchten größere Mengen Wasser, um den Agenten wieder wachzubekommen. Einen Moment lang fürchtete Wagner, sein Herz könnte zum Stillstand gekommen sein, aber dann schlug er die Augen auf. Sie gaben ihm zu trinken, und Jana wartete, bis er einigermaßen bei Kräften war.
»Kannst du stehen?«, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf.
»Du wirst stehen«, sagte sie. »Du wirst sogar gehen können. Ein paar Schritte nur, weil wir dich andernfalls erschießen werden. Hast du das verstanden?«
»Ich brauche einen Arzt«, stöhnte er.
»Du bekommst einen Arzt. Die Frage, ob du weiterleben wirst oder nicht, kannst du dir selbst beantworten. Du hast verloren, so oder so. Mirko hat dich verraten, er hat dich in die Hölle geschickt. Wir hier sind deine einzige Hoffnung.« Sie machte eine Pause. »Oder dein Tod. Du kannst es dir aussuchen. Wirst du uns helfen?«
Der Mann zögerte. Er sah auf die Stelle, wo seine Hand gewesen war, und schluckte heftig. Dann nickte er.
»Gut. Versuche aufzustehen.«
In den letzten Minuten hatten sich die Verhältnisse in der Halle auf absonderliche Weise verändert. Jana hielt die Gruppe nicht länger mit ihren Waffen in Schach. Wagner versuchte, ihren Abscheu darüber zu verhehlen, mit der Terroristin gemeinsame Sache machen zu müssen, aber es verhieß die einzige Lösung. Natürlich hätten sie warten können, bis irgendwann die Polizei auf die Spedition stieß. Das Gedröhne und Geknalle des Überfalls hatte sie jedenfalls nicht herbeigerufen. Aber bis überhaupt jemand kam, konnte dieser Teufel Mirko ihnen allen das Lebenslicht ausgepustet haben. Sie wussten nicht einmal, ob er über weitere Verstärkung gebot, ob er allein oder mit einem neuen Kommando darangehen würde, seine Probleme zu lösen.
Sie mussten handeln! Es gab keine Alternative zu dem abstrusen Bündnis, das sie geschlossen hatten.
Jana würde dabei entkommen, wenn alles glatt lief. Sie und O’Connor hatten den Plan skizziert, und er war irrsinnig genug, dass er funktionieren konnte. Der Gedanke, sie laufen zu lassen, bereitete Wagner beinahe körperliche Schmerzen. Sie sah Kuhn am Boden liegen, der das Bewusstsein verloren hatte, und dachte daran, wie sie ihn zugerichtet hatten. Allein schon seinetwegen konnten sie nicht länger warten. Er musste so schnell wie möglich in ein Krankenhaus. Es war offensichtlich, dass er innere Verletzungen davongetragen hatte. Wenn er nicht bald behandelt würde, würde er sterben. Sie war sich dessen bewusst, ohne dass sie seinen Zustand medizinisch hätte deuten können. Es war einfach ein Gefühl. Auch Silberman brauchte ärztliche Hilfe, aber er war wenigstens bei Kräften und würde so schnell nicht schlappmachen.
Sie sah, wie sich O’Connor und der Korrespondent hektisch an den Vorbereitungen zu schaffen machten, und dachte an die Aufgabe, die ihr bevorstand.
Ein Teil des Plans gründete darauf, dass Mirko wahrscheinlich nicht wusste, wer tatsächlich alles in der Halle war. Sie hatten die Ereignisse kurz rekonstruiert. Er konnte Wagner nicht gesehen haben. Daraus entwickelten sie ein Vorgehen, das ihr noch mehr Widerwillen einflößte als Jana selbst, aber sie willigte ein. Nur die Umstände waren abscheulich. Der Plan war gut und Mirko auszuschalten das einzig Richtige.
Falls sie es schafften.
Es war riskant und lebensgefährlich. Erneut staunte Wagner, wie wenig sie angesichts dessen empfand. Anstatt vor Angst den Verstand zu verlieren, dachte sie über Kleinigkeiten nach. Über die Abschürfungen an Kuhns Handgelenk, die von den Handschellen herrührten. Jana hatte ihn endlich von dem Rohr befreit, das Einzige, wofür Wagner ihr dankbar war, zumindest der Sache wegen. Über Details grübelte sie nach. Ob sie alles verstehen würde, was Jana ihr zu erklären beabsichtigte, und ob sie schnell genug sein würden. Seit dem Überfall war eine Viertelstunde vergangen. Würde Mirko noch lange genug in seiner Lauerstellung verharren?
Dann, mittendrin, kam ihr ein neuer Gedanke.
War er überhaupt noch da draußen?
Die ganze Zeit über waren sie davon ausgegangen, weil Jana es gesagt hatte. Aber was, wenn Jana sich irrte? Seit Mirko aus der Spedition geflohen war, hatten sie nichts von ihm gehört oder gesehen. Es gab keinen Beweis für seine Anwesenheit.
Sie sah auf ihre Uhr. Es war erschreckend, wie viel in so kurzer Zeit geschehen war und wie wenig tief es ging.
Es ist gut so, dachte sie.
»Kika«, sagte die Terroristin. Sie benutzte ihren Vornamen. Nicht einmal dazu besaß sie das Recht, aber Wagner hatte keine Lust, sich deswegen mit ihr anzulegen. »Komm mit nach hinten.«
Sie zögerte. Dann sah sie zu O’Connor herüber.
Er hob den Kopf und lächelte. Sein Lächeln erwärmte sie und versprach ihr Schutz. Und noch etwas glaubte sie darin zu erkennen. Für eine Sekunde fühlte sie sich glücklich und leicht. Alles würde gut werden.
Sie ging mit Jana in den Computerraum. Immer noch liefen die Fernseher ohne Ton, während die Radioempfänger leise dazwischenplärrten. Jana wies sie mit kurzen, präzisen Worten ein, und plötzlich verlor das, was sie Wagner sagte, seinen Schrecken. Eigentlich schien es ziemlich leicht zu sein.
»Täusch dich nicht«, sagte Jana. »Du musst sehr genau hinschauen.«
»Und wenn es nicht klappt?«
»Dann klappt die Variante.«
Sie nickte.
Einem plötzlichen Drang nachgebend, sagte Wagner:
»Warum tun Sie so etwas?«
Jana sah von Gruschkows Arbeitstisch auf und blickte ihr in die Augen.
»Was? Töten?«
»Wenn Sie es geschafft hätten, Clinton zu töten, was hätten Sie damit erreicht? Noch mehr Mord und Gewalt? Sie nehmen sich das Recht heraus, Leben auszulöschen, Sie misshandeln Menschen, die Ihnen nichts getan haben, warum? Ich will wissen, was Sie für ein Mensch sind, Jana!«