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»Wo gehen wir hin?« fragte Blaine.

»An einen sicheren Ort.«

Sie kamen an einen antiken Ü-Bahneingang und gingen hinab. Ein Stockwerk tiefer kamen sie an eine kleine Eisentür, die in den geborstenen Betonboden eingelassen worden war. Smith öffnete die Tür und bedeutete Blaine, daß er ihm folgen solle.

Blaine zögerte und nahm einen Hauch von schrillem Gelächter wahr. Der Poltergeist verfolgte ihn, so wie die Erinnyen einst ihre Opfer durch die Straßen des antiken Athen verfolgt hatten. Er konnte in der beleuchteten Oberwelt bleiben, wenn er wollte, von einem wahnsinnigen Geist bedroht und bespukt. Oder er konnte mit Smith hinabsteigen, durch die Eisentür in die Dunkelheit, die dahinter lag, in ein unbestimmtes Schicksal in der Unterwelt.

Das schrille Lachen wurde lauter. Blaine zögerte nicht länger. Er folgte Smith durch die Eisentür und schloß sie hinter sich wieder.

*

Der Poltergeist hatte sich dazu entschlossen, ihn im Augenblick nicht weiter zu verfolgen. Sie schritten einen Tunnel hinab, der von vereinzelten nackten Birnen beleuchtet wurde, an gerissenen Mauerwerkröhren vorbei und an dem schillernd-grauen Leichnam einer Untergrundbahn, vorbei an rostigen Kabeln, die, zu riesigen Knäueln schlangengleich zusammengerollt, am Boden herumlagen. Die Luft war feucht und stank, und ein dünner Schlier machte das Gehen zu einer Gefahr.

»Wo gehen wir hin?« fragte Blaine.

»Dorthin, wo ich Sie beschützen kann«, antwortete Smith.

»Können Sie das denn?«

»Gespenster sind nicht unangreifbar. Exorzismus ist möglich, sofern man die wahre Identität eines Geistes kennt.«

»Dann wissen Sie also, wer mich heimsucht?«

»Ich glaube ja. Es gibt eigentlich nur eine Person, die es sein könnte.«

»Wer denn?«

Smith schüttelte den Kopf. »Ich möchte seinen Namen lieber noch nicht nennen. Es hat keinen Sinn, ihn zu rufen wenn er noch nicht da ist.«

Sie schritten eine Reihe von bröckelnden alten Treppen hinab in eine größere Kammer und gingen um einen kleinen schwarzen Teich herum, dessen Oberfläche so hart und schwarz wie Jetstein wirkte. Auf der anderen Seite des Teichs befand sich ein Durchgang. Ein Mann stand davor und blockierte ihn.

Es war ein großer, stämmiger Neger, in Lumpen gekleidet und mit einem Eisenrohr bewaffnet. Blaine erkannte ihn an seinem Aussehen als Zombie.

»Das ist mein Freund«, sagte Smith. »Kann ich ihn mitnehmen?«

»Du bist sicher, daß er kein Inspekteur ist?«

»Absolut sicher.«

»Wartet hier«, sagte der Neger. Er verschwand in dem Gang.

»Wo sind wir?« fragte Blaine.

»Unter New York, in einem System unbenutzter U-Bahntunnels, alten Abwasserkanälen und Gängen, die wir selbst gehauen haben.«

»Aber warum sind wir hierhergekommen?« fragte Blaine. »Wo hätten wir denn sonst hingehen sollen?« fragte Smith erstaunt. »Das ist mein Zuhause. Wußten Sie das nicht? Sie befinden sich in New Yorks Zombiekolonie.«

Blaine war nicht der Ansicht, daß eine Zombiekolonie sehr viel besser war als ein Gespenst, aber er hatte keine Zeit, um darüber nachzudenken. Der Neger kehrte zurück. Ein alter Mann mit einem Gehstock begleitete ihn. Das Gesicht des Mannes war durch tausend Falten und Runzeln zu einem Netzgespinst geworden. Seine Augen waren in der feinen Ziselierung seines schlaffen Fleisches kaum zu erkennen, und sogar seine Lippen waren verrunzelt.

»Ist das der Mann, von dem Sie mir erzählt haben?« fragte er.

»Jawohl, Sir«, antwortete Smith. »Das ist der Mann. Blaine, ich will Ihnen Mr. Kean vorstellen, den Chef unserer Kolonie. Darf ich ihn mitnehmen, Sir?«

»Sie dürfen«, sagte der Alte. »Und ich werde Sie eine Weile begleiten.«

Sie schritten den Gang entlang, wobei Mr. Kean sich schwer auf den stützenden Arm des Negers lehnte.

»Normalerweise«, sagte Mr. Kean, »dürfen nur Zombies die Kolonie betreten. Alle anderen haben keinen Zutritt. Aber ich habe schon seit Jahren mit keinem Normalen mehr geredet, und ich dachte mir, daß die Erfahrung wertvoll sein könnte. Deshalb habe ich Smiths Drängen nachgegeben und bei Ihnen eine Ausnahme gemacht.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte Blaine und hoffte, daß er auch einen Grund dafür hatte.

»Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts dagegen, Ihnen behilflich zu sein. Aber zunächst einmal und in erster Linie bin ich verantwortlich für die Sicherheit der elfhundert Zombies, die unter New York leben. Um ihretwillen müssen Normale ferngehalten werden. Ausschließlichkeit ist unsere einzige Hoffnung in einer unwissenden Welt.« Mr. Kean machte eine Pause. »Aber vielleicht können Sie uns ja helfen, Mr. Blaine.«

»Wie denn?«

»Indem Sie zuhören und verstehen lernen und das, was Sie erfahren haben, weitergeben. Aufklärung ist unsere einzige Hoffnung. Sagen Sie, was wissen Sie über die Probleme eines Zombies?«

»Sehr wenig.«

»Ich werde Sie unterrichten. Der Zombieismus, Mr. Blaine, ist eine Krankheit, die seit langem mit einer Aura des Aberglaubens umgeben ist, genau wie Erkrankungen wie Epilepsie, Lepra oder St.-Veits-Tanz. Die Tendenz, die Sache zu personifizieren, genauer: zu spiritualisieren, ist weit verbreitet. Die Schizophrenie, müssen Sie wissen, wurde früher auch für eine Besessenheit durch Dämonen gehalten, und hydrozephalische Idioten galten als besonders heilig. An Zombies knüpfen sich ähnliche Phantastereien.«

Einen Augenblick schritten sie schweigend weiter. Dann sagte Mr. Kean: »Der Aberglaube an den Zombie stammt ursprünglich aus Haiti. Die Krankheit des Zombies ist jedoch weltweit verbreitet, wenn auch selten. Doch im öffentlichen Bewußtsein sind Krankheit und Aberglaube hoffnungslos vermischt worden. Der Zombie des Aberglaubens gehört zu den Eigenarten des Vodun-Kults auf Haiti, er ist ein menschliches Wesen, dessen Seele durch Magie gestohlen wurde. Der Körper des Zombies wurde vom Magier nach Belieben eingesetzt, er konnte sogar geschlachtet und auf dem Markt als Fleisch verkauft werden. Wenn der Zombie Salz aß oder das Meer erblickte, dann wurde ihm bewußt, daß er tot war, und er kehrte in sein Grab zurück. Für all das gibt es jedoch kein Tatsachenmaterial als Grundlage.

Der Aberglaube entstand durch die äußerlich völlig ähnliche Krankheit. Früher war sie sehr selten. Doch heute, da die Techniken des Geistaustausches und der Reinkarnation immer mehr zugenommen haben, ist der Zombieismus weiter verbreitet, häufiger. Die Erkrankung des Zombies erfolgt dann, wenn ein Geist in einen Körper eindringt, der zu lange unbewohnt geblieben ist. Dann sind Geist und Körper nicht so eins wie bei Ihnen, Mr. Blaine. Statt dessen existieren sie als quasi selbständige Wesenheiten, die auf unbeholfene Weise miteinander kooperieren. Nehmen wir unseren Freund Smith als typisches Beispiel. Er kann die groben Reaktionen seines Körpers kontrollieren, aber eine Feinkoordination ist ihm unmöglich. Seine Stimme ist nicht dazu in der Lage, verschiedene Abstufungen hervorzubringen, und seine Ohren können keine feinen Nuancen wahrnehmen. Sein Gesicht ist ausdruckslos, weil er wenig oder keine Kontrolle über die Oberflächenmuskulatur hat. Er treibt seinen Körper an wie ein Fahrer, aber er ist nicht wirklich ein Teil von ihm.«

»Und kann man nichts dagegen tun?« fragte Blaine.

»Im Augenblick noch nicht.«

»Das tut mir sehr leid«, sagte Blaine verlegen.

»Das hier ist kein Werben um Ihr Mitleid«, sagte Kean. »Es ist nur eine Bitte, die Grundlagen zu begreifen. Ich möchte lediglich, daß Sie und jedermann begreifen, daß der Zombieismus keine Bestrafung für Sünden ist, sondern eine Krankheit, wie Mumps oder Krebs, und nichts weiter.«