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… und Blaine stand unter Rolands Troß im Paß von Roncesvalles an jenem heißen und schicksalhaften Augustmorgen des Jahres 778 und beobachtete, wie sich die Armee Karls des Großen langsam auf das Land der Franken zuwälzte. Die müden Veteranen saßen gebeugt in ihren hohen Sätteln, Leder knarrte, Sporen schepperten gegen bronzene Steigbügel. In der Luft lag der Duft von Pinien und Schweiß, eine Spur von Rauch aus dem geschleiften Pamplona, der Geschmack von Stahl und trockenem Sommergras …

Blaine entschloß sich, die Aufnahme zu kaufen. Das nächste Stück war eine Hochintensitätsjagd auf der Venus, in der sich der Zuschauer voll mit dem gejagten, aber unschuldigen Mann identifizierte.

Die letzte Aufnahme war eine Bearbeitung von Krieg und Frieden in Variointensität, bei der sich der Zuschauer gelegentlich mit Figuren identifizierte.

Als er die Ware bezahlte, zwinkerte der Verkäufer ihm zu und fragte: »Auch an richtigen Sachen interessiert?«

»Vielleicht«, sagte Blaine.

»Habe großartige Partyaufnahmen«, sagte der Verkäufer. »Volle Identifikation mit Austausch. Nicht? Hab ein echtes Horrorstück, ein Mann, der im Treibsand stirbt. Die Mörder haben seinen Tod für den Spezialhandel aufgenommen.«

»Vielleicht ein anderes Mal«, sagte Blaine und ging auf die Ausgangstür zu.

»Dann habe ich noch eine Sonderaufnahme«, sagte ihm der Verkäufer, »gesetzlich einwandfrei hergestellt, aber nicht in den Verkehr gebracht. Gibt ’n paar Raubkopien. Ein Mann, der aus der Vergangenheit wiedergeboren wird. Absolut echt.«

»Wirklich?«

»Ja, und völlig einmalig. Die Emotionen kommen wirklich klar durch, klar wie ’ne Glocke, scharf wie ’n Messer. Ich möchte behaupten, daß das mal ein Klassiker wird.«

»Das würde mich schon interessieren«, sagte Blaine grimmig.

Er nahm die Platte ohne Etikett in die Kabine. Zehn Minuten später kam er wieder heraus, er war ein bißchen erschüttert; er kaufte die Aufnahme für einen horrenden Preis. Es war, als kaufte er ein Stück von sich selbst.

Der Verkäufer und die Techniker bei Rex hatten recht. Es war ein echtes Sammlerstück und würde wahrscheinlich ein Klassiker werden.

Leider hatte man alle Namen ausradiert, um die Polizei nicht auf die Fährte zu locken. Er war berühmt – aber auf eine völlig anonyme Weise. 

XXII

Blaine ging jeden Tag zur Arbeit, wischte den Boden, leerte den Papierkorb, adressierte Briefumschläge und entwarf ein paar antike Schiffskörper auf Kommissionsbasis. Abends studierte er die komplizierte Wissenschaft der Yacht-Konstruktion des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts. Nach einer Weile durfte er ein paar kleinere Presseerklärungen schreiben, und es stellte sich heraus, daß er darin sehr begabt war, so daß er bald zum Junior-Yachtkonstrukteur befördert wurde. Er bearbeitete einen großen Teil der Geschäftsvorgänge zwischen Jaakobsen Yachts, Ltd. und den verschiedenen Werften, die ihre Konstruktionen ausführten.

Er studierte weiter, doch es gab nur wenig Aufträge für klassische Schiffskörper. Die Gebrüder Jaakobsen bearbeiteten die meisten Standardboote, während der alte Es Richter, der das ›Wunder von Salem‹ genannt wurde, die ungewöhnlicheren Rennboote und Mehrfachkörper entwarf. Blaine übernahm die Werbung und Öffentlichkeitsarbeit und hatte wenig Zeit für etwas anderes.

Es war verantwortungsvolle, wichtige Arbeit: Aber es war kein Yacht-Designing. Unwiderruflich fiel sein Leben in genau den gleichen Trott, in den es 1958 schon gefallen war.

Blaine dachte sorgfältig darüber nach. Auf der anderen Seite war er glücklich darüber. Es schien ein für alle Male den Konflikt zwischen seinem Geist und seinem geborgten Körper zu lösen. Offensichtlich war der Geist der Chef.

Auf der anderen Seite sprach diese Situation nicht besonders für die Qualität dieses Geistes. Er war ein Mann, der 152 Jahre in die Zukunft gereist war, Wunder und Schrecken erlebt hatte, und nun wieder, mit einer ermüdenden und schrecklichen Unausweichlichkeit als Junior-Yachtkonstrukteur arbeitete, der alles tat, außer Yachten zu entwerfen. Gab es in seinem Charakter irgendeinen bestimmten Fehler, einen verborgenen Defekt, der ihn zum Untergeordnetsein verdammte, egal in welcher Umwelt er leben mochte?

Mißmutig stellte er sich vor, daß man ihn etwa eine Million Jahre zurückgeworfen hätte, in ein Zeitalter der Höhlenmenschen. Zweifellos wäre er nach einer kurzen Phase der Anpassung zu einem Juniorkonstrukteur für Einbäume geworden. Nur eben kein wirklicher Konstrukteur. Seine Aufgabe hätte darin bestanden, Perlenschnüre zu zählen, die Qualität der Baumstämme zu überprüfen und Kontrakte für die Außenstabilisatoren zu beschaffen, während jemand anders (wahrscheinlich irgendein Neandertalergenie) die eigentliche Arbeit gemacht hätte.

Das war entmutigend. Aber glücklicherweise war es nicht die einzige Sehweise der Sache. Seine unausbleibliche Rückkehr ließ sich auch als ein bestechendes Beispiel für innere Solidarität werten, für menschliche Beharrlichkeit. Er war ein Mann, der wußte, was er war. Egal, wie sich seine Umgebung verändern mochte, er blieb seinen Fähigkeiten treu.

Wenn er es so betrachtete, dann konnte er äußerst stolz darauf sein, auf immer und ewig ein Junior-Yachtkonstrukteur zu bleiben.

Er fuhr fort zu arbeiten und pendelte zwischen diesen beiden Selbsteinschätzungen hin und her. Er traf sich ein oder zwei Mal mit Marie, aber die war meistens im hohen Rat der Rex Corporation eingespannt. Er zog aus seinem Hotel in ein kleines, geschmackvoll möbliertes Apartment. Langsam fühlte er sich in New York ganz normal.

Und er hatte, daran erinnerte er sich selbst, wenn schon nichts, so immerhin doch erreicht, daß er sein Geist-Körper-Problem gelöst hatte.

Aber sein Körper ließ sich nicht so leicht abtun. Blaine hatte eines der Probleme übersehen, das mit dem Besitz eines solch kräftigen, gut aussehenden und äußerst eigenwilligen Körpers einfach zusammenhängen mußte.

Eines Tages flackerte der Konflikt wieder auf, stärker denn je.

*

Er hatte seine Arbeit zur gewohnten Zeit verlassen und wartete an der Ecke auf seinen Bus. Er bemerkte eine Frau, die ihn wie gebannt anstarrte. Sie war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, eine üppige, attraktive Rothaarige. Sie war gewöhnlich gekleidet. Ihre Gesichtszüge waren kräftig, doch hatten sie eine gewisse Schläue an sich.

Blaine stellte fest, daß er sie schon zuvor gesehen, aber nie richtig bemerkt hatte. Nun, da er darüber nachdachte, fiel ihm ein, daß sie einmal im gleichen Helibus gesessen hatte wie er. Und sie war auch mehrmals an seinem Gebäude vorbeigeschritten, als er zur Arbeit gegangen war.

Sie hatte ihn beobachtet, wahrscheinlich schon wochenlang. Aber warum?

Er wartete und starrte zurück. Die Frau zögerte einen Augenblick, dann fragte sie: »Kann ich Sie einen Moment sprechen?« Ihre Stimme war rauh und angenehm, aber sehr nervös. »Bitte, Mr. Blaine, es ist sehr wichtig.«

Sie kannte also seinen Namen. »Natürlich«, sagte Blaine. »Worum geht es?«

»Nicht hier. Könnten wir – äh – woanders hingehen?«

Blaine grinste und schüttelte den Kopf. Sie wirkte ja recht harmlos, aber das hatte Orc auch getan. Wenn man in dieser Welt Fremden traute, dann riskierte man dabei leicht seinen Geist, seinen Körper oder beide.

»Ich kenne Sie nicht«, sagte Blaine, »und ich weiß auch nicht, woher Sie meinen Namen wissen. Wenn Sie irgend etwas wollen, dann sagen Sie es mir besser hier.«

»Ich sollte Sie wirklich nicht belästigen«, sagte die Frau in einer entmutigten Stimme. »Aber ich konnte mich nicht bremsen, ich mußte einfach mit Ihnen reden. Manchmal bin ich so einsam, Sie wissen doch wohl auch, wie das ist, nicht wahr?«