»Danke«, sagte Blaine und wollte die Tür wieder schließen.
»Denken Sie an meine Worte!« rief die alte Frau und fixierte ihn mit ihren glasblauen Augen. »Das Jenseits ist böse! Hüten Sie sich vor den Propheten des höllischen Lebens nach dem Tode!«
»Danke!« rief Blaine und bekam die Tür endlich zu.
Er entspannte sich wieder in seinem Sessel und stellte das Abspielgerät an. Fast eine Stunde lang war er von ›Flucht auf der Venus‹ gefesselt, dann klopfte es an seine Tür.
Blaine öffnete und erblickte einen kleinen, wohlgekleideten, dicklichen Mann mit ernstem Gesicht.
»Mr. Thomas Blaine?« fragte der Mann.
»Der bin ich.«
»Mr. Blaine, ich bin Charles Farrell von der Jenseits Corporation. Dürfte ich vielleicht mit Ihnen reden? Wenn es Ihnen im Augenblick nicht recht sein sollte, können wir gern einen Termin ausmachen, an dem es -«
»Kommen Sie rein«, sagte Blaine und öffnete dem Propheten des höllischen Lebens nach dem Tode Tür und Tor.
*
Farrell war ein sanfter, sachlicher, leiser Prophet. Als erstes händigte er Blaine ein Schreiben auf dem Geschäftspapier der Jenseits, Inc. aus, das bestätigte, daß Charles Farrell ein vollautorisierter Vertreter der Jenseits Corporation war. Die Bescheinigung enthielt eine ausführliche Beschreibung Farrells, seine Unterschrift, drei gestempelte Fotos und einen Satz Fingerabdrücke.
»Und hier sind meine Ausweise«, sagte Farrell und öffnete eine Brieftasche mit seiner Heli-Lizenz, seiner Bibliothekskarte, seiner Wählerregistrierungsnummer und einer staatlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung. Auf einem besonderten präparierten Stück Papier drückte Farrell seine Fingerabdrücke ab und gab sie Blaine, damit er sie mit denen auf dem Brief vergleichen konnte.
»Ist das denn alles nötig?« fragte Blaine.
»Absolut«, erwiderte Farrell. »Wir hatten ein paar unglückliche Vorkommnisse in der Vergangenheit. Skrupellose Subjekte versuchen oft, sich als Vertreter der Jenseits, Inc. auszugeben, vor allem unter den Armen und Leichtgläubigen. Sie bieten Erlösung zu Sonderpreisen an, nehmen, was sie kriegen können und verschwinden aus der Stadt. Es sind zu viele Leute betrogen worden um alles was sie hatten, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Denn diese illegalen Hochstapler, selbst wenn sie für irgendeine windige Hintertreppenfirma arbeiten, sind nicht im Besitz der kostspieligen Ausrüstung und des ausgebildeten Personals, die für so etwas nun einmal erforderlich sind.«
»Das wußte ich nicht«, sagte Blaine. »Wollen Sie sich nicht setzen?«
Farrell setzte sich in einen Sessel. »Die Organisationen für Sauberen Wettbewerb versuchen, etwas dagegen zu unternehmen. Aber die Hintertreppenbetriebe sind zu schnell, um erwischt zu werden. Nur die Jenseits, Inc. und zwei weitere Gesellschaften mit staatlich anerkannten Technologien sind auch dazu in der Lage, das zu leisten, was sie versprechen – ein Leben nach dem Tode.«
»Was ist mit den verschiedenen geistigen Techniken?« fragte Blaine.
»Die habe ich bewußt nicht erwähnt«, sagte Farrell. »Die gehören in eine völlig andere Kategorie. Wenn Sie die Geduld und das Durchhaltevermögen haben, um zwanzig Jahre oder länger intensiv zu studieren, um so besser für sie. Wenn nicht, dann brauchen Sie wissenschaftliche Hilfe und Unterstützung. Und da kommen wir dann in Frage.«
»Ich würde gern darüber hören«, sagte Blaine.
Mr. Farrell setzte sich bequemer im Sessel zurecht. »Wenn Sie so sein sollten, wie andere Leute, dann möchten Sie vermutlich gerne wissen, was das ist, das Leben. Was ist der Tod? Was ist Geist? Wo berühren sich Geist und Körper gegenseitig, wo handeln sie gemeinsam? Ist der Geist auch Seele? Ist die Seele auch Geist? Sind die beiden voneinander unabhängig, oder voneinander abhängig, oder miteinander vermischt? Oder gibt es überhaupt so etwas wie eine Seele?« Farrell lächelte. »Sind das ein paar der Fragen, die Sie gerne von mir beantwortet hätten?«
Blaine nickte. Farrell sagte: »Nun, das kann ich nicht beantworten. Wir wissen es einfach nicht, wir haben nicht die geringste Ahnung. Was uns betrifft, so sehen wir dies als religionsphilosophische Fragen an, die die Jenseits, Inc. nicht einmal zu beantworten versuchen will. Wir interessieren uns für Ergebnisse, nicht für Spekulationen. Wir sind medizinisch ausgerichtet. Wir gehen pragmatisch vor. Er ist uns gleichgültig, wie oder warum wir unsere Ergebnisse erzielen, oder wie seltsam sie erscheinen mögen. Funktioniert es? Das ist die einzige Frage, die wir stellen, und das ist unsere Grundeinstellung.«
»Ich glaube, Sie haben das verdeutlicht«, meinte Blaine.
»Es ist wichtig, daß ich das gleich am Anfang tue. Also will ich noch etwas klar machen: Begehen Sie nicht den Fehler zu glauben, daß wir den Himmel anbieten würden.«
»Nicht?«
»Überhaupt nicht! Das Himmelreich ist ein religiöses Konzept, und wir haben nichts mit Religion zu tun. Unser Jenseits ist ein Überleben des Geistes nach dem Tod des Körpers. Das ist alles. Wir behaupten genausowenig, daß das Jenseits das Himmelreich wäre, wie die frühen Wissenschaftler behauptet haben, daß die Knochen der ersten Steinzeitmenschen die Überbleibsel von Adam und Eva wären.«
»Vorhin war eine alte Frau hier«, sagte Blaine. »Sie hat mir gesagt, daß das Jenseits die Hölle sei.«
»Das ist eine Fanatikerin«, sagte Farrell grinsend. »Sie rennt mir nach. Und soweit ich das beurteilen kann, hat sie vielleicht vollkommen recht.«
»Was wissen Sie denn nun über das Jenseits?«
»Nicht allzu viel«, sagte Farrell. »Alles, was wir wirklich wissen ist Folgendes: Nach dem Tod des Körpers begibt sich der Geist in eine Region, die wir die Schwelle nennen und die zwischen der Erde und dem Jenseits ist. Wir glauben, daß das eine Art Vorbereitungsstadium für das Jenseits ist. Wenn der Geist erst einmal dort ist, kann er ins Jenseits eintreten, wann es ihm beliebt.«
»Aber wie ist denn das Jenseits beschaffen?«
»Das wissen wir nicht. Wir sind uns ziemlich sicher, daß es nicht körperlich ist. Manche meinen, daß der Geist die Essenz des Körpers ist und daß sich deshalb auch die Essenz weltlicher Güter ins Jenseits bringen läßt. Es könnte so sein. Es gibt Leute, die stimmen dem nicht zu. Manche haben das Gefühl, daß das Jenseits ein Ort ist, an dem die Seelen darauf warten, wiedergeboren zu werden, auf anderen Planeten, als Teil eines riesigen Wiedergeburtszyklus. Vielleicht stimmt auch das ja. Andere glauben, daß das Jenseits nur die erste Stufe postirdischer Existenz darstellt und daß es sechs weitere gibt, die immer schwieriger zu erlangen sind, bis alles schließlich in einer Art Nirwana endet. Könnte sein. Es ist behauptet worden, daß das Jenseits eine riesige, neblige Region ist, in der man allein herumwandert, immer suchend, niemals findend. Ich habe Theorien gelesen, die nachwiesen, daß die Leute im Jenseits nach Familienzugehörigkeit gruppiert würden; andere wiederum behaupten, daß man dort nach Rasse, Religion, Hautfarbe oder gesellschaftlicher Stellung gruppiert wird. Manche Leute behaupten, wie Sie selbst haben feststellen können, daß man da in die Hölle selbst eintritt. Es gibt Vertreter einer Illusionstheorie, die konstatieren, daß der Geist sich völlig auflöst, nachdem er die Schwelle verlassen hat. Und dann gibt es noch welche, die behaupten, daß unsere Firma ihre ganzen Effekte überhaupt nur gefälscht hätte. Ein gelehrtes Werk, das vor kurzem erschienen ist, stellt fest, daß man im Jenseits all das findet, was man finden will – das Himmelreich, das Paradies, Walhalla, grüne Weiden, suchen Sie’s sich aus. Es wird gesagt, daß die alten Götter das Jenseits regieren – die Götter Haitis, Skandinaviens, des Belgischen Kongo, je nachdem, an welche Theorie man sich hält. Natürlich gibt es eine Gegentheorie, die beweist, daß es überhaupt keine Götter geben kann. Ich habe ein englisches Buch gelesen, demzufolge im Jenseits englische Geister herrschen sollen, und ein russisches, das behauptet, daß dort Russen regieren und mehrere amerikanische, die nachweisen, daß dort die Amerikaner herrschen. Letztes Jahr ist ein Buch erschienen, das behauptete, daß die Regierungsform im Jenseits die Anarchie sei. Ein führender Philosoph beharrt darauf, daß der Geist des Wettbewerbs ein Naturgesetz sei und folglich auch im Jenseits vorherrschen müsse. Und so weiter. Sie können sich jede beliebige Theorie aussuchen, Mr. Blaine, oder Sie können auch eine eigene aufstellen.«