Magnon, muß gesagt werden, gehörte zur Oberklasse der Verbrecherinnen. Sie kleidete sich gut. Ihre Wohnung teilte sie mit einer Engländerin, einer sehr schlauen Diebin. Man nannte sie Mamsell Miß.
Die beiden Kinder, die solchermaßen von der Magnon übernommen wurden, waren übrigens nicht zu beklagen. Durch einen Betrag von achtzig Franken der Mutter ans Herz gelegt, erfuhren sie eine recht gute Behandlung; sie waren nicht schlecht gekleidet, nicht schlecht genährt, fast wie Bürgerkinder gehalten; gewiß ging es ihnen bei der falschen Mutter besser als bei der richtigen. Da Magnon für eine Dame gelten wollte, sprach sie nie vor den Kindern Argot.
Plötzlich, unvermittelt, wurden diese beiden armen Geschöpfe, denen das Schicksal bisher noch nicht übel mitgespielt hatte (ja, deren Unglück zum Glück ausgeschlagen war), jäh ins Leben hinausgeschleudert.
Eine Massenverhaftung wie jene in Jondrettes Zimmer, die notwendigerweise zu allerlei Verhaftungen und Hausdurchsuchungen führt, ist für die Verbrechergesellschaft notwendigerweise eine Katastrophe. Thénardiers Sturz riß auch Magnon in den Abgrund.
Eines Tages, kurz nachdem Magnon Eponine die Meldung aus der Rue Plumet überbracht hatte, gab es in der Rue Cloche-Perce Haussuchung. Magnon und Mamsell Miß wurden verhaftet, das ganze Haus entvölkerte sich plötzlich. Während dieser Szene hatten die beiden Kleinen im Hinterhof gespielt und nichts von der Razzia bemerkt. Als sie nach Hause kommen wollten, fanden sie die Tür verschlossen, das Haus verödet. Ein Flickschuster, der gegenüber wohnte, rief sie herbei und übergab ihnen einen Zettel, den »die Mutter« ihnen hinterlassen hatte. Darauf stand:
»Monsieur Barge, Rentenempfänger, Rue du Roy-de-Sicile Nr. 8.«
»Ihr wohnt nicht mehr hier«, sagte der Mann, »geht dahin. Es ist nicht weit. Die erste Straße links. Fragt euch mit dem Zettel da durch.«
Die Knaben machten sich auf den Weg. Es war kalt, die kleinen Fingerchen des Älteren, der den Zettel hielt, waren klamm. An der Ecke der Rue Cloche-Perce riß ihm ein Windstoß das Blatt ans der Hand, und da es bereits Abend war, konnte das Kind ihn nicht wiederfinden.
So begannen die beiden Kleinen durch die Straßen zu irren.
Der kleine Gavroche zieht Vorteile aus dem großen Napoléon
Der Pariser Frühling kennt rauhe Stürme, deren kalter Hauch uns nicht frieren, aber doch erschauern läßt. Es scheint dann, daß die Tür des Winters nur halb geschlossen ist und daß durch den Spalt noch ein letzter winterlicher Wind durchstreicht.
An einem Abend, an dem es besonders stürmte, so daß man sich in den Januar zurückversetzt glauben konnte und die Bürger ihre Wintermäntel wieder hervorholten, stand der kleine Gavroche vor einem Friseurladen nahe der Orme-Saint-Gervais. Obwohl er vor Kälte zitterte, war er vergnügt. Er tat, als ob er eine tiefdekolletierte und mit einem Orangenblütenkranz geschmückte Wachspuppe bewundere, die sich im Schaufenster drehte und, von zwei Lampen bestrahlt, den Zuschauern zulächelte; in Wirklichkeit aber spähte er in den Laden hinein, um zu sehen, ob er hier nicht ein Stück Seife mausen könnte, um es später für einen Sou einem Vorstadtbarbier weiterzuverkaufen.
Während er also diese Puppe betrachtete, gleichzeitig aber ein Stück Seife nicht aus den Augen ließ, murmelte er:
»Dienstag. Es war gar nicht Dienstag. Oder doch Dienstag? Vielleicht. Sicher sogar.«
Eine Deutung dieses seltsamen Monologs ist nie gelungen.
Bezog es sich auf das letztemal, daß der Junge gegessen hatte? Wenn ja, dann war es vor drei Tagen gewesen, denn dies geschah an einem Freitag.
Der Barbier stand in seinem wohldurchwärmten Laden und rasierte einen Kunden. Von Zeit zu Zeit warf er einen Seitenblick auf den Feind da draußen, der zwar die beiden Hände in die Taschen gesteckt hatte, aber nicht seinen Witz.
Während Gavroche die Puppe, das Schaufenster und die Windsor-soap betrachtete, kamen zwei Kinder, nicht ganz gleich groß, recht anständig gekleidet und um einiges jünger als er – sie mochten der eine sieben, der andere fünf Jahre alt sein –, des Weges, klinkten schüchtern die Tür auf und traten in den Laden. Sie fragten irgend etwas, baten vielleicht um eine Gabe. Von draußen konnte man ihre Worte um so weniger verstehen, als sie sichtlich von den Tränen der Kleinen erstickt wurden. Der Barbier wandte sich zornig nach ihnen um, ohne das Rasiermesser wegzulegen, schob den Älteren mit der linken Hand, den Jüngeren mit dem Knie hinaus und schlug hinter ihnen die Tür zu.
»Um nichts und wieder nichts bringen sie die Kälte da herein!« schrie er.
Die beiden Kinder marschierten weiter. Der Himmel hatte sich bewölkt, es begann zu regnen.
Der kleine Gavroche war den beiden nachgegangen.
»Was habt ihr denn, ihr?«
»Wir wissen nicht, wo wir schlafen sollen.«
»Ist es das? Na, keine große Sache! Darum weint man noch lange nicht. Seid ihr blöd!«
Nachdem er solchermaßen seine Überlegenheit zum Ausdruck gebracht hatte, nahm er einen sanften Gönnerton an.
»Kommt mit, ihr Rangen.«
Die beiden folgten ihm, wie sie einem Erzbischof gefolgt wären. Schon hatten sie aufgehört zu weinen.
Gavroche stieg die Rue Saint-Antoine hinan und wandte sich nach der Bastille.
Ein Frauenzimmer, das die drei, einen immer kleiner als den anderen, im Gänsemarsch daherkommen sah, lachte laut auf. Es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Lachen respektlos war.
»Tag, Fräulein Omnibus!«
Offenbar hatte der Friseur ihn so kriegerisch gestimmt. Eine Portierin mit einem Bart, die eben mit dem Besen in der Hand vor dem Haustor stand, begrüßte er:
»Wollen gnädige Frau ausreiten?«
Dann trat er in eine Lache, daß die Lackschuhe eines Passanten über und über bespritzt wurden.
»Lausbub!« schrie dieser wütend.
»Haben der Herr eine Beschwerde? Das Büro ist schon geschlossen. Morgen, bitte.«
Sie kamen an einem Bäckerladen vorbei.
»Jungens, habt ihr schon gegessen?«
»Seit heute morgen nicht.«
»Habt ihr keine Eltern?«
»Doch, wir haben Mama, aber wir wissen nicht, wo sie ist.«
»In manchen Fällen ist das besser, als wenn man es weiß«, versicherte Gavroche nachdenklich. »Ihr habt also eure Erzeuger verloren. Ihr wißt nicht genau, wo ihr sie liegengelassen habt. Das soll man nicht. Man soll besser auf die Erwachsenen aufpassen. Aber jetzt wird die Sache mit dem Essen dringlich.«
Er suchte in seinen Hosentaschen und fand schließlich einen Sou. Ohne den Kleinen Zeit zu lassen, sich über diesen grandiosen Fund zu entzücken, bugsierte er die beiden in den Bäckerladen, legte seinen Sou auf den Tisch und rief:
»Junger Mann, für fünf Centimes Brot!«
Der Bäcker – es war der Inhaber des Ladens – nahm ein Brot und ein Messer.
»In drei Stücken, junger Mann«, fuhr Gavroche würdevoll fort, »wir sind nämlich drei.«
Der Bäcker streifte die drei mit einem Blick, nahm ein Stück Schwarzbrot und setzte das Messer an. Jetzt legte Gavroche den Finger an die Nase, als ob ihm ein bedeutsamer Gedanke käme. So hat Friedrich der Große eine Prise Tabak genommen! Dann fragte er den Bäcker:
»Was ist denn das?«
»Sehr gutes Brot, Brot zweiter Klasse.«
»Schwarzer Hundekuchen«, sagte Gavroche verächtlich. »Ich verlange Weißbrot, junger Mann. Ich habe die Herren dazu eingeladen.«
Der Bäcker mußte lächeln und betrachtete, während er das Weißbrot anschnitt, die drei Jungen auf eine Art, die Gavroche irritierte.
»Eh, Sie Semmelkonditor, paßt Ihnen vielleicht etwas nicht?«
Als das Brot abgeschnitten war, kassierte der Bäcker den Sou, und Gavroche sagte zu den beiden Kindern: