Totenblaß, verzweifelt wartete er, von dem Gedanken gepeinigt, daß es nun bald tagen würde; binnen kurzem würde es von der benachbarten Kirche Saint-Paul vier Uhr schlagen, dann wurde der Wachtposten bei der Ablösung schlafend gefunden. Er blickte in die Tiefe, starrte auf das nasse, schwarze Straßenpflaster hinab, das ihm den Tod androhte und doch die Freiheit versprach.
Hatten seine drei Komplizen, denen die Flucht geglückt war, ihn bemerkt, würden sie ihm zu Hilfe kommen? Er lauschte. Aber außer einer Polizeistreife war seit einer Stunde niemand durch die Straße gekommen.
Es schlug vier Uhr. Thénardier zitterte. Kurz danach hörte er aus dem Gebäude des Gefängnisses jenen verworrenen Lärm, der immer einem entdeckten Fluchtversuch folgt. Türen wurden zugeschlagen, Gitter knarrten in den Angeln, Posten eilten hin und her, Gewehrkolben wurden auf den Boden gestoßen. Durch die Fenster sah man Lichter treppauf, treppab huschen; die Feuerwehr war aus der benachbarten Kaserne geholt worden, und die Helme glitzerten im Widerschein der Fackeln auf dem Dach. Gleichzeitig bemerkte Thénardier von der Bastille herüber einen fahlen Lichtschein, der am Horizont den Tag ankündigte.
In seiner Angst gewahrte er plötzlich in der Straße, die noch im Dunkeln lag, einen Mann, der an den Mauern entlangschlich, von der Rue Pavée herüberkam und den Bauplatz betrat, der an Thénardiers Mauer stieß. Diesem Mann folgte ein zweiter, der ebenso vorsichtig näher kam, diesem ein dritter und vierter. Als sich die Leute wieder vereinigt hatten, klinkten sie die Tür in dem Zaun auf und traten in den Schatten der Baracke. Jetzt standen sie direkt unter Thénardier. Offenbar hatten sie diesen Platz gewählt, um unbeachtet beraten zu können. Thénardier konnte ihre Gesichter nicht erkennen, horchte aber mit den scharfen Ohren des Verzweifelten, der keine Rettung mehr erhofft.
Jetzt schimmerte ihm ein Hoffnungsstrahl entgegen. Diese Leute sprachen Argot.
»Abschrammen«, sagte der erste. »Hier ist nichts zu drehen.«
»Es regnet, daß das Feuer des Teufels ausgehen könnte. Die Polente wird gleich vorbeikommen. Da drüben steht auch einer. Besser, wir hauen ab.«
»Warten wir doch ein bißchen«, meinte der dritte, »es brennt nicht. Wer weiß, ob er uns nicht noch braucht.«
Jetzt erkannte Thénardier Montparnasse, der eine gewähltere Sprache bevorzugte. Es waren seine Freunde.
Brujon antwortete ungeduldig, aber immer noch leise.
»Was du dir wieder ausgedacht hast! Der Schubiak stellt sich dämlich an. Der hat’s noch nicht heraus.«
»Aber man läßt seine Freunde nicht so einfach sitzen«, erwiderte Montparnasse mürrisch.
»Wir können gar nichts für ihn tun«, meinte Brujon, »fort mit Schaden! Jeden Augenblick kann die Hand auf unserer Schulter liegen.«
Montparnasse leistete nur schwachen Widerstand. In der Tat hatten die vier Männer mit jener Treue, die gerade Verbrecher auszeichnet, eine ganze Nacht im Bereich der Force zugebracht, was für sie immerhin gefahrvoll war; bis jetzt hatten sie gehofft, Thénardier irgendwo auf einer Mauer auftauchen zu sehen. Nun aber verloren sie die Hoffnung, und sogar Montparnasse, der ein bißchen Thénardiers Schwiegersohn war, gab nach. Einen Augenblick noch, und sie würden gehen. Thénardier keuchte auf seiner Mauer vor Angst wie ein Schiffbrüchiger auf seinem Floß, der die Segel eines Schiffs am Horizont vorübergleiten sieht.
Zu rufen wagte er nicht, denn ein einziger Schrei konnte alles verderben. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Er zog Brujons Strick aus der Tasche und warf ihn in die Tiefe.
Der Strick fiel den vier Männern zu Füßen.
»Holla, eine Witwe«, sagte Babet.
»Ein Onkel«, sagte Brujon.
»Das ist der Wirt«, sagte Montparnasse.
Sie sahen hinauf. Thénardier schob seinen Kopf vor.
»Rasch«, flüsterte Montparnasse, »hast du das Strickende, Brujon?«
»Ja.«
»Knüpf die beiden Stricke zusammen, dann werfen wir das Ganze hinauf, er kann es festmachen und daran herunterrutschen.«
Thénardier wagte jetzt, lauter zu sprechen.
»Ich bin ganz klamm.«
»Wir werden dir schon einheizen.«
»Kann mich nicht rühren.«
»Laß dich abrutschen, wir fangen dich auf.«
»Hab die Hände steif.«
»So binde wenigstens den Strick an die Mauer.«
»Ich kann nicht.«
»Einer von uns muß hinauf«, meinte Montparnasse.
»Drei Stockwerke!« wandte Brujon ein.
Ein altes Ofenrohr stieg von der Baracke an der Mauer hinauf, fast bis zu dem Platz Thénardiers. Es war brüchig und sehr schmal.
»Vielleicht kommt man da hinauf?« fragte Montparnasse.
»An der Röhre?« fragte Babet. »Ein Kerl nicht. Höchstens ein Bub.«
»Aber wo nehmen wir einen Buben her?«
»Wartet«, sagte Montparnasse, »ich sehe einen Ausweg.«
Vorsichtig klinkte er die Tür auf, spähte in die Straße hinaus und lief dann in der Richtung auf die Bastille.
Sieben oder acht Minuten, die Thénardier wie Jahrtausende erschienen, verstrichen. Babet, Brujon und Gueulemer standen verbissen da. Endlich ging die Tür auf und Montparnasse erschien abermals. Er brachte Gavroche. Da es noch immer heftig regnete, war die Straße menschenleer.
Der kleine Gavroche trat unbefangen näher. Das Wasser troff ihm aus den Haaren. Gueulemer redete ihn an:
»Bub, bist du ein Mann?«
Gavroche zuckte die Achseln.
»Ein Bub wie ich ist ein Mann, und Männer wie ihr sind Buben.«
»Der Junge hat keine kurze Zunge«, meinte Babet.
»In Paris sind die Kinder nicht auf den Mund gefallen«, versicherte Brujon.
»Was wollt ihr?« fragte Gavroche.
»Du sollst da an dem Rohr rauf«, erklärte Montparnasse.
»Mit ’m Stück Witwe.«
»Und oben das Seil vertäuen.«
»Und dann?« fragte Gavroche.
»Das ist alles.«
»Willst du?« fragte Brujon.
Dem Jungen schien die Frage albern. Er zog stumm die Schuhe aus.
Gueulemer packte Gavroche, hob ihn auf das Dach der Baracke, deren morsche, wurmstichige Bretter sich unter dem Gewicht des Knaben bogen, und warf ihm den Strick zu, dessen Enden Brujon inzwischen verknotet hatte. In diesem Augenblick beugte sich Thénardier vor und man sah sein fahles Gesicht.
Gavroche erkannte ihn.
Holla, da ist ja Papa, dachte er, na, wenn schon!
Dann nahm er den Strick zwischen die Zähne und kletterte hinauf.
Bald saß er rittlings auf der Mauer und befestigte den Strick am Querbalken des einen Fensters.
Einen Augenblick später stand Thénardier auf der Straße.
Sobald seine Füße den Boden berührt hatten, fühlte er weder Müdigkeit noch Angst. Alle Schrecken wichen wie Nebel von ihm, sein grausamer Verstand erwachte, und seine erste Frage war:
»Habt ihr heute noch was vor?«
Gavroche saß in der Ecke und zog sich seine Schuhe an. Als er sah, daß die Männer sich nicht mehr um ihn kümmerten, ging er. Er verschwand um die Ecke der Rue des Ballets. Jetzt nahm Babet Thénardier beiseite.
»Hast du dir den Buben angesehen?«
»Welchen Buben?«
»Der dir den Strick gebracht hat?«
»Nicht näher.«
»Ich weiß nicht, aber ich glaube, es war dein Sohn.«
»Wirklich?«
Fünftes Buch
Freude und Leid
Im Glanz …
Wie der Leser gesehen hat, war Eponine, als sie das Haus in der Rue Plumet entdeckte, zunächst nicht darauf verfallen, die Banditen dahin zu führen; sie bemühte sich sogar, ihr Geheimnis zu bewahren. Dann hatte sie Marius dahin gebracht. Der hatte tagelang das Gitter bewacht und war schließlich, wie Romeo in Julias Garten, eingedrungen. Nur hatte er es leichter gehabt als Romeo, denn dieser mußte eine Mauer übersteigen, Marius aber brauchte nur eine morsch gewordene Stange aus dem Gitter zu lösen und sich durchzuzwängen. Er war schlank. Da die Straße, wie wir bereits nannten, wenig begangen war, lief Marius kaum Gefahr, bei seinen nächtlichen Besuchen bemerkt zu werden.