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Seit jener seligen Stunde, da ein Kuß das Verlöbnis der beiden jungen Leute besiegelt hatte, kam Marius jeden Abend. Wenn Cosette damals einem gewissenlosen Lüstling verfallen wäre, wäre sie verloren gewesen. Es gibt unter den Frauen großmütige Herzen, die sich verschwenden, und Cosette zählte zu ihnen.

Aber Gott wollte, daß diese Liebe Cosette nicht verderben, sondern retten sollte.

Jean Valjean ahnte nichts.

Cosette war nicht ganz so träumerisch veranlagt wie Marius. Oft war sie heiter, und das genügte, um Jean Valjean glücklich zu machen. Ihre Gedanken, ihre zärtlichen Regungen, das Bild Marius’, das ihre Seele erfüllte, alles dies konnte der unvergleichlichen Reinheit ihrer schönen, keuschen, lächelnden Stirn keinen Abbruch tun. Und Jean Valjean war ruhig.

Wenn zwei Liebende gut miteinander auskommen, so geht alles glatt. Auch der dritte, der ihr Glück stören könnte, wird leicht mit Hilfe dieser Vorsichtsmaßregeln, die alle Verliebten kennen, in Ruhe gehalten. Niemals widersetzte sich Cosette einem Wunsch Jean Valjeans.

Er wollte spazierengehen.

»Gewiß doch, Väterchen.«

Nein, er wollte doch lieber zu Hause bleiben.

»Sehr gern.«

Er wollte einen Abend bei Cosette verbringen.

Sie war entzückt.

Da er ja doch um zehn Uhr abends ging, kam Marius an solchen Tagen erst später, sobald er hörte, daß die Tür zu der Freitreppe geöffnet wurde.

Am Tag ließ sich Marius nie sehen. Jean Valjean dachte nie mehr daran, daß es einen Marius gab. Und die alte Toussaint, die früh zu Bett ging, hatte einen festen Schlaf.

Um Mitternacht kehrte dann Marius nach Hause zurück. Courfeyrac sagte zu Bahoreclass="underline"

»Wirst du es mir glauben, Marius kommt jetzt immer gegen ein Uhr morgens nach Hause.«

»Was willst du denn?« antwortete Bahorel, »in jedem Seminaristen steckt ein Fuchs.«

Einmal sah Courfeyrac Marius streng an und sagte:

»Sie führen einen unordentlichen Wandel, junger Mann!«

Denn Courfeyrac war ein praktischer Mensch und hatte für das unsichtbare Paradies Marius’ kein Verständnis.

»Mein Lieber«, sagte er eines Morgens, »es kommt mir ganz so vor, als ob du jetzt am Monde wohntest im Königreich Traumland, Provinz Illusionen, Hauptstadt Seifenblase. Sag mal, mein Junge, wie heißt sie denn?«

Aber er konnte Marius nicht zum Sprechen bringen.

Während dieses süßen Maimonats genossen Marius und Cosette allerlei Glück. Sie zankten miteinander und sagten Sie, nur um sich später auf Du zu verständigen.

Sie führten lange Gespräche über Leute, die ihnen vollkommen gleichgültig waren. Und das mag ein neuerlicher Beweis dafür sein, daß auch bei der entzückenden Oper, die sich Liebe nennt, das Libretto keine Rolle spielt.

Marius hörte zu, wenn Cosette von Kleiderstoffen sprach.

Cosette lauschte Marius, wenn er politische Ansichten entwickelte.

Oder sie schwiegen, und das war am süßesten.

Und doch drohten Wirrungen.

Der Hund bewacht den Garten

Wir müssen jetzt, da ernste Ereignisse bevorstehen und schwere Wolken sich über dem Horizont von Paris zusammenziehen, genauere Daten angeben.

Am nächsten Tag, dem 3. Juni 1832, ging Marius bei einbrechender Nacht seinen gewohnten Weg. Er begegnete Eponine, aber er wandte sich ab und erreichte durch die Rue Monsieur die Rue Plumet.

Die Folge war, daß Eponine ihm nachging, was sie bisher noch nie getan hatte. Immer hatte sie sich begnügt, ihn zu sehen, hatte sogar darauf verzichtet, ihn anzureden.

Sie sah, wie er die Gitterstange herausnahm und in den Garten schlich.

Holla, dachte sie, er geht in das Haus.

Auch sie eilte zu dem Gitter, betastete die Stangen und fand leicht jene, die Marius gelockert hatte.

»Stehengeblieben, Lisette!« murmelte sie traurig.

Sie setzte sich auf den Gittersockel, als ob sie das Haus bewache. Der Winkel war dunkel, Eponine verschwand vollkommen.

So saß sie etwa eine Stunde, ohne sich zu rühren, ja fast ohne zu atmen, und sann.

Gegen zehn Uhr abends kam einer der zwei oder drei Leute, die genötigt sind, die Rue Plumet zu durchqueren, ein alter Bürger, hastig an dieser übelbeleumundeten Stelle vorbei. Plötzlich hörte er eine dumpfe Stimme murmeln:

»Jetzt staune ich nicht mehr, daß er alle Abend diesen Weg geht.«

Der Passant blickte um sich, sah aber niemand und wurde furchtsam. Rasch ging er weiter.

Es war klug von ihm, sich zu beeilen, denn gleich nachher kamen sechs Männer einzelweise des Wegs. Vor dem Hause Jean Valjeans blieb der erste stehen und wartete auf die andern.

»Hier ist es«, flüsterte einer.

»Ist ein Hund im Garten?«

»Ich weiß nicht. Jedenfalls habe ich eine Boulette mitgebracht, die wir ihm anbieten können.«

»Hast du Kitt, damit wir das Fenster eindrücken können?«

»Ja.«

»Das Gitter ist alt«, sagte einer mit einer Bauchrednerstimme.

»Um so besser. Es wird nicht schreien, wenn man es durchsägt.«

Der sechste hatte bis jetzt den Mund noch nicht aufgetan. Er prüfte das Gitter, rüttelte an allen Stäben und gelangte schließlich zu jener Stange, die Marius gelockert hatte. In diesem Augenblick griff eine Hand aus dem Dunkel nach seinem Arm, und eine Stimme sagte heiser:

»Vorsicht, Hund!«

Der Mann sah ein blasses Mädchen vor sich stehen.

Er fuhr zurück.

»Wer ist denn das?« stotterte er.

»Deine Tochter.«

Es war Eponine, die mit Thénardier sprach.

Jetzt kamen auch Claquesous, Gueulemer, Babet, Montparnasse und Brujon leise näher. Jeder hatte irgendein Gerät in der Hand.

»Was soll denn das bedeuten? Was hast du denn hier zu suchen? Bist du verrückt?« fuhr Thénardier seine Tochter so laut an, als man flüstern konnte. »Warum störst du uns bei der Arbeit?«

Eponine lachte und legte ihm den Arm um den Hals.

»Ich bin da, weil ich da bin, Papachen. Darf ich vielleicht nicht auf einem Stein sitzen? Ihr solltet nicht hier sein, denn ich habe euch doch gesagt: das hier ist Zwieback! Magnon hat es euch bestellt. Aber küß mich doch, Papachen, wir haben uns ja so lange nicht gesehen! Du bist also frei?«

Thénardier suchte sich aus ihren Armen zu befreien und murmelte:

»Gut, geküßt hast du mich ja schon. Ja, ich bin frei. Jetzt pack dich fort.«

Aber Eponine wurde zärtlicher.

»Wie bist du denn nur losgekommen?« fragte sie, »du mußt ja ordentlich schlau sein, daß du da ausgerückt bist. Und die Mutter? Wo ist denn Mama? Erzähl mir, wie es Mama geht.«

»Gut. Ich weiß nicht. Laß mich in Ruhe und scher dich fort.«

»Ich will aber jetzt nicht gehen«, schmollte Eponine wie ein verzogenes Kind. »Du schickst mich fort, jetzt, wo ich dich nach vier Monaten wiedersehe und nach Herzenslust küssen kann!«

Wieder fiel sie ihm um den Hals.

»Das ist mir denn doch zu blöd!« schimpfte Babet.

»Macht rasch!« verlangte Gueulemer, »die Polente kann gleich vorüberkommen!«

Eponine wandte sich um.

»Ach, Herr Brujon! Und auch Sie, Herr Babet! Guten Tag, Herr Claquesous! Erkennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Gueulemer? Wie geht’s, Montparnasse?«

»Doch, sie erkennen dich«, sagte Thénardier, »aber jetzt guten Abend, fort mit dir! Laß uns in Ruhe!«

»Das ist eine Stunde für die Füchse, nicht für die Hühner«, sagte Montparnasse.