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»Du siehst doch, daß wir hier ein Ding drehen wollen!«

Eponine griff nach Montparnasses Hand.

»Vorsicht, du wirst dich schneiden«, sagte er, »ich halte ein offenes Messer.«

»Mein lieber, kleiner Montparnasse«, sagte Eponine sanft, »irgendeinem muß man schließlich auch trauen. Ich bin doch die Tochter meines Vaters. Sie haben mich beauftragt, diese Sache auszuforschen, Herr Gueulemer.«

Eponine scheute den Argotausdruck. Seit sie Marius kannte, mied sie die Sprache der Verbrecherwelt.

Sie drückte Gueulemers Hand.

»Sie wissen, daß ich nicht dumm bin. Sonst hat man mir immer geglaubt. Ich habe Ihnen manchen Dienst erwiesen. Hier im Hause weiß ich Bescheid, Sie bringen sich nur unnütz in Gefahr. Nichts zu holen.«

»Es sind nur Weiber drin!«

»Nein, die Leute sind ausgezogen.«

»Aber die Kerzen haben sie brennen lassen«, antwortete Babet und deutete auf ein Licht in der Mansarde. Toussaint war noch nicht zu Bett gegangen.

»Das sind die neuen, ganz arme Leute. Keinen Sous im Haus.«

»Geh zum Teufel!« sagte Thénardier. »Wenn wir das Haus durchsucht haben, vom Keller bis zum Boden, werden wir dir sagen, ob es was darin gegeben hat oder nicht.«

Er stieß sie zur Seite.

»Herr Montparnasse!« rief Eponine, »ich bitte Sie, seien Sie nett, gehen Sie nicht da hinein.«

»Jetzt scher dich zum Teufel, Biest!« schrie Thénardier, »wir Männer haben hier zu tun.«

Eponine gab Montparnasses Hand frei und sagte:

»Ihr wollt also unbedingt in dieses Haus?«

»Ein wenig«, antwortete der Bauchredner höhnisch.

Jetzt lehnte sie sich an das Gitter, sah den sechs bis an die Zähne bewaffneten Banditen, die in der Finsternis wie Teufel aussahen, ruhig ins Gesicht und sagte leise, aber fest:

»Gut, und ich will, daß ihr nicht hineingeht.«

Alle blieben erstaunt stehen. Nur der Bauchredner lachte noch.

»Freunde«, sagte sie wieder, »ich spreche jetzt. Wenn ihr aber an dieses Gitter kommt und in den Garten geht, dann werde ich schreien, an alle Türen schlagen, die ganze Stadt aufwecken und euch alle sechs den Polizisten ausliefern.«

»Das trau ich ihr zu«, flüsterte Thénardier Brujon zu.

»Und meinen Vater zuallererst!« Thénardier ging auf sie los.

»Nicht so nahe, guter Mann!«

»Was hat sie denn nur, diese verfluchte Hündin?« sagte er, trat aber zurück.

Sie lachte höhnisch.

»Wie du siehst, kommst du doch nicht da hinein. Ich bin keine Hündin, denn ich bin die Tochter eines Wolfes. Ihr seid sechs, aber daran liegt mir nichts. Ihr seid Männer, ich bin eine Frau. Vor euch fürchte ich mich noch lange nicht. Ich sage euch, daß ihr hier nicht hereinkommt, weil ich es nicht will. Geht ihr näher heran, so belle ich. Der Hund, sage ich euch, bin ich. Um euch kümmere ich mich nicht. Geht, wohin ihr wollt, aber nicht hierher. Ihr stoßt mit dem Messer zu, ich mit dem Fuß! Kommt doch!«

Jetzt verlegte sich Thénardier aufs Verhandeln.

»Sprich doch nicht so laut«, sagte er. »Du willst mich doch nicht wirklich an der Arbeit hindern. Von etwas müssen wir doch leben. Fühlst du denn gar nichts für deinen Vater?«

»Du hältst mich wohl für blöd!«

»Wir müssen doch was zu essen haben.«

»Verreckt!«

Die sechs Männer zogen sich in den Schatten zurück und berieten. Das Mädchen beobachtete sie ruhig.

»Es ist etwas mit ihr los«, sagte Babet, »sie hat etwas. Ist sie verliebt? Es wäre schade, wenn uns diese Sache zu Essig würde. Zwei Weiber und ein alter Mann im Hinterhof, und fabelhafte Gardinen! Der Alte scheint ein Jud zu sein. Sicher ein gutes Geschäft.«

»Gut, dann geht ihr hinein, ich bleib bei dem Mädel, und wenn sie sich rührt …«

Das Messer blinkte in Montparnasses Hand.

Thénardier sagte kein Wort, schien aber einverstanden.

Brujon galt ein wenig für das Orakel der Bande. Er hatte sich noch nicht geäußert. Man wußte, daß er vor nichts zurückschreckte, und einmal hatte er aus purer Ruhmsucht einen Polizeiposten ausgenommen. Übrigens dichtete er und erfreute sich darum großen Ansehens.

»Was hältst du davon?« fragte Babet.

Brujon schüttelte den Kopf und sagte endlich:

»Heute morgen sah ich zwei Spatzen, die rauften. Abends begegnete ich einem keifenden Frauenzimmer. Schlechte Zeichen! Fahren wir ab.«

Und sie gingen.

»Wenn ihr wolltet, ich hätte dem Mädel den Hals umgedreht«, murrte Montparnasse.

»Ich rühre keine Dame an«, sagte Babet.

Marius beginnt praktisch zu werden, indem er Cosette seine Adresse gibt

Während »der Hund« das Gitter bewachte, war Marius bei Cosette.

Nie war der Stern am Himmel glänzender, nie hatten die Blumen süßer geduftet. Marius war zärtlich und tief beglückt. Aber Cosette schien ihm traurig. Sie hatte geweint. Ihre Augen waren gerötet.

Das war der erste Schatten, der auf sein Glück fiel.

»Was hast du denn?«

»Ich werde es dir gleich sagen.« Dann setzte sie sich auf die Bank, wartete, bis er neben ihr Platz genommen hatte, und fuhr fort:

»Mein Vater hat mir heute morgen gesagt, ich solle mich für eine Reise bereithalten. Er hat Geschäfte zu erledigen, wir müssen vielleicht verreisen.«

Marius zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.

Wenn einer am Ende seines Lebens ist, heißt Sterben für ihn Fortgehen. Steht er aber am Anfang, so bedeutet Fortgehen Sterben.

Marius erwachte aus einem Traum. Seit sechs Wochen hatte er gewissermaßen außerhalb des Lebens gelebt. Das Wort »Abreisen« brachte ihn zur Besinnung.

Er fand kein Wort. Cosette fühlte nur, daß seine Hand kalt wurde.

»Was hast du?« fragte sie.

»Aber das ist ja unmöglich!« rief Marius.

In diesem Augenblick schien Marius kein Mißbrauch der Gewalt, keine Grausamkeit, keine Bestialität eines Tyrannen, keine Missetat eines Busiris, Tiberius oder Heinrich VIII. dieser gleich: Herr Fauchelevent wollte verreisen.

»Und wann wirst du reisen?« fragte er mit schwacher Stimme.

»Er hat mir nicht genau gesagt, wann.«

»Und wann kommst du zurück?«

»Auch das weiß ich nicht.«

Marius stand auf.

»Cosette, Sie reisen also auch?«

»Warum sagst du nicht du zu mir?«

»Ich frage, ob Sie auch reisen?«

»Ja, aber was soll ich denn tun?«

Cosette nahm Marius’ Hand und drückte sie heftig.

»Gut«, sagte Marius, »dann gehe ich anderswohin.«

Cosette fühlte den Sinn dieser Worte mehr, als sie ihn verstand. Sie wurde so blaß, daß sie selbst in der Dunkelheit weiß erschien.

»Was meinst du damit?« fragte sie.

Marius sah sie an, blickte zum Himmel auf und antwortete:

»Nichts.«

Als er den Blick wieder senkte, sah er, daß Cosette lächelte.

»Ach, wie dumm wir sind! Ich habe eine Idee, Marius.«

»Was?«

»Reise du auch dahin! Ich werde dir schon sagen, wo wir sind.«

Marius war erwacht, die Wirklichkeit stand wieder klar vor ihm.

»Ich soll auch reisen? Bist du verrückt? Dazu braucht man Geld, und ich habe keines. Ich schulde Courfeyrac jetzt schon zehn Louis. Ich trage einen alten Hut, der keine drei Franken wert ist, mein Rock hat keine Knöpfe, das Hemd ist zerrissen, die Ärmel sind durchgescheuert; meine Schuhe lassen Wasser durch. Seit sechs Wochen denke ich nicht daran, und ich habe auch dir nichts davon gesagt. Es geht mir sehr schlecht, Cosette, und du liebst mich, weil du mich nur bei Nacht siehst. Wenn du mir bei Tag begegnetest, würdest du mir einen Sou schenken. Ich soll reisen? Nicht einmal den Paß kann ich bezahlen.«

So saßen sie lange. Erst als er Cosette schluchzen hörte, wandte er sich um.