Er war von Sorgen bedrückt.
Ein unerklärlicher Vorfall hatte ihn aufgeschreckt. Als er heute morgen, noch bevor Cosette ihre Fensterläden geöffnet hatte, im Garten spazierenging, hatte er an der Mauer eine Schrift gesehen:
»16, Rue de la Verrerie.«
Sie war noch ganz frisch. Eine Brennessel, die an der Wand wuchs, hatte er weiß bestaubt gefunden. Also war diese Inschrift heute nacht an die Mauer gekommen. Eine Adresse? Eine Warnung? Auf alle Fälle waren Fremde in den Garten eingedrungen. Er erinnerte sich der seltsamen Vorkommnisse, die schon einmal das Haus beunruhigt hatten. Jedenfalls wollte er nicht mit Cosette darüber sprechen, denn er befürchtete, sie zu erschrecken.
Während er so sann, warf die Sonne einen Schatten neben ihn, jemand stand auf der Böschung. Jean Valjean wollte sich umwenden, als ihm ein vierfach gefaltetes Blatt auf die Knie fiel. Er nahm es, faltete es auseinander und fand mit großen Buchstaben folgendes Wort aufgeschrieben:
»Umziehen!«
Jean Valjean sprang auf. Schon war niemand mehr auf der Böschung. Als er sich umsah, bemerkte er einen Burschen, größer als ein Kind, kleiner als ein Mann, der in einer grauen Bluse steckte und eine staubfarbene Samthose anhatte. Der Junge schwang sich gerade über den Grenzgraben des Marsfeldes. Sehr nachdenklich ging Jean Valjean nach Hause.
Marius
Verzweifelt hatte Marius Gillenormand verlassen. Er war mit wenig Hoffnung dorthin gegangen, aber in voller Verzweiflung kehrte er zurück.
Wie alle, die einen Kummer unterdrücken wollen, begann er durch die Straßen zu laufen. Später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, was er gedacht hatte. Um zwei Uhr morgens kam er in Courfeyracs Zimmer und warf sich in Kleidern auf seine Matratze. Erst beim Morgengrauen schlief er ein. Als er aufwachte, standen Courfeyrac, Enjolras, Feuilly und Combeferre, eben im Begriff wegzugehen, mit dem Hut auf dem Kopf im Zimmer.
»Kommst du mit zum Begräbnis des Generals Lamarque?« fragte Courfeyrac.
Marius war es, als ob Courfeyrac chinesisch spräche.
Gleich nach den jungen Männern ging auch er weg. Die beiden Pistolen, die ihm Javert am dritten Februar gegeben hatte, steckte er ein. Sie waren noch immer geladen. Was er dachte, als er sie einsteckte, läßt sich schwer sagen.
Den ganzen Tag über irrte er umher. Es regnete manchmal, aber er merkte nichts. Bei einem Bäcker kaufte er ein Stück Brot, steckte es in die Tasche und vergaß es. Nur einen einzigen klaren Gedanken hatte er: daß er um neun zu Cosette gehen müsse. In diesem letzten Glück bestand seine Zukunft. Dann kam die Finsternis. Zuweilen hörte er, während er in den entlegenen Außenboulevards spazierenging, von der Stadt herüber ein seltsames Getöse.
»Ich glaube, man kämpft«, dachte er.
Um neun Uhr erschien er in der Rue Plumet. Als er sich dem Gitter näherte, vergaß er alles. Er hatte sie seit achtundvierzig Stunden nicht gesehen, der Gedanke, ihr jetzt wieder zu begegnen, verdrängte jede andere Empfindung und löste eine tiefe, unerhörte Freude aus.
Wie gewöhnlich, lockerte Marius die Stange im Gitter und schlich in den Garten. Cosette war nicht an dem Platz, an dem sie ihn sonst erwartete. Er drang durch das Dickicht vor und gelangte auf die Freitreppe.
»Sie wartet hier«, sagte er.
Aber sie war nicht da.
Jetzt blickte er auf und bemerkte, daß die Fensterläden verschlossen waren. Er suchte den ganzen Garten ab, fand ihn aber leer. Fast von Sinnen, lief er auf das Haus zu und klopfte an die Fensterscheiben. Jetzt scheute er die Gefahr nicht mehr, daß ihr Vater herauskäme und ihn fragte, was er hier wolle. Diese Gefahr bedeutete nichts gegen jene, die er ahnte. Und dann begann er zu rufen:
»Cosette!« schrie er, »Cosette!«
Niemand antwortete.
Niemand war im Garten, niemand im Haus.
Verzweifelt betrachtete er das Gebäude, das düster und leer war wie ein Grab. Sein Blick fiel auf die Steinbank, auf der er so oft mit Cosette gesessen hatte. Traurig kauerte er auf einer Stufe der Freitreppe nieder. Jetzt blieb ihm nur der Tod.
Plötzlich hörte er eine Stimme, die von der Straße zu kommen schien und durch die Bäume herüberdrang:
»Herr Marius!«
Er sprang auf.
»Was gibt’s?«
»Herr Marius, sind Sie da?«
»Ja.«
»Herr Marius, Ihre Freunde erwarten Sie an der Barrikade der Rue de la Chanvrerie.«
Diese Stimme war ihm nicht ganz unbekannt. Sie war heiser und rauh wie die Eponines. Marius eilte an das Gitter, riß die lockere Stange heraus und sah jemand, einen jungen Burschen, in der Dunkelheit verschwinden.
Siebentes Buch
Der 5. Juni 1832
Das Begräbnis: Anlaß zur Wiedergeburt
Im Frühjahr 1832 war Paris, obwohl die Cholera seit drei Monaten alle Tatkraft lähmte, längst bereit zur Revolution. Die Großstadt gleicht einer Kanone: wenn sie geladen ist, genügt ein Funke, und der Schuß geht los. Im Juni 1832 gab der Tod des Generals Lamarque den Funken.
Lamarque war ein Mann der Tat, und er war populär gewesen. Der Reihe nach hatte er unter dem Kaiserreich und unter der Restauration die beiden Arten von Tapferkeit bewiesen, die diesen Epochen entsprachen, die Tapferkeit auf dem Schlachtfelde und die auf der Rednertribüne. Er war ein ebenso zündender Redner wie kühner Soldat. Man fühlte in seinem Wort das erprobte Schwert. Hatte er sich als Kommandant bewährt, so war er auch ein kühner Freiheitskämpfer. Er saß zwischen der Linken und der äußersten Linken, war beim Volke beliebt, weil er für die Zukunft eintrat, und der Abgott der Menge, weil er dem Kaiser gedient hatte. Siebzehn Jahre lang hatte er um Waterloo getrauert. Als er mit dem Tode rang, drückte er den Degen an die Brust, den ihm die Offiziere der Hundert Tage geschenkt hatten. Napoléon war gestorben mit dem Wort »Armee« auf den Lippen, Lamarque mit dem Wort »Vaterland«.
Sein Tod, mit dem man bereits gerechnet hatte, wurde vom Volk als Verlust, von der Regierung als kritischer Augenblick gefürchtet. Die Trauer würde allgemein sein. Wie alle Bitterkeit, konnte sie sich leicht in eine Revolte verwandeln. Und dies geschah.
Am Abend des 4. und am Morgen des 5. Juni, der für das Begräbnis Lamarques bestimmt war, machte die Vorstadt Saint-Antoine, durch die der Kondukt geführt werden sollte, einen beunruhigenden Eindruck. In diesem wirren Straßennetz bereitete sich die Unruhe vor. Man bewaffnete sich, so gut man konnte. Tischler schleppten Schraubstöcke herbei, um »Türen zu rammen«. Einer hatte sich aus einem Haken, dessen Ende er abbrach und den er zuspitzte, einen Dolch gemacht. Ein anderer fieberte so danach, am Angriff teilzunehmen, daß er seit drei Tagen in den Kleidern schlief. Ein gewisser Jacqueline, ein regsamer Mann, stellte sich auf belebten Plätzen auf und redete die Arbeiter an, die vorbeikamen.
»Hallo, du!«
Er gab ihnen zehn Sous für Wein, pro Mann.
»Hast du Arbeit?«
»Nein.«
»Geh zu Filspierre zwischen dem Tor von Montreuil und dem von Charonne, dort bekommst du Arbeit.«
Bei Filspierre wurden Kugeln und Waffen verteilt.
Bekannte Führer waren immer auf den Beinen, rannten von einem zum andern, um ihre Getreuen zu sammeln. Bei Batélemy und Capel unterhielten sich die Krieger ganz ernsthaft folgendermaßen:
»Wo hast denn du deine Pistole?«
»Unter der Bluse. Und du?«
»Unter dem Hemd.«
Am 5. Juni also, an einem Tage, der bald Regen, bald Sonnenschein brachte, bewegte sich der Leichenzug des Generals Lamarque mit offiziellem militärischem Pomp, der wohl aus Vorsicht etwas vergrößert worden war, durch Paris. Zwei Bataillone mit verhüllten Trommeln und gesenkten Gewehren, zehntausend Nationalgardisten und die Artilleriebatterie der Nationalgarde folgten dem Sarg. Der Leichenwagen wurde von jungen Leuten gezogen. Veteranenoffiziere gingen hinterher und trugen Lorbeerzweige. Dann kam eine unzählige, seltsam wilderregte Menge: Sektionäre der »Freunde des Volkes«, die Studenten der juristischen und medizinischen Fakultät, politische Flüchtlinge aus allen möglichen Ländern, die ihre Nationalfahne zeigten, Spanier, Italiener, Deutsche, Polen, schließlich Kinder mit grünen Palmzweigen, die Steinmetzen und Zimmerleute, die gerade im Streik waren, die Buchdrucker, erkennbar an ihren Papiermützen. Sie alle marschierten schreiend und aufgeregt hinter dem Sarge her, schwangen Stöcke und sogar Säbel, hielten keinerlei Ordnung. Die Kolonnen begannen Führer zu wählen. Einer, der ein Paar Pistolen ganz offen trug, schien eine Heerschau seiner Truppe abzuhalten. In den Nebenalleen der Boulevards, auf den Balkons, Bäumen, Fenstern und Dächern wimmelte es von Frauen und Kindern. Alle blickten angstvoll auf den Zug herab. Eine bewaffnete Menge zog vorüber, eine verängstigte sah zu.