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Manche unterzeichneten Quittungen über ausgelieferte Gewehre und Säbel und sagten:

»Holt euch die Waffen morgen vom Magistrat wieder ab.«

Schildwachen und Nationalgardisten, die man auf der Straße sah, wurden entwaffnet. Offizieren riß man die Epauletten ab.

Wir berichten alle diese Dinge langsam und der Reihe nach, doch geschahen sie gleichzeitig in allen Stadtteilen und unter ungeheurem Tumult.

Kaum war eine Stunde vergangen, als allein im Quartier der Markthallen siebenundzwanzig Barrikaden bereitstanden.

Überall und gleichzeitig wurde gearbeitet, überall wurden die Posten der Garnison aufgehoben. Um fünf Uhr abends waren die Revolutionäre Herren des Bastilleplatzes, der Lingerie und der Blancs-Manteaux. Ihre Patrouillen rückten bis zur Place des Victoires vor, bedrohten die Staatsbank und die Hauptpost. Ein Drittel von Paris war in Händen der Revolutionäre.

Gegen sechs Uhr abends war die Passage du Saumon ein Schlachtfeld. Auf der einen Seite stand die Menge, auf der anderen Militär. Durch die Gitter schoß man aufeinander. Ein Beobachter, ein junger Träumer, der Verfasser dieses Buches, der ausgegangen war, um sich den Vulkan aus der Nähe anzusehen, geriet zwischen die beiden Feuer. Um den Kugeln zu entgehen, mußte er zwischen zwei Säulen flüchten und dort in einer recht gefährlichen Lage eine halbe Stunde warten.

Bei manchen Regimentern waren die Soldaten schwankend. Dieser Umstand steigerte die allgemeine Unruhe. Die Soldaten erinnerten sich der Ovation, die ihnen im Juli 1830 wegen der Neutralität des dreiundfünfzigsten Linienregiments dargebracht worden war. Zwei furchtlose und erfahrene Offiziere führten das Kommando, der Marschall von Lobau und General Bugeau. Gewaltige Patrouillen, Bataillone von Linienregimentern, denen sich ganze Kompanien Nationalgardisten anschlossen, holten Erkundigungen in den revolutionären Stadtvierteln ein. Aber auch die Aufständischen stellten Posten aus und sandten kühn ihre Patrouillen aus den Barrikaden auf die Straße. So beobachteten sich die feindlichen Parteien. Die Regierung zögerte, obwohl sie eine Armee bereithielt. Die Nacht mußte jeden Augenblick hereinbrechen, und Saint-Merry läutete Sturm. Der Kriegsminister, der alte Marschall Soult, der bei Austerlitz gekämpft hatte, sah düster in die Zukunft. Die Tuilerien lagen einsam und verlassen da. Louis Philippe war unbeirrbar ruhig.

Achtes Buch

Ein Atom verbrüdert sich mit dem Orkan

Gavroche zieht in den Krieg

In dem Augenblick, als die Menge mit den Soldaten vor dem Arsenal zusammenstieß, sich teilte und in hundert Straßen auseinanderströmte, kam ein junger Bursche, der in Lumpen gekleidet war, die Rue Ménilmontant herabspaziert. Vor einem Trödlerladen blieb er stehen und bemerkte eine alte Pistole im Schaufenster. Er schrie der Trödlerin zu:

»Frau Dingsda, ich entleihe mir von Ihnen diese Kanone!«

Dann verschwand er mit der Pistole.

Zwei Minuten später begegnete ein Trupp verschüchterter Bürger, der durch die Rue Basse flüchtete, einem Burschen, der mutig seine Pistole schwang.

Das war Gavroche, der in den Krieg zog.

Übrigens hatte er keine Ahnung, daß er in jener verregneten Nacht seine eigenen Brüder in Schutz genommen hatte. Bei Tagesanbruch war er zu dem Elefanten zurückgekehrt, hatte die beiden Kinder aus ihrem Versteck herausgeholt, ihnen ein rasch improvisiertes Frühstück dargeboten und sie dann der Mutter anvertraut, die auch ihn aufgezogen und ernährt hatte: der Straße.

Auf dem Markt Saint-Jean, dessen Posten bereits entwaffnet war, vollzog Gavroche seine Vereinigung mit der von Enjolras, Courfeyrac, Combeferre und Feuilly geführten Truppe Aufständischer. Sie waren so ziemlich bewaffnet. Auch Bahorel und Jean Prouvaire waren zu ihnen gestoßen. Enjolras hatte eine doppelläufige Jagdflinte, Combeferre das Gewehr eines Nationalgardisten und zwei Pistolen im Gürtel, die sein knopfloser Rock immer sehen ließ, Jean Prouvaire einen alten Kavalleriekarabiner. Bahorel und Courfeyrac mußten sich mit Säbeln behelfen.

Gavroche fragte sie ruhig:

»Wohin gehen wir?«

»Komm nur mit«, sagte Courfeyrac.

Hinter Feuilly marschierte Bahorel, der eine karmesinrote Weste trug.

»Die Roten kommen!« schrie ein erschrockener Bürger.

»Die Roten! Die Roten!« äffte Bahorel. »Sonderbare Furcht, Bürger! Ich fürchte mich weder vor Klatschrosen noch vor Rotkäppchen. Überlassen Sie, Herr Bürger, die Abneigung gegen das Rote dem Hornvieh!«

Jetzt fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, einen Fastenerlaß des Erzbischofs von Paris, der den »gläubigen Schafen« erlaubte, auch in der Fastenzeit Eier zu essen.

»Schafe! Das ist der richtige Ausdruck!« schrie Bahorel und riß den Zettel ab. Gavroche fand das sehr richtig. Er beschloß, sich mit Bahorel zu verständigen.

»Du hast unrecht, Bahorel«, sagte Enjolras. »Du hättest den Fastenerlaß in Ruhe lassen sollen, wir haben nichts mit dem Bischof zu tun, du verschwendest damit deine Zeit. Spare mit der Munition.«

»Jeder, wie er kann«, sagte Bahorel. »Diese bischöfliche Prosa geht mir auf die Nerven. Ich will Eier essen ohne Erlaubnis. Du bist einer von den Kalten, ich muß meinen Spaß haben. Übrigens verschwende ich nicht, sondern mache mir nur Bewegung. Wenn ich diesen Erlaß zerreiße, so tue ich es, beim Herkules, um meinen Appetit zu reizen.«

Eine lärmende Menge folgte ihnen: Studenten, Künstler, junge Leute, Arbeiter. Manche trugen Stöcke, manche Bajonette, einige hatten Pistolen im Gürtel. Ein Alter war darunter, der sehr bejahrt schien und keine Waffe trug. Er sah sehr nachdenklich aus. Gavroche bemerkte ihn.

»Wer ist denn das?« fragte er Courfeyrac.

»Irgendein Alter.«

Es war Mabeuf.

Der Alte

Und das kam so. Enjolras und seine Freunde befanden sich, als die Dragoner auf das Volk schossen, auf dem Boulevard Bourdon. Enjolras, Courfeyrac und Combeferre hatten die Losung ausgegeben: »Baut Barrikaden!« In der Rue Lesdigujères begegneten sie dem Alten. Er ging im Zickzack, als ob er betrunken wäre. Den Hut hielt er in der Hand, obwohl es seit dem Morgen heftig regnete. Courfeyrac hatte Vater Mabeuf erkannt. Oft hatte er Marius zu ihm begleitet. Er kannte die scheue und ängstliche Art des alten Bücherwurms und war nicht wenig erstaunt, ihm inmitten dieses Tumults zu begegnen.

»Gehen Sie nach Hause, Herr Mabeuf!«

»Warum?«

»Es gibt Krach.«

»Gut so.«

»Säbelhiebe, Gewehrschüsse, Herr Mabeuf!«

»Gut.«

»Kanonenschüsse.«

»Um so besser. Wo geht ihr hin?«

»Wir gehen die Regierung stürzen.«

»Gut!«

Und dann schloß er sich ihnen an.

Bald verbreitete sich das Gerücht, er sei ein altes Konventsmitglied, einer der »Königsmörder«.

Rekruten

Die Truppe wuchs von Augenblick zu Augenblick. In der Rue des Billets schloß sich ihnen ein hochgewachsener, bereits ergrauter Mann an, dessen strenge Miene Courfeyrac, Enjolras und Combeferre auffielen. Sie kannten ihn nicht.

In der Rue de la Verrerie kamen sie am Hause Courfeyracs vorüber.

»Das trifft sich gut«, sagte Courfeyrac, »ich habe meine Börse vergessen und meinen Hut verloren.«

Er eilte die Treppe hinauf, nahm einen alten Hut und seine Börse. Auch einen großen Koffer, den er zwischen schmutziger Wäsche verborgen hatte, schleppte er mit. Als er die Treppe hinabeilte, hielt ihn die Pförtnerin auf.

»Herr von Courfeyrac!«

»Wie heißen Sie eigentlich?« fragte Courfeyrac.

Die Pförtnerin war verblüfft. »Aber Sie kennen mich doch, ich bin die Pförtnerin. Ich heiße Mutter Veuvain.«

»Hören Sie, wenn Sie mir noch einmal Herr von Courfeyrac sagen, nenne ich Sie Madame de Veuvain. Nun, was gibt es?«