»Es ist jemand da, der Sie sprechen will.«
»Wer?«
»Weiß nicht.«
»Wo?«
»In meiner Loge.«
»Zum Teufel mit ihm!«
»Er wartet schon eine Stunde auf Sie.«
Im selben Augenblick kam ein kleiner, magerer, blasser, junger Bursche mit einem sommersprossigen Gesicht heraus, der einen zerrissenen Kittel und eine geflickte Samthose trug. Der Stimme nach hätte man ihn eher für ein Mädchen halten können.
»Wo ist Herr Marius?«
»Er ist nicht zu Hause.«
»Kommt er heute abend nach Hause?«
»Das weiß ich nicht. Ich bestimmt nicht.«
Der junge Mann sah ihn scharf an.
»Warum nicht?«
»Darum.«
»Wohin gehen Sie denn?«
»Was geht dich das an?«
»Soll ich Ihnen Ihren Koffer tragen?«
»Ich gehe auf die Barrikade.«
»Darf ich mit Ihnen kommen?«
»Wenn du willst! Die Straße ist frei, das Pflaster gehört der Welt.«
Und er rannte seinen Freunden nach.
Neuntes Buch
Corinthe
Vergnügte Vorbereitungen
Laigle aus Meaux wohnte mehr bei Joly als anderswo. Er hatte ein Heim, wie ein Vogel einen Ast. Die beiden Freunde lebten zusammen, aßen zusammen, schliefen in demselben Zimmer. Alles hatten sie gemeinsam, sogar ihre Musichetta.
Am Morgen des 5. Juni gingen sie zum Frühstück in ihre Budike »Corinthe«. Joly, der an Schnupfen litt, hatte Laigle bereits ein wenig angesteckt. Laigles Anzug war abgetragen, aber Joly kleidete sich gut.
Es war gegen neun Uhr morgens, als sie an die Tür von »Corinthe« klopften. Im ersten Stock fanden sie die Kellnerinnen Matelotte und Gibelotte.
»Austern, Käs und Schinken!« befahl Laigle.
Und sie setzten sich. Sonst waren noch keine Gäste da. Gibelotte kannte Joly und Laigle und stellte eine Flasche auf den Tisch. Als sie bei den ersten Austern waren, tauchte ein Kopf auf der Treppe auf, und eine Stimme rief:
»Schon von der Straße her habe ich euren Käse aus Brie gerochen. Hier habt ihr mich!«
Es war Grantaire.
Auch er setzte sich.
Gibelotte kannte auch ihn und stellte sogleich zwei Flaschen Wein auf.
»Trinkst du immer zwei zugleich?« fragte Laigle.
»Alle sind gescheit, nur du bist dumm«, erwiderte Grantaire. »Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der vor zwei Flaschen erschrocken wäre.« Die andern hatten begonnen zu essen. Grantaire begann zu trinken. Bald war eine halbe Flasche erledigt.
»Kommst du vom Boulevard?«
»Nein.«
»Wir haben die Spitze des Leichenzugs gesehen, Joly und ich.«
»Wie diese Straße ruhig ist«, sagte Laigle, »wer hätte gedacht, daß in Paris alles auf den Beinen ist? Hier merkt man, daß es eine Klostergegend ist.«
»Aber weil wir gerade bei den Revolutionen sind«, meinte Joly, »wißt ihr etwa, was mit Marius geworden ist?«
»Niemand weiß, in wen er verliebt ist.«
»Ach, die Liebschaften von Marius!« schimpfte Grantaire, »die kenne ich auswendig. Er ist ein nebulöser Mensch und wird irgend so etwas Dunstiges gefunden haben. Poetenrasse. Poet und Narr ist dasselbe. Das sind Ekstasen, über denen man das Küssen vergißt. Keuschheit auf Erden, Wollust im Jenseits.«
Grantaire war eben im Begriff, seine zweite Flasche zu leeren, als wieder jemand auf der Treppe erschien. Es war ein kaum zehnjähriger, zerlumpter Junge mit einem Wuschelkopf, der vom Regen troff. Er sah vergnügt aus.
Obwohl der Junge sichtlich keinen von den dreien kannte, wandte er sich ohne Zögern an Laigle aus Meaux.
»Sie sind doch Herr Bossuet?«
»Das ist mein Spitzname«, erwiderte Laigle. »Was willst du?«
»Ein großer Blonder hat mir auf dem Boulevard gesagt: Geh ins ›Corinthe‹, dort findest du Herrn Bossuet. Sag ihm von mir: A-B-C. Wahrscheinlich ist es ein schlechter Witz. Aber er hat mir zehn Sous gegeben.«
»Joly, leih mir zehn Sous«, sagte Laigle, »und du, Grantaire, rück auch zehn Sous heraus!«
So bekam der Junge einen Franken.
»Wie heißt du, Kleiner?« fragte Laigle.
»Navet, ich bin ein Freund von Gavroche.«
»Bleib bei uns, mein Junge.«
»Frühstücke mit uns«, lud ihn Grantaire ein.
»Ich kann leider nicht«, erwiderte der Knabe, »ich gehöre zum Trauerzug, ich muß ›Nieder mit Polignac!‹ schreien.«
Damit zog er ab.
Laigle sann nach.
»A-B-C bedeutet: Beerdigung Lamarques.«
»Der große Blonde ist Enjolras«, meinte Grantaire.
»Gehen wir hin?« fragte Bossuet.
»Es regnet«, erwiderte Joly. »Ich habe geschworen, mich dem Feuer auszusetzen, aber vom Regen war nie die Rede. Ich will keinen Schnupfen haben.«
»Ich bleibe auch«, sagte Grantaire, »mir ist ein Frühstück lieber als ein Leichenwagen.«
»Abstimmung ergibt, wir bleiben. Wenn es losgeht, kommen wir immer noch zurecht.«
»Ja, dann komm ich auch!« rief Joly.
Laigle rieb sich die Hände.
»Die Revolution von 1830 soll retuschiert werden«, sagte er, »die Verfassung ist dem Volk zu eng.«
»Mir vollkommen schnuppe«, erwiderte Grantaire, »ich habe nichts gegen die Regierung. Eine Krone, über die eine Schlafmütze gezogen ist, soll mir recht sein. Sie gleicht einem Gespenst mit einem Regenschirm.«
Auf der Treppe wurden rasche Schritte hörbar. Von der Straße rief man:
»Zu den Waffen!«
Laigle wandte sich um und sah in der Rue Saint-Denis Enjolras mit seinen Freunden. Gavroche folgte ihm mit seiner Pistole, Feuilly mit dem Säbel, Courfeyrac mit dem Degen, Prouvaire mit der Muskete.
Die Rue de la Chanvrerie, in der »Corinthe« lag, war kürzer als die Tragweite eines Karabiners, Bossuet legte die Hände an den Mund und schrie:
»Courfeyrac! Courfeyrac!«
Der blieb stehen, erkannte Laigle und rief:
»Was willst du?«
»Wohin?«
»Wir wollen eine Barrikade bauen!«
»Gut, bleibt hier, der Platz ist günstig.«
»Das ist wahr, Laigle«, antwortete Courfeyrac. Und die Menge besetzte die Rue de la Chanvrerie.
Wirklich eignete sich der Platz ausgezeichnet. »Corinthe« beherrschte das Winkelwerk der Sackgasse, die Rue Mondétour konnte nach beiden Seiten abgesperrt werden, so daß nur Angriffe von der Rue Saint-Denis her möglich waren. Der besoffene Bossuet hatte nicht weniger Witz bewiesen als ein nüchterner Hannibal.
Als die Menge die Straße besetzte, verbreitete sie überall Entsetzen. Bald war die Straße vollkommen von Spaziergängern gesäubert. Blitzschnell wurden allenthalben Fenster geschlossen, Türen versperrt, Läden zugeschlagen. Eine Alte, die Angst bekam, befestigte eine Matratze am Fenster, um die Kugeln aufzuhalten. Nur die Kaschemme blieb offen, und das aus dem einfachen Grunde, weil die Truppe sie besetzt hatte.
Frau Hucheloup, die Wirtin, jammerte.
In wenigen Minuten wurden zwanzig Eisenstangen, mit denen die Fenster der Gastwirtschaft vergittert waren, herausgebrochen; zehn Klafter weit wurde das Pflaster der Straße aufgerissen. Gavroche und Bahorel bemächtigten sich des Wagens eines Kalkbrenners, stürzten ihn um und rollten die Fässer herbei. Aus Pflastersteinen und leeren Fässern, die man im Keller des Wirtshauses fand, wurde die Barrikade erbaut. Matelotte und Gibelotte nahmen an den Arbeiten teil. Sie liefen hin und her, als ob sie Gäste bedienten.
Ein Omnibus, der mit zwei weißen Pferden bespannt war, bog in die Straße ein.
Bossuet sprang über die Barrikade, eilte dem Wagen entgegen und hielt ihn an. Er zwang die Passagiere, auszusteigen, half den Damen dabei, höflich wie er war, entließ den Kutscher und brachte Pferd und Wagen ein.