Im nächsten Augenblick waren die Pferde ausgespannt und wurden die Rue Mondétour hinuntergejagt. Der Omnibus war eine willkommene Vervollständigung der Barrikade.
Jetzt hatte es aufgehört zu regnen. Neue Rekruten waren gekommen. Arbeiter schleppten ein Pulverfaß herbei, einen Korb mit Vitriolflaschen und einige Karnevalfackeln, die von der letzten Feier des königlichen Geburtstags übriggeblieben waren. Die einzige Laterne, die zur Erleuchtung der Rue de la Chanvrerie diente, wurde umgerissen.
Enjolras, Combeferre und Courfeyrac leiteten das Ganze. Es wurden gleichzeitig zwei Barrikaden gebaut, die vor dem »Corinthe« nach beiden Seiten hin eine Sperre bildeten. Die höhere schloß die Rue de la Chanvrerie ab, die niedrigere die Rue Mondétour. Die letztere bestand nur aus Pflastersteinen und Fässern. Insgesamt arbeiteten etwa fünfzig Leute. Dreißig hatten Gewehre, denn halbenwegs war man in den Laden eines Waffenschmieds eingedrungen und hatte gegen Quittung gekauft.
Es war eine sonderbare Truppe. Einer trug einen kurzen Halbrock, einen Kavalleriesäbel und zwei alte Pistolen; ein anderer war in Hemdsärmeln, trug einen runden Hut und ein Pulverhorn an der Seite; ein dritter hatte sich aus grauem Papier ein Plastron gemacht und trug als Waffe eine Sattlerahle. Da war einer, der schrie:
»Wir wollen bis zum letzten Mann kämpfen und an der Spitze unserer eigenen Bajonette sterben!«
Und dieser Mann hatte gar kein Bajonett.
Ein anderer hatte seinen bürgerlichen Rock mit der Patronentasche und dem Ledergurt eines Nationalgardisten geschmückt und zeigte stolz die Aufschrift:
»Dienst der öffentlichen Ordnung.«
Viele Gewehre zeigten Legionsnummern. Man sah kaum Hüte, keine Halstücher, viele bloße Arme. Jedes Alter und jeder Typ war vertreten. Man sah blasse junge Leute, sonnenverbrannte Arbeiter. Alle waren hastig am Werk. Zwischendurch wurden allerlei Gerüchte verbreitet. Es hieß, gegen drei Uhr morgens würde man Verstärkung erhalten, ein Regiment sei gewonnen, ganz Paris werde sich erheben. Alle diese unheimlichen Dinge wurden in gemütlichem Ton besprochen. Alle diese Leute, die einander beim Namen kannten, schienen Brüder geworden zu sein. Die großen Gefahren haben oft diese schöne Wirkung, auch die Brüderlichkeit derer, die einander nicht kennen, ans Licht zu bringen.
In der Küche war ein Feuer angemacht worden; das Zinngeschirr des Wirtshauses, Kannen, Löffel und Gabeln, wurde eingeschmolzen. Man trank inmitten des ganzen Wirrwarrs. Im Billardsaal saßen Mutter Hucheloup, Matelotte und Gibelotte, jede nach ihrer Art vom Schrecken verändert: die eine stumpf, die andere außer Atem, die dritte erheitert; sie zerrissen alte Stoffetzen und zupften Scharpie. Der hochgewachsene Mann, der sich der Truppe an der Ecke der Rue des Billets angeschlossen hatte und den Courfeyrac, Combeferre und Enjolras bemerkt hatten, machte sich an der kleineren Barrikade nützlich. Gavroche arbeitete an der größeren mit. Was den jungen Mann betrifft, der Courfeyrac in seinem Hause erwartet und nach Marius befragt hatte, so war er ungefähr in dem Augenblick, als der Omnibus umgerissen wurde, verschwunden.
Gavroche war begeistert. Fieberhaft arbeitete er mit. Er lief hin und her, sprang bald von der Barrikade herunter, stieg wieder hinauf, tobte und lachte. Er feuerte die Trägen an, ließ den Nichtstuern keine Ruhe, fiel den Nachdenklichen auf die Nerven, belustigte die einen, machte die andern wütend, ärgerte einen Studenten, brachte einen Arbeiter in Rage.
»Vorwärts«, schrie er, »Pflastersteine her! Fässer! Alles, was es gibt! Einen Bottich Schutt, um dieses Loch da zu verstopfen. Uff, eure Barrikade ist zu klein! Sie muß höher werden! Schmeißt alles drauf, was ihr findet! Reißt diese alte Baracke da ein! Für eine Barrikade kann man alles brauchen. Seht doch, die Glastür!«
Einige der Arbeiter erhoben Einspruch.
»Eine Glastür? Was soll man denn mit einer Glastür anfangen, du Dreikäsehoch?«
»Eine Glastür paßt sehr gut zu einer Barrikade«, antwortete Gavroche. »Sie hindert nicht, daß man angegriffen wird, aber sie stört den, der sie stürmen will. Ihr habt wohl nie in einem Garten Äpfel geklaut, dessen Mauern mit Glasscherben besteckt waren? Eine Glastür, die wird den Nationalgardisten, wenn sie die Barrikade hinaufsteigen wollen, gehörig die Hühneraugen operieren! Aber euch läßt natürlich wieder die Phantasie im Stich!«
Im übrigen war er untröstlich, daß seine Pistole keinen Hahn hatte.
»Ein Gewehr! Ich will ein Gewehr! Warum gibt man mir keines?«
»Dir ein Gewehr?« fragte Combeferre.
»Warum nicht?« meinte Gavroche, »1830 habe ich auch eines gehabt, als wir mit Karl X. ein Hühnchen zu rupfen hatten.«
Enjolras zuckte die Achseln.
»Wenn alle Männer eines haben, bekommen auch die Kinder welche ab.«
Gavroche wandte sich stolz ab und antwortete:
»Wenn du vor mir fällst, nehm ich deines.«
Der Rekrut aus der Rue des Billets
Schon war es tiefe Nacht. Aber es ereignete sich nichts. Wohl hörte man verworrenen Lärm und zuweilen das Knattern der Gewehre, aber aus der Ferne. Dieser Aufschub bewies, daß die Regierung ihre Kräfte sammelte. Die fünfzig mußten sich auf sechzigtausend Feinde gefaßt machen.
Enjolras empfand diese Ungeduld vor dem Ereignis, die den starken Seelen bekannt ist. Er suchte Gavroche auf, der in das Gastzimmer gegangen war, um im spärlichen Licht zweier Kerzen am Kugelgießen teilzunehmen. Viel Licht durfte nicht gebrannt werden, um in den oberen Stockwerken dem Gegner kein Ziel zu geben.
Doch war die Aufmerksamkeit Gavroches nicht gerade den Kugeln gewidmet.
Der Mann aus der Rue des Billets war eingetreten und hatte sich an den Tisch gesetzt. Er hielt sein Gewehr zwischen den Beinen. Gavroche, von tausend anderen amüsanten Dingen abgelenkt, hatte ihn bisher wenig beachtet.
Wer indessen den Mann studiert hätte, dem wäre ohne Zweifel aufgefallen, daß er nicht nur die Erbauung der Barrikade, sondern auch die einzelnen Insurgenten mit seltsamer Aufmerksamkeit betrachtete; jetzt allerdings, im Gastzimmer, schien er sich zu erholen und die Vorgänge ringsum wenig zu beachten. Der Straßenjunge näherte sich dem Unbekannten und schlich auf den Zehenspitzen, als ob er ihn nicht aufwecken wollte, herbei. Plötzlich zeigte sein Gesicht zwei Falten, die Staunen und Verwunderung ausdrückten.
Er hatte etwas gesehen.
In diesem Augenblick trat Enjolras ein.
»Sehen Sie den Großen da?« fragte Gavroche leise.
»Nun?«
»Das ist ein Spitzel.«
Enjolras trat zur Seite und sprach einige Worte mit einem Hafenarbeiter, der in der Ecke stand. Der ging hinaus und kam gleich darauf mit drei anderen zurück. Die vier Lastträger, breitschultrige Kerle, stellten sich hinter dem Tisch auf. Sie sahen aus, als ob sie sich sofort auf den Mann aus der Rue des Billets stürzen wollten.
Enjolras trat auf ihn zu.
»Wer sind Sie?«
Der Mann fuhr auf. Er bohrte seinen Blick in Enjolras’ klare Augen und schien seinen Gedanken erraten zu haben. Dann lächelte er verächtlich und entschlossen zugleich.
»Ich sehe schon, was los ist«, sagte er. »Nun gut, ja.«
»Sind Sie ein Spitzel?«
»Ich bin Polizeiagent.«
»Sie heißen?«
»Javert.«
Enjolras gab den vier Männern ein Zeichen.
Man band Javert die Arme auf den Rücken und fesselte ihn an den Pfeiler der Gaststube.
Gavroche hatte die Szene schweigsam und mit dem Kopfe nickend verfolgt. Jetzt trat er zu Javert und sagte:
»Die Maus hat die Katze gefangen.«
Javert bewahrte die unerschrockene Ruhe eines Mannes, der nie gelogen hat.
»Er ist ein Spitzel«, erklärte Enjolras Courfeyrac, Bossuet und Joly, die herbeigeeilt waren. Und zu Javert gewendet, fuhr er fort:
»Sie werden zehn Minuten vor der Erstürmung der Barrikade erschossen.«