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»Warum nicht gleich?« fragte Javert stolz.

»Wir sparen Munition.«

»Dann erledigen Sie die Sache mit dem Messer.«

»Spitzel«, sagte Enjolras, »wir sind Richter und nicht Mörder!«

Zehntes Buch

Die Großtaten der Verzweiflung

Von der Rue Plumet ins Quartier Saint-Denis

Die Stimme, die Marius in der Dunkelheit zur Barrikade gerufen hatte, war ihm wie ein Befehl des Schicksals erschienen. Er wollte sterben – schon bot sich die Gelegenheit. Er klopfte an das Tor des Grabes, eine Hand aus dem Schattenreich warf ihm den Schlüssel zu.

Rasch lief er weg. Zufällig war er bewaffnet, denn er hatte Javerts Pistolen bei sich.

Marius bog aus der Rue Plumet in den Boulevard ein, überquerte die Esplanade und die Invalidenbrücke, die Champs Elysées und den Platz Ludwigs XV. So erreichte er die Rue de Rivoli. Die Läden waren geöffnet, in den Arkaden brannte Licht. Frauen erledigten ihre Einkäufe, Gäste löffelten Eis im Café Laiter und aßen kleine Kuchen in der Pâtisserie Anglaise. Vom Hôtel Meurice fuhren Postkutschen in vollem Galopp ab.

Marius ging durch die Passage Delorme in die Rue Saint-Honoré. Hier waren die Läden geschlossen, die Krämer standen vor den halboffenen Türen und debattierten; doch brannten die Straßenlaternen, und in den Fenstern war, wie gewöhnlich, Licht. Auf dem Platz des Palais-Royal stand Kavallerie.

Je weiter sich Marius vom Palais-Royal entfernte, um so weniger beleuchtete Fenster fand er. Hier waren alle Läden geschlossen, doch zeigten sich viele Menschen auf der Straße. Man sah niemand sprechen, aber ein dumpfes Stimmengewirr war zu vernehmen.

Am Eingang der Rue des Prouvaires staute sich die Menge. Man sah Gewehrpyramiden, Bajonette, biwakierende Soldaten. Hier hörte aller Verkehr auf. Hier herrschte die Armee.

Marius zwängte sich mit der Entschlossenheit eines Verzweifelten durch die Menge und drang vor. Man rief ihn an, aber er ging weiter. Quer durch das Nachtlager der Soldaten, auf einem Umweg, erreichte er endlich die Rue de Béthisy und näherte sich den Hallen. Hier gab es längst keine Laternen mehr. Er durchschritt jetzt gewissermaßen den Bannkreis der Truppen. Hier begegnete er weder Soldaten noch Zivilisten. Alles lag in tiefster Einsamkeit. Ihn schauerte vor Kälte. In eine Straße eindringen hieß in einen Keller hinabsteigen.

Jetzt kamen Laufende an ihm vorbei. Waren es Männer, Frauen? Bevor er etwas gesehen hatte, war alles vorüber.

Endlich gelangte er zu einem Gäßchen, das er für die Rue de la Poterie hielt. In der Mitte stieß er auf ein Hindernis. Er streckte die Arme aus.

Es war ein umgestürzter Karren. Eine von den Erbauern wieder verlassene Barrikade. Marius überstieg sie. Als er in die Rue du Contrat social gelangte, pfiff eine Gewehrkugel an seinem Kopf vorbei und blieb in einem kupfernen Barbierbecken stecken.

Dieser Schuß war das einzige Lebenszeichen, das er empfing. Von da an sah und hörte er nichts mehr.

Und doch ging Marius weiter in die Finsternis hinein.

Knapp vor dem Ziel

Marius erreichte die Markthallen. Hier herrschte Totenstille und vollkommene Finsternis. Eisige Ruhe des Grabes schien aus der Erde aufgestiegen zu sein. Ein roter Schimmer hob die Silhouette der Dächer vom Hintergrunde ab. Das war der Widerschein der Fackeln, die auf der Barrikade des »Corinthe« brannten. Dahin lenkte Marius seine Schritte. Die Schildwache der Insurgenten in der Rue des Prêcheurs bemerkte ihn nicht. Er fühlte, daß er dem Ziele nahe war, und schlich auf den Fußspitzen weiter. Er erreichte die Rue Mondétour, die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die Enjolras offengelassen hatte.

Jetzt konnte er hinter einer formlosen Wand schimmernde Windlichter und Männer sehen, die, das Gewehr auf den Knien, dasaßen. Das war die Innenseite der Barrikade. Nun hatte Marius nur mehr einen Schritt zu tun.

Aber der unglückliche junge Mann setzte sich auf einen Stein, kreuzte seine Arme und begann nachzudenken. Er dachte an seinen Vater, der ein so stolzer Soldat gewesen war und die Grenzen der Republik verteidigt, später unter dem Kaiser Genua, Alessandria, Mailand, Turin, Madrid, Wien, Dresden, Berlin und Moskau gesehen hatte. Auf all den Schlachtfeldern Europas hatte er Tropfen jenes Blutes verspritzt, das auch er, Marius, in seinen Adern fühlte.

Nun war auch für ihn der Tag herangekommen, da er unerschrocken, kühn und tapfer sein sollte, den Kugeln Widerstand leisten, seine Brust den Bajonetten darbieten, sein Blut vergießen, den Tod suchen mußte. Aber sein Schlachtfeld war die Straße, und der Krieg, den er führen würde, war der Bürgerkrieg.

Aber was bedeutete dieses Wort Bürgerkrieg? Gibt es einen Krieg gegen Fremde? Ist nicht jeder Krieg zwischen Menschen ein Bruderkrieg? Nur der Zweck rechtfertigt den Kampf, und darum gibt es diese Unterscheidung nicht: Krieg gegen den Feind, Krieg gegen den Mitbürger. Es gibt nur ungerechten Krieg und gerechten. Bis zu dem Tag, da der große Bund aller Menschen geschlossen ist, wird jeder Kampf für die Zukunft und gegen die Vergangenheit, die nicht weichen will, notwendig sein. Wer darf einen solchen Kampf tadeln? Schändlich ist nur der Krieg, in dem der Degen wider das Recht, den Fortschritt, die Wahrheit, die Zivilisation streitet. Ob Krieg nach innen oder außen, ein solcher Krieg ist immer verächtlich, immer ein Verbrechen.

Von Saint-Merry herüber schlug es zehn Uhr.

Enjolras und Combeferre saßen, den Karabiner in der Hand, bei der Lücke der großen Barrikade. Sie sprachen nicht, sie lauschten nur, ob nicht ein dumpfes Geräusch aus der Ferne den Anmarsch des Gegners verkünde.

Plötzlich hörten sie laute Schritte. Jemand kletterte wie ein Clown über den umgestürzten Omnibus – und atemlos sprang Gavroche herunter.

»Mein Gewehr«, schrie er, »sie kommen!«

Gleichzeitig tauchten auch die Schildwachen auf, die in der Rue de la Petite-Truanderie ausgestellt waren.

Allsogleich war jeder auf seinem Posten.

Dreiundvierzig Insurgenten, unter denen sich Enjolras, Combeferre, Courfeyrac, Bossuet, Joly, Bahorel und Gavroche befanden, knieten auf der großen Barrikade und hielten ihre Gewehre schußbereit. Sechs andere hatten sich unter dem Kommando Feuillys an den Fenstern des »Corinthe« postiert und hielten das Gewehr an der Wange.

So vergingen einige Augenblicke. Endlich verkündete das Geräusch vieler schwerer Schritte von Saint-Leu herüber, daß der Feind anmarschierte.

Es schwoll an, kam langsam und ohne Pause näher, gleichmäßig und furchtbar. Nichts anderes war zu hören. Es war, als ob eine Statue aus Stein näher stampfe. Plötzlich wurde es still. Es war, als ob man den Atem der Tausende hörte. Doch sah man immer noch nichts, konnte nur in der Dunkelheit ganz schwach das metallische Schimmern der Bajonette und Gewehrläufe im Widerschein der Fackeln erkennen.

Eine kurze Zeit verstrich. Beide Parteien schienen zu warten. Jetzt gellte aus der Finsternis, doppelt unheimlich, da man den Rufer nicht sah, eine Stimme auf:

»Wer da?«

Und zugleich hörte man, wie die Gewehre schußbereit gemacht wurden.

»Die französische Revolution!« rief Enjolras mit einer Stimme, die vor Stolz zitterte.

»Feuer!«

Ein Blitz erhellte die Fassaden der Straße für einen Moment. Gleich darauf ein furchtbarer Krach. Die rote Fahne fiel. Die Salve war so dicht gewesen, daß die Deichsel des Omnibusses, die als Fahnenstange diente, zersplitterte.

»Kameraden!« schrie Courfeyrac, »verschwendet nicht die Munition! Schießt erst, wenn sie vordringen!«

»Zuerst müssen wir die Fahne wieder aufrichten!« rief Enjolras.

Man hörte das Geräusch des Ladens vieler Gewehre.

»Wer hat hier Mut?« fragte Enjolras, »wer will die Fahne wieder aufpflanzen?«

Keiner antwortete. In diesem Augenblick, eben vor der zweiten Salve, auf die Barrikade hinaufzusteigen, bedeutete den unzweifelhaften Tod. Selbst der Tapferste zögert, sich dem sichersten Tod auszuliefern. Auch Enjolras zitterte.