»Meldet sich keiner?« fragte er noch einmal.
Die Fahne
Seit die Insurgenten »Corinthe« besetzt hatten und die Barrikade aufrichteten, hatte keiner mehr auf Vater Mabeuf geachtet. Der Greis war aber bei der Truppe verblieben. Er hatte sich im Gästezimmer des ersten Stockwerks neben den Ladentisch gesetzt. Wie vernichtet blieb er hier sitzen. Er schien weder auf die andern zu achten noch zu denken. Courfeyrac und die andern hatten ihn zwei- oder dreimal angeredet, hatten ihm die Gefahren auseinandergesetzt und geraten, sich zurückzuziehen, aber er schien nicht darauf zu hören. Achtete man nicht auf ihn, so bewegte er die Lippen, als ob er spräche, richtete man aber das Wort an ihn, so schwieg er, und seine Augen waren wie die eines Toten. Einige Stunden vor dem Angriff hatte er diese Stellung eingenommen, in der er noch immer dasaß, beide Fäuste auf die Knie gestützt, den Kopf vorgeneigt, als ob er in einen Abgrund schaue. Nichts konnte ihn aus dieser Haltung aufscheuchen. Als alle an ihren Platz eilten, um zu kämpfen, war er mit Javert und einem Wachtposten allein zurückgeblieben. Erst der gewaltige Krach der ersten Salve schien ihn zu wecken. Er stand jäh auf, eilte hinaus, und als Enjolras seine Frage wiederholte: »Meldet sich keiner?«, erschien er auf der Schwelle. Sein Auftauchen machte großen Eindruck.
»Das Konventsmitglied! Der Abgeordnete!« wurde gerufen.
Wahrscheinlich hörte er diese Rufe nicht. Mit einer fast religiösen Scheu traten die andern beiseite, während er auf Enjolras zutrat, die Fahne ergriff und mit zitterndem Kopf, aber festem Schritt die Barrikade erstieg.
Jetzt war er auf der Höhe der Barrikade angelangt. Es war, als ob der Geist von 1793 aus dem Grabe auferstanden wäre und die Fahne der Revolution wieder entfaltete. Er rief:
»Es lebe die Revolution! Es lebe die Republik! Brüderlichkeit! Gleichheit! Freiheit und Tod!«
Vom Feinde herüber hörte man jetzt ein leises Murmeln. Es klang, als ob ein Priester hastig ein Gebet hersage. Offenbar war es der Polizeikommissar, der nach der Vorschrift des Gesetzes die formale Aufforderung zur Übergabe an die Revolutionäre richtete.
Wieder wurde gerufen:
»Zurück!«
Vater Mabeuf schwang seine Fahne und wiederholte:
»Es lebe die Republik!«
»Feuer!«
Der Greis fiel auf die Knie, richtete sich noch einmal auf, die Fahne fiel aus seiner Hand, dann stürzte er rücklings, steif wie ein Brett, zu Boden.
Eine jener Regungen, die sogar den Selbsterhaltungstrieb ausschalten, bemächtigte sich der Insurgenten, sie traten in ehrfürchtiger Rührung zu dem Toten.
»Was waren das doch für Menschen, diese Königsmörder von damals!« rief Enjolras.
Courfeyrac beugte sich zu ihm herab.
»Unter uns gesagt, ich möchte die Begeisterung nicht trüben, aber der Alte war alles andere als ein Königsmörder. Ich kannte ihn. Er hieß Vater Mabeuf. Was heute mit ihm los war, weiß ich nicht, sonst war er ein braver Philister. Sieh doch den Kopf an.«
»Das Gesicht eines Philisters, aber das Herz eines Brutus«, antwortete Enjolras.
Er beugte sich über den Toten und küßte seine Stirn. Dann zog er ihm vorsichtig, als ob er ihm weh zu tun fürchte, den Rock aus, zeigte den Leuten die blutigen Risse und sagte:
»Das ist jetzt unsere Fahne!«
Gavroche hätte lieber Enjolras’ Karabiner annehmen sollen
Man breitete einen schwarzen Schal der Witwe Hucheloup über Mabeuf. Sechs Mann machten aus ihren Gewehren eine Bahre und trugen ihn barhäuptig und in feierlicher Langsamkeit in die Gaststube.
Als sie den Toten an Javert vorübertrugen, der noch immer seine Ruhe bewahrte, sagte Enjolras:
»Du kommst jetzt gleich dran!«
Der kleine Gavroche war allein auf der Barrikade geblieben, um den Feind zu beobachten. Ihm schien, die Gegner schlichen leise näher.
»Vorsicht!« schrie er plötzlich.
Alle stürzten hinaus: Courfeyrac, Enjolras, Jean Prouvaire, Combeferre, Joly, Bahorel, Bossuet. Es war auch höchste Zeit. Knapp vor der Barrikade sah man die Bajonette des Feindes. Hochgewachsene Munizipalgardisten kletterten auf den Omnibus, andere drängten den Straßenjungen, der sich zurückzog, aber nicht floh, aus seiner Lücke.
Es war ein kritischer Augenblick.
In der nächsten Sekunde konnte die Barrikade verloren sein.
Bahorel stürzte sich auf den ersten Munizipalgardisten und schoß ihn nieder. Ein zweiter stach Bahorel mit dem Bajonett in die Brust. Ein anderer hatte Courfeyrac, der um Hilfe schrie, zu Boden geworfen. Ein Ungeheuer von Gardist trieb Gavroche mit dem Bajonett vor sich her. Der Junge hob mit seinen schwachen Armen Javerts gewaltiges Gewehr, zielte kühn auf den Riesen und drückte ab. Aber – Javert hatte nicht geladen. Der Gardist lachte laut und holte zum Stoß aus.
Bevor das Bajonett Gavroche berührte, fiel dem Soldaten das Gewehr aus der Hand. Ein Schuß hatte ihn in die Stirne getroffen, er fiel auf den Rücken. Eine zweite Kugel streckte den andern Gardisten nieder, der Courfeyrac zu Fall gebracht hatte. Es war Marius, der auf der Barrikade erschien.
Jetzt war Marius unbewaffnet: nachdem er die beiden Pistolen verschossen hatte, warf er sie von sich. Aber im selben Augenblick bemerkte er in der Tür der Gaststube ein Pulverfaß.
Er wandte sich eben halb um, als ein Soldat auf ihn anlegte. Im selben Augenblick griff eine Hand nach der Mündung des Gewehrlaufs. Der junge Arbeiter in Samthosen war wieder aufgetaucht. Die Kugel ging los, durchbohrte die Hand, erreichte aber Marius nicht. Inmitten des Pulverdampfs konnte man alles nur flüchtig übersehen. Schon war Marius in die Tür getreten. Die verblüfften Insurgenten sammelten sich. Enjolras schrie:
»Halt, nicht blind schießen!«
In der Tat wäre es bei der allgemeinen Verwirrung möglich gewesen, daß die Leute aufeinander schossen. Die meisten hatten sich bereits an die Fenster des ersten Stockwerks zurückgezogen und bedrohten von dort die Angreifer.
Alles geschah ohne Überstürzung, mit seltsamer Ruhe. Jetzt waren beide Parteien schußbereit. Man stand einander auf Rufweite gegenüber. In dem Augenblick, als geschossen werden sollte, erhob ein Offizier mit großen Epauletten den Degen und rief:
»Ergebt euch!«
»Feuer!« rief Enjolras.
Beide Parteien schossen gleichzeitig. Alles tauchte in dem Pulverdampf unter. Stöhnen und Schreien von Verwundeten und Sterbenden wurde laut.
Als der Rauch sich verzog, sah man auf beiden Seiten die Kämpfer dabei, ihre Waffen neu zu laden.
Im selben Augenblick schrie eine Stimme:
»Zurück, oder die Barrikade fliegt in die Luft!«
Marius hatte das Pulverfaß hervorgeholt und im Schutz des Rauches bis zu der Stelle geschleppt, wo die Fackeln brannten. Dann hatte er die Fackel ergriffen, das Faß eingeschlagen und drohte jetzt alles in die Luft zu sprengen.
»Zurück, oder die Barrikade fliegt in die Luft!«
Nach dem Greis war Marius die zweite Heldengestalt der jungen Revolution.
»Du fliegst selber auch in die Luft!« schrie ein Sergeant.
»Ich auch«, antwortete Marius.
Und er näherte die Fackel dem Faß.
Schon war niemand mehr auf der Barrikade. In wilder Flucht zogen sich die Angreifer zurück, ohne ihre Toten und Verwundeten mitzunehmen. Schon waren sie im Dunkel der Nacht verschwunden. Es hieß: »Rette sich, wer kann!«
Die Barrikade war vom Feinde gesäubert.
Tod des Dichters Jean Prouvaire
Alle umringten Marius. Courfeyrac fiel ihm um den Hals. »Da bist du ja!«
»Das ist wirklich ein Glück, daß du gekommen bist!« rief Courfeyrac.
»Und im rechten Augenblick!« rief Bossuet.