»Ohne dich wäre ich schon tot«, erklärte Courfeyrac.
»Und ich hätte auch einen kalten Hintern«, erklärte Gavroche.
»Wo ist euer Führer?« fragte Marius.
»Du bist es«, erwiderte Enjolras.
Die Angreifer verhielten sich jetzt ruhig. Vielleicht warteten sie auf neue Befehle oder Verstärkung. Die Revolutionäre stellten wieder Schildwachen aus, und einige, Studenten der Medizin, machten sich daran, die Verwundeten zu verbinden.
Plötzlich aber verdüsterte eine bestürzende Entdeckung die allgemeine Freude über die befreite Barrikade.
Es wurde zum Appell gerufen. Einer der Revolutionäre fehlte. Es war einer der wertvollsten, einer der kühnsten: Jean Prouvaire. Man suchte ihn unter den Verwundeten, unter den Toten, aber er war nicht da. Offenbar war er gefangen worden.
Combeferre sagte zu Enjolras:
»Sie haben unseren Freund, wir haben ihren Agenten. Liegt dir was daran, daß der Spitzel umgebracht wird?«
»Ja, aber Jean Prouvaires Leben ist mir lieber.«
»Gut, dann binde ich mein Taschentuch an mein Gewehr, gehe als Parlamentär hinüber und schlage ihnen einen Tausch vor.«
»Horch!« rief Enjolras und legte seine Hand auf Combeferres Arm.
Von drüben klang ein Waffenklirren herüber. Dann hörte man eine Männerstimme rufen:
»Es lebe Frankreich! Es lebe die Zukunft!«
Ein Aufblitzen, ein Krach, Schweigen.
»Sie haben ihn erschossen!« rief Combeferre.
Enjolras wandte sich zu Javert:
»Deine Freunde haben dein Urteil gesprochen.«
Der Todeskampf
Eine Besonderheit dieser Art von Krieg besteht darin, daß die Barrikaden fast immer von vorne angegriffen werden. Die Angreifer vermeiden es zumeist, die gegnerischen Stellungen zu umgehen, da sie einen Hinterhalt fürchten. Nur ungern dringen sie in winkelige Seitengassen ein. Darum war auch alle Aufmerksamkeit der Revolutionäre auf die Hauptbarrikade gerichtet, die ja am meisten bedroht war und auf der der Endkampf stattfinden mußte. Nur Marius dachte an die kleine Barrikade und ging dahin. Sie lag vollkommen verlassen da und war nur von einem Lampion bewacht, der sein zitterndes Licht auf das Pflaster warf. Die Rue Mondétour lag in tiefer Stille da.
Nachdem Marius sich davon überzeugt hatte, wollte er auf die Barrikade zurückkehren. Plötzlich hörte er in der Dunkelheit leise seinen Namen rufen.
»Herr Marius!«
Es war dieselbe Stimme, die er vor kaum zwei Stunden in der Rue Plumet gehört hatte. Doch klang sie jetzt nur mehr wie ein Hauch. Er blickte um sich, sah aber nichts. Schon glaubte er sich getäuscht zu haben, als dieselbe Stimme wieder rief. Diesmal konnte er nicht irren.
»Zu Ihren Füßen!« flüsterte die Stimme.
Er blickte zu Boden und sah eine Gestalt, die sich mühsam auf der Erde näher bewegte. Der schwache Schein des Lampions ließ ihn eine Arbeiterbluse, zerrissene Samthosen, bloße Füße und eine Blutlache erkennen. Jetzt tauchte ein blasses Gesicht auf.
»Erkennen Sie mich nicht?«
»Nein.«
»Eponine.«
Marius beugte sich lebhaft vor. Es war in der Tat das unglückliche Mädchen. Sie hatte sich als Mann verkleidet.
»Wie kommen Sie hierher? Was tun Sie hier?«
»Ich sterbe.«
Es gibt Worte und Ereignisse, die uns selbst in tiefster Niedergeschlagenheit wachrufen. Marius fuhr auf.
»Sie sind verwundet! Warten Sie, ich trage Sie in das Gastzimmer! Man wird Sie verbinden. Ist es eine schwere Verwundung? Wie muß ich Sie anfassen, um Ihnen nicht weh zu tun? Mein Gott, warum sind Sie hierhergekommen?«
Er wollte sie in seine Arme nehmen, um sie aufzuheben.
Sie schrie leise auf.
»Habe ich Ihnen weh getan?« fragte er.
»Etwas.«
Jetzt sah er ihre Hand und gewahrte in der Mitte ein schwarzes, blutiges Loch.
»Was haben Sie da?«
»Durchschossen.«
»Aber wieso?«
»Haben Sie gesehen, wie ein Soldat auf Sie anlegte?«
»Ja, ich sah auch die Hand vor der Mündung.«
»Es war meine.«
Marius fuhr zusammen.
»Armes närrisches Kind! Aber diese Wunde ist nicht gefährlich, wir können von Glück sagen! Ich werde Sie auf das Bett tragen. Man wird Sie verbinden. An einer durchschossenen Hand stirbt man nicht.«
»Die Kugel ist durch die Hand gegangen, hat den Körper durchbohrt und ist im Rücken wieder herausgekommen, es hat keinen Sinn, daß Sie mich forttragen. Aber ich will Ihnen sagen, wie Sie mich besser verbinden können als der Wundarzt. Setzen Sie sich hier auf diesen Stein.«
Er gehorchte. Sie legte ihren Kopf auf seine Knie und sagte:
»Jetzt ist mir gut, ich habe keine Schmerzen mehr.«
Einen Augenblick lang schwieg sie, dann sah sie Marius an.
»Wissen Sie auch, Herr Marius, es tat mir weh, daß Sie in diesen Garten gingen. Es war dumm. Ich selbst hatte Ihnen doch dieses Haus gezeigt, und schließlich mußte ich mir doch sagen, daß ein junger Mann wie Sie …«
Sie zögerte, dann fuhr sie mit herzzerreißendem Lächeln fort:
»Sie fanden mich häßlich, nicht wahr? Ach, auch Sie sind verloren. Hier kommt niemand mit dem Leben davon. Und ich habe Sie hierhergeführt! Auch Sie sterben hier, das weiß ich wohl. Und doch habe ich, als einer auf Sie anlegte, meine Hand vor die Mündung des Gewehrs gehalten. Dann bin ich hierhergekrochen. Ich erwartete Sie. Immer dachte ich: kommt er denn nicht? Wenn Sie wüßten, wie weh es tat! Ich biß in meine Bluse vor Schmerz. Jetzt aber ist mir wohl. Erinnern Sie sich noch an den Tag, als ich in Ihr Zimmer kam und mich in Ihrem Spiegel besah? Und dann an den Tag, an dem ich Sie auf dem Boulevard traf, wie die Vögel damals sangen! Sie gaben mir fünf Franken, aber ich wollte Ihr Geld nicht. Haben Sie die Münze wenigstens aufgehoben? Sie sind nicht reich. Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, Sie sollten sie aufheben. Es war sehr schönes Wetter damals, und man fror nicht. Erinnern Sie sich? Oh, ich bin glücklich, denn jetzt sterben wir alle.«
Schmerzlich bewegt betrachtete Marius das unglückliche Geschöpf.
»Ach«, stöhnte sie jetzt, »es fängt wieder an. Ich ersticke!«
Sie biß in ihre Bluse, und ihre Beine streckten sich aus.
Sie hielt ihr Gesicht nahe an Marius’ Kopf.
»Hören Sie«, sagte sie, »ich will Sie nicht betrügen. Ich habe einen Brief für Sie in der Tasche, seit gestern schon. Jemand hat mich gebeten, ihn zur Post zu bringen. Ich habe ihn aber behalten. Ich wollte nicht, daß dieser Brief sie erreicht.«
Krampfhaft griff sie nach Marius’ Hand. Er fühlte in ihrer Tasche den Brief.
»Nehmen Sie ihn«, sagte sie.
Jetzt schien sie befriedigt.
»Und versprechen Sie mir …«
»Was?«
»Versprechen Sie es mir!«
»Ich verspreche es Ihnen.«
»Sie sollen mich auf die Stirn küssen, wenn ich tot bin. Ich werde es fühlen.«
Sie ließ den Kopf auf seine Knie zurückfallen, und ihre Augenlider schlossen sich. Nach einiger Zeit blickte sie wieder auf und sagte in einem Ton, dessen sanfter Klang aus einer anderen Welt zu kommen schien:
»Wissen Sie, Herr Marius, ich glaube fast, ich war ein wenig verliebt in Sie.«
Noch einmal versuchte sie zu lächeln, dann starb sie.
Gavroche als Berechner von Entfernungen
Später erst, in der Gaststube, las Marius den Brief. Er war gerichtet »an Herrn Marius Pontmercy, bei Herrn Courfeyrac, Rue de la Verrerie Nr. 16« und lautete folgendermaßen:
»Mein Geliebter, ach, Vater will, daß wir sofort abreisen. Heute abend werden wir nach der Rue de l’Homme Armé Nr. 7 übersiedeln. In acht Tagen sind wir in London.
4. Juni
Cosette.«
Eponine hatte alles bewerkstelligt. Von irgendeinem jungen Burschen, der es amüsant fand, sich als Mädchen zu verkleiden, erhielt sie ein Gewand. Sie war es gewesen, die Jean Valjean auf dem Champ de Mars ausfindig machte und ihm diese Warnung zusteckte: »Umziehen!« In der Tat war Jean Valjean sofort nach Hause gegangen und hatte zu Cosette gesagt: »Wir ziehen heute aus und gehen mit Toussaint nach der Rue de l’Homme Armé. Wir müssen binnen einer Woche in London sein.«