In ihrem Kummer hatte Cosette sofort zwei Zeilen an Marius geschrieben. Aber wie sollte sie den Brief zur Post bringen? Sie ging nie allein aus, und Toussaint hätte, über einen derartigen Auftrag erstaunt, das Schreiben Herrn Fauchelevent gezeigt. Noch schwankte sie, da bemerkte sie am Gitter die als Mann verkleidete Eponine, die unaufhörlich den Garten umschlich. Cosette hatte »diesen jungen Arbeiter« herbeigerufen, hatte ihm fünf Franken gegeben und gebeten, er solle den Brief bestellen. Sofort hatte Eponine den Brief in die Tasche gesteckt. Am Morgen des 5. Juni war sie zu Courfeyrac gegangen, um Marius zu suchen. Das tat sie nicht, um ihm etwa den Brief zu bringen, sondern – was jeder Eifersüchtige begreifen wird – um ihn zu sehen. Sie hatte Marius oder wenigstens Courfeyrac abgepaßt. Als er ihr sagte, daß er zu den Barrikaden eile, war ihr ein Gedanke gekommen. Sie war gewiß, daß Marius in seiner Verzweiflung dem Ruf seiner Freunde gern folgen würde, und beschloß, ihn zu der Barrikade zu locken. Ihre Rechnung erwies sich als richtig. So war auch sie nach der Rue de la Chanvrerie zurückgekehrt und mit der tragischen Freude im Herzen gestorben, daß nun auch keine andere Marius gewinnen würde.
Er bedeckte jetzt Cosettes Brief mit Küssen. Sie liebte ihn also doch! Einen Augenblick dachte er, nun sei es sinnlos, zu sterben. Gleich darauf aber fiel ihm ein, daß sie ja verreise. Ihr Vater nahm sie nach England mit, und sein Großvater weigerte sich, in diese Ehe einzuwilligen. Das Schicksal war unabänderlich.
Jetzt, dachte er, blieben ihm nur noch zwei Pflichten zu erfüllen. Er mußte Cosette von seinem Tode benachrichtigen und Thénardiers Sohn, den Bruder Eponines, retten.
Er hatte sein Portefeuille bei sich. Rasch riß er ein Blatt heraus und schrieb mit dem Bleistift folgende Zeilen:
»Wir können nicht heiraten. Ich habe meinen Großvater darum gebeten, aber er hat meine Bitte abgewiesen. Ich besitze nichts, und auch du bist arm. Sofort bin ich zu dir geeilt, habe dich aber nicht mehr gefunden. Du weißt, daß ich dir mein Ehrenwort gegeben habe, und ich halte es. Ich liebe dich und will sterben. Wenn du diese Zeilen liest, wird meine Seele bei dir sein und dir zulächeln.«
Er faltete das Blatt zusammen, griff nach dem Portefeuille und schrieb auf das erste Blatt:
»Ich heiße Marius Pontmercy. Man bringe meinen Leichnam zu meinem Großvater, Herrn Gillenormand, Rue des Filles-du-Calvaire Nr. 6.«
Dann steckte er das Portefeuille in die Tasche und rief Gavroche.
»Willst du mir einen Dienst tun?«
»Jeden beliebigen.«
»Nimm diesen Brief, verlasse sofort die Barrikade und bring ihn morgen früh an seine Adresse.«
»Aber inzwischen kann die Barrikade verlorengehen!«
»Allem Anschein nach wird die Barrikade heute nicht mehr angegriffen. Vor morgen mittag wird sie auch nicht fallen.«
In der Tat schienen die Belagerer denen in der Barrikade eine längere Frist zu geben. Solche Unterbrechungen sind im Straßenkampf bei Nacht üblich.
»Wenn ich aber Ihren Brief morgen früh besorge?«
»Das wird zu spät sein. Wir werden gewiß umstellt, morgen früh kann keiner mehr heraus noch herein. Geh gleich.«
Gavroche fand keine Antwort und kratzte sich unschlüssig hinterm Ohr. Plötzlich schien er mit sich einig zu werden.
»Gut«, sagte er.
Und er lief zur Rue Mondétour.
Ein Gedanke, den er nicht geäußert hatte, um nicht Marius’ Widerspruch zu erregen, hatte seinen Entschluß reifen lassen. Es war noch nicht Mitternacht. Die Rue de l’Homme Armé war nicht weit. Er konnte den Brief bestellen und noch im Schutz der Dunkelheit zurückkehren.
Elftes Buch
Die Rue de l’Homme Armé
Das verräterische Löschblatt
Am Abend desselben 5. Juni war Jean Valjean mit Cosette und Toussaint nach der Rue de l’Homme Armé verzogen.
Cosette hatte das Haus in der Rue Plumet nicht widerstandslos verlassen. Zum erstenmal hatte sie ihren Willen dem Jean Valjeans entgegengesetzt, hatte sich nicht gewehrt, aber widersprochen. Doch war der Greis unbeugsam geblieben. Der Rat eines Unbekannten, er solle umziehen, hatte tief auf ihn gewirkt. Cosette mußte sich seinem Willen unterwerfen.
Beide waren schweigend in der Rue de l’Homme Armé eingezogen, jeder von besonderen Gedanken in Anspruch genommen. Jean Valjean war so unruhig, daß er die Traurigkeit Cosettes nicht bemerkte, Cosette so traurig, daß sie Jean Valjeans Unruhe nicht gewahrte.
Die neue Wohnung in der Rue de l’Homme Armé lag in einem Hinterhof, im zweiten Stock, und bestand aus zwei Schlafzimmern, einem Speisezimmer, einer Küche und einer Kammer mit einem Gurtbett für Toussaint. Das Speisezimmer diente zugleich als Vorraum und trennte die beiden Schlafzimmer.
Kaum war Jean Valjean in der Rue de l’Homme Armé eingezogen, als seine Angst wich. Übrigens haben stille Aufenthaltsorte die Eigentümlichkeit, den Geist mechanisch zu beruhigen. Die Einwohner dieser entlegenen Straßen sind friedliche Leute.
Jean Valjean atmete auf. Wer würde ihn hier wiederfinden?
Er schlief ruhig. Die Nacht ist eine gute Ratgeberin und zumal eine Bringerin des Friedens. Am nächsten Morgen erwachte er fast heiter. Er fand das scheußlich eingerichtete Speisezimmer entzückend, rühmte den runden Tisch, das Büfett mit dem Spiegel und den wurmstichigen Lehnstuhl, auf den Toussaint einige Gepäckstücke gelegt hatte. In einem der Koffer lag Jean Valjeans Nationalgardistenuniform.
Cosette hatte sich von Toussaint eine Tasse Bouillon bringen lassen und war am Abend nicht mehr erschienen. Gegen fünf Uhr des nächsten Tages erhielt Toussaint den Auftrag, ein Huhn anzurichten, das Cosette aus Teilnahme für ihren Vater sogar prüfte. Dann schützte sie Migräne vor, sagte Jean Valjean gute Nacht und zog sich zurück. Jean Valjean aß mit Appetit und gewann sichtlich seine Ruhe und Heiterkeit wieder.
Während dieser Mahlzeit hörte er die Berichte Toussaints über die Kämpfe in Paris. Aber er war so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß er nicht hinhörte.
Während er so im Zimmer auf und ab ging, fiel sein Blick auf etwas Sonderbares. In dem schrägen Spiegel über dem Büfett las er folgende Worte:
»Mein Geliebter, ach, Vater will, daß wir sofort abreisen. Heute abend werden wir nach der Rue de l’Homme Armé Nr. 7 übersiedeln. In acht Tagen sind wir in London.
4. Juni
Cosette.«
Entsetzt blieb Jean Valjean stehen.
Cosette hatte, als sie in die neue Wohnung kam, ihre Schreibmappe mit dem Löschblatt auf das Büfett gelegt und in ihrem Kummer hier liegenlassen, ohne zu bemerken, daß das Löschpapier unter den Spiegel zu liegen kam. Auf dem Blatt war ihr Brief an Marius abgedrückt.
So entstand, was man in der Geometrie ein symmetrisches Bild nennt. Die Schrift, schon auf dem Löschblatt verkehrt, wurde in dem Spiegel in ihre ursprüngliche Form zurückreflektiert.
Der Tatbestand war einfach und doch niederschmetternd.
Jean Valjean las noch einmal die wenigen Zeilen durch, konnte es nicht fassen. Das war unmöglich – er war offenbar das Opfer einer Sinnestäuschung. Etwas Derartiges gab es nicht.
Allmählich wurde es ihm klar. Er sah das Löschpapier an und gewann wieder den Sinn für die Wirklichkeit. Fieberhaft betrachtete er das unverständliche und bizarre Gekritzel, diese sinnlosen Zeichen. Das bedeutet nichts, dachte er, das ist keine Schrift. Und er atmete erleichtert auf. Wer kennt nicht diese unsinnigen Versuche, sich an einen Trost zu klammern, solange nicht alle Illusionen erschöpft sind!