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Jetzt hielt er das Löschblatt in der Hand und betrachtete es, sinnlos-glücklich, ja, nahe daran, über die Täuschung, der er zum Opfer gefallen war, zu lachen. Plötzlich fiel sein Blick wieder in den Spiegel, er hatte dieselbe schreckliche Vision wie erst. Mit furchtbarer Klarheit sprangen ihm die Lettern ins Auge.

Taumelnd ließ Jean Valjean das Blatt fallen und warf sich in den alten Lehnstuhl, der neben dem Büfett stand. Es war unwiderruflich wahr, Cosette hatte an jemand geschrieben.

Unter allen Qualen, die ihm sein Schicksal jemals auferlegt hatte, war diese die furchtbarste – er fühlte, wie alle längst vernarbten Wunden in ihm aufbrachen. Ach, die höchste, die einzige Prüfung, die wir zu bestehen haben, ist der Verlust des Gegenstandes unserer Liebe.

Jetzt warf er einen tiefen Blick in sein Inneres, und das Gespenst des Hasses tauchte vor seinem Auge auf.

Toussaint trat ein. Jean Valjean stand auf und fragte:

»Wo ist es denn?«

Toussaint war verblüfft und fand keine Antwort.

»Was denn?« fragte sie nur.

»Haben Sie mir nicht eben erst gesagt, daß in den Straßen gekämpft wird?«

»Ach ja, gnädiger Herr, bei Saint-Merry.«

Es gibt mechanische Regungen, die aus tiefen und sogar unbewußten Gedanken hervorgehen, ohne daß wir sie zu registrieren vermögen. Offenbar einer solchen Regung gehorchend, fand sich Jean Valjean fünf Minuten später auf der Straße.

Er war barhäuptig und saß auf dem Prellstein vor seinem Hause. Er schien zu horchen. Schon war es Nacht.

Ein Straßenjunge kämpft gegen Laternen

Wie lange blieb er so? Was ging in ihm vor? War er gebeugt bis zur Erde, oder konnte er sich selbst wieder aufrichten?

Die Straße lag verlassen da. Einige Bürgersleute, die nach Hause strebten, gewahrten ihn kaum. In Zeiten der Gefahr ist die allgemeine Losung: Jeder für sich! Der Laternenanzünder kam zur üblichen Zeit und steckte die Laterne vor Haus Nr. 7 an. Dann ging er wieder. Wenn er Jean Valjean im Schatten bemerkt hätte, gewiß hätte er ihn nicht für ein lebendes Wesen gehalten. Noch immer hörte man die Sturmglocke und aus der Ferne Getöse. Zwischendurch klang von Saint-Paul die Glocke herüber, die friedlich, behäbig und ohne Hast elf Uhr anzeigte.

Jean Valjean rührte sich noch immer nicht.

Doch hörte er um diese Zeit von den Hallen herüber eine Gewehrsalve, der kurz nachher eine lautere folgte. Das war der Sturm auf die Barrikade in der Rue de la Chanvrerie. Der Krach war in der stumpfen, nächtlichen Stille doppelt unheimlich. Jean Valjean zitterte. Er stand auf, sah nach der Richtung, aus der das Geräusch herübergekommen war, setzte sich wieder, kreuzte die Arme und ließ den Kopf auf die Brust herabsinken.

Brütend ließ er seinen Gedanken freien Lauf.

Jetzt blickte er auf. Schritte kamen näher. Im Licht der Laterne sah er ein junges, blasses, fröhliches Gesicht. Gavroche war in der Rue de l’Homme Armé erschienen.

Er schien zu suchen. Jean Valjean hatte er bemerkt, doch schenkte er ihm keine Beachtung.

Erst hatte er in die Höhe gesehen, sich auf die Zehenspitzen gestellt, Tore und Fenster betastet. Alle waren versperrt und verriegelt. Nachdem er solchermaßen fünf oder sechs verrammelte Hauseingänge geprüft hatte, zuckte er die Achseln und äußerte zur Sache:

»Hol’s der Teufel!«

Wieder starrte er in die Höhe.

Jean Valjean wäre einen Augenblick vorher in seiner seelischen Verfassung außerstande gewesen, mit einem Menschen zu sprechen, ja auch nur zu antworten; doch fühlte er sich unwiderstehlich zu diesem Jungen hingezogen.

»Was hast du denn, Kleiner?«

»Nichts als Hunger«, erwiderte Gavroche eindeutig. Dann aber fügte er hinzu: »Selber Zwerg!«

Jean Valjean griff in die Tasche und zog ein Fünffrankenstück heraus.

Gavroche, der wie eine Bachstelze niemals ruhig bleiben konnte, hatte inzwischen einen Stein aufgehoben. Die Laterne tat seinem Auge weh.

»Ihr habt ja noch Laternen hier«, sagte er. »Ihr müßt mit der Mode mitgehen, Freunde. Das verstößt ja gegen die öffentliche Ordnung. Wir wollen sie gleich einkitschen.«

Und er warf den Stein in die Laterne, die klirrend zerbrach. Erschrockene Bürger erschienen an den Fenstern und riefen einander zu:

»Dreiundneunzig ist wieder da!«

Das Licht schwankte und erlosch. Jetzt lag die Straße vollständig im Dunkel.

»So ist’s recht, alte Straße«, sagte Gavroche, »setz dir nur die Nachtmütze auf!«

Jean Valjean trat zu Gavroche.

»Armer Kerl«, sagte er leise, als ob er mit sich selbst spräche. »Er hat nichts zu essen«, und er drückte ihm das Fünffrankenstück in die Hand.

Gavroche hob erstaunt die Nase. Er sah, daß die Münze von Silber war. Fünffrankenstücke kannte er nur vom Hörensagen, aber ihr Ruf war auch in seinen Kreisen gut, und er fand es angenehm, eines zu besitzen.

Dann wandte er sich zu Jean Valjean, hielt ihm die Münze wieder hin und sagte großartig:

»Bourgeois, ich will lieber Laternen einkitschen. Nehmen Sie wieder Ihren Batzen zurück. Mich besticht man nicht. Der Adler da hat fünf Klauen, aber mich soll er nicht kratzen.«

»Hast du eine Mutter?« fragte Jean Valjean.

»Vielleicht mehr Mama als Sie.«

»Gut, dann bring das Geld deiner Mutter.«

Gavroche war gerührt. Auch bemerkte er, daß der Mann, mit dem er da sprach, keinen Hut aufhatte, und das flößte ihm Vertrauen ein.

»Also Sie geben mir das nicht, um mich vom Laterneneinschmeißen abzuhalten?«

»Wirf so viele ein, wie du willst.«

»Sie sind ein Ehrenmann«, antwortete Gavroche und steckte das Fünffrankenstück in die Tasche.

Er war zutraulicher geworden.

»Sind Sie aus der Straße hier?«

»Ja. Warum?«

»Können Sie mir Nr. 7 zeigen?«

»Was willst du in Nr. 7?«

Der Junge fürchtete, er habe schon zuviel gesagt, und antwortete nur:

»Allerhand.«

Jetzt hatte Jean Valjean einen Gedanken. Die Angst läßt manchmal ein seltsames Licht in uns aufflammen.

»Bringst du mir den Brief, auf den ich warte?«

»Nein, Sie sind doch keine Frau.«

»Der Brief ist an Fräulein Cosette gerichtet, nicht wahr?«

»Cosette? Ja, ich glaube, sie hatte so einen albernen Namen.«

»Nun, dann bin ich es, dem du den Brief geben sollst.«

»Dann wissen Sie wohl auch, daß ich von der Barrikade komme?«

»Gewiß doch.«

Gavroche griff in die Tasche und zog das gefaltete Papier heraus. Dann grüßte er militärisch.

»Respekt vor dieser Depesche, sie kommt von der provisorischen Regierung!«

»Gut.«

Gavroche hielt das Papier fest.

»Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß das ein Liebesbrief ist. Er ist an eine Frau gerichtet, aber er gilt dem Volke. Wir prügeln uns untereinander, aber das weibliche Geschlecht achten wir.«

»So gib schon!«

Gavroche reichte den Brief Jean Valjean.

»Und beeilen Sie sich, Herr Dingsda, denn Fräulein Cosette wartet schon! Antwort ist unnötig. Wenn Sie zu uns gelangen wollen, werden Sie in einen recht unverdaulichen Kuchen beißen. Dieser Brief kommt von der Barrikade in der Rue de la Chanvrerie, zu der ich jetzt zurückkehre. Guten Abend, Bürger!«

Einige Augenblicke nachher hörte man bereits aus der Ferne lautes Klirren. Gavroche spazierte durch die Rue du Chaume.

Während Cosette und Toussaint schlafen

Jean Valjean trat mit dem Brief Marius’ in das Haus.

Er tastete sich die Treppe hinauf, öffnete leise seine Tür, lauschte, stellte fest, daß Cosette und Toussaint offenbar schliefen, und brauchte – so sehr zitterten seine Hände – drei oder vier Streichhölzer, um Licht anzuzünden.