In Augenblicken solcher Erregungen liest man nicht, sondern verschlingt gewissermaßen das Papier, verschluckt es wie ein Opfer, überspringt den Anfang und hastet dem Ende zu.
In Marius’ Brief an Cosette sah Jean Valjean nur die Worte:
»… wenn du dies liest, wird meine Seele bei dir sein …«
Eine furchtbare Freude ergriff ihn. Einen Augenblick stand er wie betäubt unter dem jähen Wechsel der Empfindungen. Fast trunken vor Entzücken starrte er den Brief an. Das Herrlichste, den Tod des Gehaßten, hatte er vor sich.
Es war also zu Ende. Rascher war diese Sache zum Abschluß gekommen, als er gehofft hatte. Der Fremde, der in sein Schicksal eingegriffen, verschwand wieder. Verschwand freiwillig, aus eigener Kraft. Ohne daß er, Jean Valjean, etwas dazu tat. Vielleicht war jener Feind in diesem Augenblick schon tot.
Das Fieber hat seine eigene Art, Dinge zu berechnen.
Nein, tot konnte er noch nicht sein. Der Brief war offenbar in der Absicht geschrieben, am nächsten Tag in Cosettes Hände zu gelangen. Seit den zwei Salven, die Jean Valjean zwischen elf Uhr und Mitternacht gehört hatte, war nichts mehr vorgefallen. Vor Tagesanbruch würde die Barrikade nicht mehr ernsthaft angegriffen werden, aber immerhin, ein Mensch, der sich in diesen Kampf eingelassen hatte, war schon verloren.
Jean Valjean fühlte sich befreit. Er würde also mit Cosette allein bleiben. Der Nebenbuhler wich. Wieder war das Tor der Zukunft geöffnet. Er brauchte ja diesen Brief nur bei sich zu behalten. Cosette würde nie erfahren, was aus »diesem Menschen« geworden war. Jean Valjean brauchte die Dinge nur ihren Lauf nehmen zu lassen.
Er stieg hinab und weckte den Portier.
Eine Stunde später ging Jean Valjean in seiner Nationalgardistenuniform und vollkommen bewaffnet aus. Der Portier hatte in der Nachbarschaft alles aufgetrieben, was zur Ausrüstung noch gefehlt hatte.
Jean Valjean marschierte in der Richtung auf die Hallen zu.
Fünfter Teil
Jean Valjean
Erstes Buch
Eine Schlacht zwischen vier Wänden
Vorbereitungen zum neuen Kampf
Die Revolutionäre bemühten sich unter Aufsicht Enjolras’ – denn Marius kümmerte sich um nichts mehr –, die Nacht auszunützen, so gut es ging. Die Barrikade wurde nicht nur ausgebessert, sondern auch verstärkt. Man erhöhte sie um zwei Fuß und pflanzte Eisenstangen in sie, die wie Lanzen aus den Pflastersteinen hervorragten.
Allerlei Schutt und Abfall wurde darübergestreut, um die Ersteigung unmöglich zu machen.
Nachdem die Barrikade solchermaßen wieder instand gesetzt war, brachte man die Gaststube in Ordnung, richtete in der Küche eine Ambulanz ein und sorgte dafür, daß alle Verwundeten verbunden wurden. Das Pulver, das auf der Erde und auf den Tischen verstreut worden war, wurde gesammelt, man goß Kugeln, fabrizierte Patronen, zupfte Scharpie, verteilte die Waffen der Gefallenen, schaffte die Leichen fort.
Die Toten wurden in der Rue Mondétour, die man ja immer noch beherrschte, zu einem Haufen aufgeschichtet. Das Pflaster dieser kleinen Gasse ist noch lange nachher rot gewesen. Unter den Toten fand man vier Nationalgardisten. Enjolras ließ ihnen die Uniformen ausziehen.
Er hatte zwei Stunden Schlaf anbefohlen. Doch konnten die meisten keine Ruhe finden. Die drei Frauen benützten die Nacht, um endgültig zu verschwinden. Sie fanden ein Mittel, in ein Nachbarhaus zu gelangen, und überließen »Corinthe« den Revolutionären, die sich jetzt weniger behindert fanden. Die Deichsel des Omnibusses war zwar von den Kugeln beschädigt, aber noch immer stark genug, um eine Fahne zu tragen. Enjolras, der die Führereigenschaft besaß, zu tun, was er vorher sagte, befestigte an ihr den zerlöcherten und blutbedeckten Rock des toten Mabeuf. Die meisten der Verwundeten wollten weiterkämpfen. Auf einer Matratze und einigen Strohsäcken lagen in der Küche fünf Schwerverletzte, darunter zwei Munizipalgardisten.
An eine Mahlzeit war nicht zu denken. Weder Fleisch noch Brot war aufzutreiben. Die fünfzig Männer hatten in den sechzehn Stunden, die sie bereits auf der Barrikade zubrachten, alle Vorräte des Wirtshauses aufgebraucht.
Da man nichts zu essen hatte, wollte Enjolras auch nicht erlauben, daß getrunken werde. Er verbot den Genuß von Wein und rationierte den Branntwein.
Im Keller hatte man fünfzehn hermetisch verschlossene Flaschen gefunden. Enjolras konfiszierte sie trotz des lebhaften allgemeinen Einspruchs und ließ sie auf den Tisch stellen, auf dem Mabeuf lag. Gegen zwei Uhr morgens wurde eine Zählung der kampffähigen Männer vorgenommen. Man fand ihrer noch siebenunddreißig.
Bald darauf graute der Morgen. Die Fackel wurde gelöscht. Das Innere der Barrikade, eine Art kleiner Hof inmitten der Straße, lag noch immer im Dunkel und glich in der ersten Dämmerung dem Deck eines Schiffes, das Mast und Takelwerk verloren hat. Die Kämpfer gingen wie schwarze Schatten hin und her. Über diesem finsteren Platz tauchten im ersten Lichtschimmer die fahlen Fassaden der Häuser auf und, etwas heller, in der Höhe, die Schornsteine.
»Ich bin froh, daß diese Fackel gelöscht ist«, sagte Courfeyrac zu Feuilly. »Sie flackerte, als ob sie Angst hätte.«
Die Morgenröte weckte die Geister wie die Vögel. Man unterhielt sich lebhaft.
Joly bemerkte eine Katze auf einer Dachrinne und sagte:
»Was ist eigentlich die Katze? Eine Korrektur der Schöpfung. Als der liebe Gott die Maus geschaffen hatte, sagte er: Holla, da habe ich mich vergaloppiert. Die Katze ist gewissermaßen die Berichtigung des Irrtums Maus. Katze plus Maus stellt einen Beweis dafür dar, daß wir die Schöpfung heute in revidierter und korrigierter Auflage vor uns haben.«
Hoffnungen flammen auf und verlöschen
Inzwischen unternahm Enjolras einen Erkundigungsrundgang. Er drang an den Häusern der Rue Mondétour in Richtung der Hallen vor.
Die Revolutionäre waren, wir müssen es offen sagen, bester Hoffnung. Die Art, wie der nächtliche Angriff zurückgeschlagen worden war, veranlaßte sie, den Angriff des kommenden Tages im voraus zu unterschätzen. Sie erwarteten ihn mit Lächeln. Jetzt zweifelte keiner mehr am endgültigen Erfolg ihrer Sache. Überdies stand bei ihnen fest, daß Hilfe kommen würde. Darauf rechneten sie in voller Sicherheit. Mit dieser Leichtigkeit, eine strahlende Zukunft vorauszusehen, die den französischen Kämpfer auszeichnet, teilten sie bereits den nächsten Tag in drei bestimmte Phasen ein: Um sechs Uhr morgens würde ein Regiment, das »man bearbeitet hatte«, zu den Rebellen übergehen. Um Mittag käme dann die Erhebung von ganz Paris, gegen Sonnenuntergang würde die Sache der Revolution durchgefochten sein.
Auch ließ sich noch immer die Sturmglocke von Saint-Merry hören, was bewies, daß die andere, große Barrikade – die Jeannes – sich noch immer hielt.
Mit vergnügtem Flüstern tauschte man diese Hoffnungen und Beobachtungen aus.
Jetzt kehrte Enjolras zurück. Einen Augenblick lang hörte er mit gekreuzten Armen den fröhlichen Schwätzern zu, dann sagte er:
»Die ganze Armee in Paris folgt dem König. Ein Drittel der Armee wird gegen unsere Barrikade aufgeboten. Dazu kommt noch die Nationalgarde. Ich sah die Tschakos des fünften Linienregiments und die Feldzeichen der sechsten Legion. Binnen einer Stunde werdet ihr angegriffen. Was das Volk betrifft, so hat es gestern Lärm geschlagen, heute aber rührt es sich nicht. Weder ein Regiment noch eine Vorstadt hält zu uns. Ihr seid von den Brüdern verlassen!«
Diese Worte fielen auf die plaudernden Gruppen wie die ersten Tropfen eines Gewitterregens. Alle verstummten. Es gab einen Augenblick unbeschreiblichen Schweigens, in dem man glauben konnte, die Flügel des Todes rauschen zu hören.