Aber dieser Augenblick währte nur kurz.
Aus dem dunklen Hintergrund rief jemand: »Sei es darum! Wir bauen die Barrikade zwanzig Fuß hoch, und dann bleiben wir eben alle hier. Bürger, unsere Leichen werden ein Protest sein: Wenn das Volk die Republikaner verläßt, so verlassen die Republikaner nicht das Volk: das müssen wir ihm beweisen.«
Diese unbeugsame Entschlossenheit lag an jenem 6. Juni 1832 so sehr in der Luft, daß zur selben Stunde auf der Barrikade von Saint-Merry jener historisch gewordene Schwur geleistet werden konnte:
»Ob man uns zu Hilfe kommt oder nicht – wir wollen hier sterben, vom Ersten bis zum Letzten!«
Der Leser sieht, daß die beiden Barrikaden, wenn auch räumlich voneinander getrennt, doch in Verbindung standen.
Fünf Mann weniger, einer mehr
Nachdem dieser Unbekannte, der vom Protest der Leichname gesprochen, den Ausdruck gefunden hatte für das, was in diesem Augenblick alle empfanden, fielen alle in einen zugleich triumphierenden und düsteren Ruf ein:
»Es lebe der Tod! Wir bleiben alle!«
»Warum alle?« fragte Enjolras.
»Alle, alle!«
»Die Stellung ist gut«, sagte Enjolras, »die Barrikade stark. Dreißig Mann genügen zu ihrer Verteidigung. Warum wollt ihr vierzig opfern?«
»Weil keiner unter uns ist, der gehen will.«
»Bürger«, rief Enjolras mit zitternder Stimme, in der fast etwas wie Zorn mitklang, »die Republik ist nicht so reich an Menschen, daß sie sich unnütze Verschwendung leisten darf. Der Ruhm als solcher ist ein Popanz. Wenn einige unter uns die Pflicht haben zu gehen, so muß dieser Pflicht wie jeder andern gefolgt werden.«
Enjolras, dieser Prinzipienmann, hatte unter seinen Gesinnungsfreunden ein so hohes Ansehen, wie es nur aus dem absoluten Willen hervorgehen kann. Doch murrten alle.
Aber Enjolras war Führer durch und durch. Als er sah, daß einige wider ihn murrten, beharrte er bei seinem Willen.
»Die unter euch, die sich fürchten, nur dreißig zu sein, mögen sich melden.«
Der Einspruch wurde lauter.
»Übrigens ist es ja leicht«, bemerkte einer, »von Weggehen zu sprechen. Wir sind blockiert.«
»Nicht in der Richtung zu den Hallen«, erklärte Enjolras. »Die Rue de Mondétour ist noch offen, und man kann durch die Rue des Prêcheurs zum Markt des Innocents gelangen.«
»Und dort wird man gefaßt. Gewiß fällt man irgendeiner Wache in die Hände. Wenn die Kerle einen Mann in Arbeiterbluse und Mütze sehen, werden sie fragen: Von wo kommst du? Etwa von der Barrikade? Dann sieht man dir auf die Hände, riecht das Pulver – du wirst erschossen.«
Enjolras berührte, ohne zu antworten, Combeferres Schulter, und die beiden traten in das Gastzimmer.
Gleich darauf kamen sie zurück. Enjolras trug in seinen beiden Händen die vier Uniformen, die er den Gefallenen abgenommen hatte, Combeferres brachte das Gurtzeug und die Tschakos.
»Mit diesen Uniformen«, erklärte Enjolras, »spaziert man quer durch die Feinde hindurch und entschlüpft. So können zunächst vier gerettet werden.«
Und er warf die vier Uniformen auf den Boden.
»Hört«, rief jetzt Combeferre, »ihr müßt ein Einsehen haben. Begreift ihr denn, worum es sich handelt? Sind unter euch welche, die Frauen haben, ja oder nein? Und Kinder? Und Mütter, die mit dem Fuß die Wiege treten und einen Haufen Kleiner um sich haben? Wer unter euch niemals den Busen einer nährenden Frau gesehen hat, der möge die Hand heben! Ihr wollt euch töten lassen? Gut, das will ich auch, aber ich will dabei nicht die Gespenster von Frauen dabei haben, die verzweifelt die Arme ringen. Um euch geht es nicht! Wir wissen, wer ihr seid. Ihr seid alle tapfer, gewiß, jeder von euch ist bereit, sein Leben für die Sache herzugeben! Wir wissen auch, daß keiner unter euch ist, der sich nicht auserwählt fühlt, nutzbringend und herrlich zu sterben, und dadurch seinen Teil am Triumph haben will. Aber wartet: ihr seid nicht allein auf der Welt. Es gibt noch andere, an die ihr denken müßt. Ihr dürft nicht egoistisch handeln.«
Alle neigten mit düsterer Miene den Kopf.
In solchen Augenblicken ist das Menschenherz voll seltsamer Widersprüche. Combeferre, der so sprach, war selbst keine Waise. Er, der sich der Mütter der andern erinnerte, vergaß darüber die seine. Er wollte sterben, er war also »ein Egoist«.
»Enjolras und Combeferre haben recht«, rief Marius. »Unnütze Opfer wollen wir vermeiden. Und wir müssen uns beeilen. Was Combeferre gesagt hat, erlaubt keine Widerrede. Unter euch sind Männer, die Mütter, Schwestern, Frauen und Kinder haben. Sie mögen vortreten.«
Keiner rührte sich.
»Die verheirateten Männer und Familienernährer sollen vortreten!« wiederholte Marius.
»Ich befehle es euch!« schrie Enjolras.
»Ich bitte euch darum«, sagte Marius.
Endlich begannen diese Helden zu einem Entschluß zu kommen. Sie denunzierten einer den andern.
»Es ist ganz richtig«, sagte ein junger Mann zu einem älteren, »du bist Familienvater, geh.«
»Und du mußt viel eher gehen als ich«, erwiderte der andere, »du ernährst zwei Schwestern.«
Jetzt begann ein neuer Kampf.
»Beeilt euch«, sagte Courfeyrac, »in einer Viertelstunde ist es zu spät.«
»Bürger«, erklärte Enjolras, »bei uns ist Republik, hier entscheidet die Abstimmung. Ihr selbst sollt jene bestimmen, die gehen.«
Man gehorchte. Nach wenigen Sekunden hatte man die Wahl getroffen.
»Es sind ihrer fünf«, zählte Marius.
Aber man besaß nur vier Uniformen.
»Gut«, riefen die fünf wie aus einer Kehle, »da muß einer von uns bleiben.«
Neuerlich begann der edle Wettstreit.
»Macht rasch!« wiederholte dringender Courfeyrac.
Marius trat auf die fünf zu, die ihm zulächelten und alle die große Flamme der Kämpfer von den Thermopylen in den Augen hatten, als sie ihm entgegenriefen:
»Mich! Nimm mich!«
In diesem Augenblick wurde, als ob sie vom Himmel fiele, eine fünfte Uniform zu den vier anderen geworfen.
Marius blickte auf und erkannte Fauchelevent. Jean Valjean war auf der Barrikade erschienen. Instinkt und Glück hatten ihn in die Rue Mondétour gelenkt, und dank seiner Nationalgardistenuniform hatte man ihn überall durchgelassen.
In der Rue Mondétour war er dem Posten der Insurgenten begegnet, der aber wegen eines einzigen Nationalgardisten nicht Lärm schlagen wollte. Überdies war die Situation zu schwierig, um wegen eines Mannes den Posten zu verlassen.
Als Jean Valjean sich unter die Kämpfer mengte, hatte keiner auf ihn geachtet, da alle mit der Wahl derer beschäftigt waren, die sich retten sollten. Jean Valjean hatte schweigend zugehört, dann seine Uniform abgelegt und zu den anderen geworfen.
»Wer ist das?« fragte Bossuet.
»Einer, der für einen anderen einspringt«, erwiderte Combeferre.
Marius fügte ernst hinzu:
»Ich kenne ihn.«
Diese Bürgschaft genügte allen.
Enjolras trat zu Jean Valjean:
»Seien Sie willkommen, Bürger. Daß wir hier alle sterben müssen, wissen Sie doch?«
Jean Valjean antwortete nicht, sondern half dem Insurgenten, der die Uniform anlegte, in den Rock.
Die Lage verschlimmert sich
Wie war Fauchelevent hierhergekommen? Und warum? Was wollte er?
Marius erwog diese Frage kaum. Wenn ein Mensch verzweifelt ist, verspinnt er sich so in seinen eigenen Seelenzustand, daß es ihm höchst logisch erscheint, wenn alle andern auch sterben wollen.
Übrigens richtete Fauchelevent nicht das Wort an ihn, sah ihn nicht einmal an. Als Marius gesagt hatte, daß er ihn kenne, schien es, daß Fauchelevent ihn nicht einmal gehört hatte.
Die fünf Ausgelosten verließen die Barrikade. An nichts war zu erkennen, daß man es nicht mit Nationalgardisten zu tun hatte. Einer weinte.