Jetzt dachte Enjolras auch an den zum Tode Verurteilten. Er trat in das Gastzimmer. Javert war noch immer an seinen Pfeiler gebunden und brütete vor sich hin.
»Verlangst du irgend etwas?« fragte ihn Enjolras.
»Wann werdet ihr mich umbringen?«
»Warte noch ein wenig. Einstweilen sind unsere Patronen zu kostbar.«
»Gut, dann gebt mir etwas zu trinken.«
Enjolras hielt selbst das Glas, während der Gefesselte trank.
»Ist das alles?« fragte Enjolras.
»Ich fühle mich hier recht übel«, erwiderte Javert. »Es ist nicht besonders nett von euch, daß ihr mich eine Nacht an diesem Pfeiler stehenlaßt. Ihr könnt mich ja anbinden, wenn ihr wollt, aber ihr solltet mich liegenlassen wie den andern.«
Und er deutete auf Mabeuf.
Auf Enjolras’ Befehl banden vier Insurgenten Javert von seinem Pfeiler los. Man ließ seine Hände auf dem Rücken gefesselt, band jetzt auch die Beine mit einem dünnen, aber scharfen Strick, so daß er nur kurze Schritte machen konnte wie ein Delinquent, der zum Schafott hinaufsteigt. Dann ließ man ihn zum Tisch gehen, legte ihn darauf und schnallte ihn fest.
Während man Javert band, erschien ein Mann auf der Schwelle und sah aufmerksam zu. Javert wandte sich nach ihm um. Er zog die Brauen hoch und erkannte Valjean. Stolz ließ er die Lider wieder herabfallen und sagte:
»Natürlich!«
Jetzt wurde es rasch Tag. Aber kein Fenster, keine Tür ging auf. Heute brachte die Morgenröte nicht das Erwachen der Straße. Die Truppen hatten sich aus der Rue de la Chanvrerie zurückgezogen, die jetzt in unheimlicher Ruhe dalag.
Man sah und hörte niemand. Doch ging in einiger Entfernung etwas Geheimnisvolles vor sich. Der kritische Augenblick nahte sichtlich. Posten wurden abgelöst – diesmal alle.
Die Barrikade war jetzt viel stärker als beim ersten Angriff. Nach dem Abgang der fünf hatte man sie neuerlich erhöht.
Auf Anraten des Postens, der die Gegend der Markthalle beobachtet hatte, faßte Enjolras, der jetzt doch einen Angriff im Rücken fürchtete, einen schweren Entschluß. Er ließ in der Rue Mondétour, die bis jetzt frei gewesen war, eine kleine dritte Barrikade errichten. So war man jetzt nach drei Seiten hin verbarrikadiert.
»Eine Festung – und zugleich eine Mausefalle«, erklärte Courfeyrac lächelnd.
Nichts ist seltsamer als eine Barrikade, die zur Abwehr eines Angriffs rüstet. Jeder wählt seinen Platz wie im Theater. Man lehnt sich an, stützt den Ellbogen auf eine Unterlage. Viele richten es so ein, daß sie sitzend kämpfen können. Man will bequem töten und mit Komfort sterben.
Sobald das Zeichen zur höchsten Kampfbereitschaft gegeben ist, rührt sich keiner mehr. Jetzt sind alle Nerven angespannt. Hat früher das Chaos geherrscht, so setzt sich jetzt Disziplin durch. Die Gefahr schafft Ordnung.
Im übrigen waren die Verteidiger dieser Barrikade stolzer und zuversichtlicher als je. Die höchste Opferbereitschaft ist auch eine innere Stärkung. Wenn man keine Hoffnung mehr hat, so weiß man sich wenigstens im Besitz eines letzten Gutes – der Verzweiflung. Sie ist eine Waffe, die manchmal zum Siege führt. Äußerste Entschlüsse erschließen erstaunliche Hilfsquellen. Sich in den Rachen des Todes zu stürzen, ist oft ein Mittel, dem Schiffbruch zu entgehen: der Deckel des Sarges kann das Brett werden, an das wir uns klammern und das uns die Rettung bringt.
Nicht lange warteten die Verteidiger der Barrikade. Zuerst war von Saint-Leu herüber eine Bewegung zu bemerken, aber sie war jener unähnlich, die den vorigen Angriff eingeleitet hatte. Es war wie ein Klirren von Ketten. Irgendein unheimliches Mordgerät wurde herangeschleppt. Diese friedlichen Straßen, die einem ruhigen Verkehr geweiht waren, zitterten unter dem Rollen der Räder des Krieges.
Alle Augen waren auf den Ausgang der Straße gerichtet. Eine Kanone tauchte auf.
Die Artilleristen zogen sie heran. Sie war schußbereit, die Protze abgenommen. Zwei Leute hielten die Lafette, vier waren an den Rädern. Andere folgten mit dem Munitionskasten. Die Lunte brannte bereits.
»Feuer!« rief Enjolras.
Die ganze Barrikade spie Feuer ans, und das Getöse war furchtbar; eine Rauchwolke stieg auf. Als sie sich verzog, tauchte die Kanone wieder auf. Die Soldaten, die sie bedienten, fuhren fort, sich an ihr zu betätigen, ruhig und ohne Hast. Keiner war getroffen. Der Kommandant drückte, ernst wie ein Astronom, der das Fernrohr einstellt, auf den Rückhalter, um den Schuß höher zu richten.
»Bravo, Kanoniere!« schrie Bossuet.
Alle Leute auf der Barrikade klatschten in die Hände.
Und schon stand das Geschütz schußbereit inmitten der Straße der Barrikade gegenüber. Sein furchtbarer Schlund drohte.
»Vorwärts, lustig!« rief Courfeyrac, »nach dem Hundegekläff das Bärengebrumm! Die Armee streckt ihre große Tatze nach uns aus. Unsere Barrikade wird ordentlich durchgerüttelt werden. Das Gewehrfeuer hat uns abgetastet, die Kanone greift zu.«
»Ladet eure Gewehre!« rief Enjolras.
Wie würde die Barrikade dem Geschütz widerstehen? Mußten die Kugeln nicht eine Bresche schlagen? Das war die Frage.
Während die Insurgenten wieder ihre Flinten luden, machten die Artilleristen ihre Kanone schußbereit.
Der Schuß fiel – eine furchtbare Detonation folgte ihm.
»Schon da!« rief eine vergnügte Stimme.
Es war Gavroche, der die Kugel herbeischleppte.
Sein Erscheinen wirkte auf alle – die Verteidiger der Barrikade begannen zu lachen.
»Fortsetzung!« brüllte Bossuet den Artilleristen zu.
Die Artilleristen wollen ernst genommen werden
Alle umringten Gavroche.
Aber ihm blieb kaum Zeit, zu erzählen. Marius zog ihn beiseite.
»Was suchst du hier?«
»Na, und Sie?«
Streng fragte Marius:
»Wer hat dir gesagt, daß du wiederkommen sollst? Hast du wenigstens meinen Brief besorgt?«
Was diesen Brief anging, war Gavroches Gewissen nicht ganz rein. In seiner Hast, wieder zur Barrikade zurückzukommen, hatte er sich den Brief eher vom Halse geschafft, als ihn bestellt. Insgeheim mußte er sich sagen, daß er ihn etwas leichtfertig jenem Unbekannten anvertraut hatte, dessen Gesicht er nicht einmal gesehen. Wohl hatte jener Mann keinen Hut getragen, aber das war ja noch kein Beweis. Er scheute Vorwürfe Marius’. Um sich aus der Klemme zu befreien, tat er, was am nächsten lag: er log, was das Zeug hielt.
»Bürger«, sagte er, »ich habe den Brief dem Portier gegeben. Die Dame schlief schon. Wenn sie aufwacht, wird sie den Brief haben.«
Als Marius dieses Schreiben absandte, hatten ihm zwei Ziele vorgeschwebt: sich von Cosette zu verabschieden und Gavroche zu retten. Er mußte zufrieden sein, daß er wenigstens das eine erreicht hatte.
Immerhin brachte ihn die Anwesenheit Fauchelevents auf eine seltsame Gedankenverbindung. Er zeigte Gavroche den Neuankömmling und fragte:
»Kennst du diesen Mann?«
»Nein.«
Die peinlichen und überängstlichen Befürchtungen Marius’ wichen. Kannte er Fauchelevents politische Ansichten? Vielleicht war dieser Mann wirklich ein Republikaner. Dann war ja weiter nichts Verwunderliches daran, daß er hier erschienen war.
Schon war Gavroche auf der Barrikade aufgetaucht und verlangte energisch nach seinem Gewehr.
Courfeyrac ließ es ihm geben. Nun erzählte Gavroche seinen »Kameraden«, wie er sie nannte, daß die Barrikade vollkommen eingekreist sei. Nur mit größter Mühe hatte er sich noch durchgeschmuggelt. Ein Bataillon Linieninfanterie, dessen Gewehrpyramiden in der Rue de la Petite-Truanderie standen, beobachtete den Zugang von der Rue du Cygne. Auf der anderen Seite hielten Munizipalgardisten die Rue des Prêcheurs besetzt. Vor sich hatte man die Kerntruppe der Armee.
Enjolras stand horchend auf seinem Beobachtungsposten.