Die Belagerer schienen mit der Wirkung ihres Schusses nicht sonderlich zufrieden, denn sie wiederholten ihn nicht.
Eine Kompanie Linieninfanterie erschien jetzt am Ende der Straße hinter der Kanone. Die Soldaten rissen das Pflaster auf und errichteten daraus eine kleine Schutzmauer von etwa achtzehn Zoll Höhe.
Enjolras glaubte jenes eigentümliche Geräusch zu erkennen, das entsteht, wenn Kartätschenmunition aus den Kästen geholt wird. Auch sah er, daß der Kommandant die Kanone gegen links richtete. Dann wurde sie wieder geladen. Der Kommandant hielt selbst die Lunte und näherte sie der Zündschnur.
»Köpfe unter!« rief Enjolras, »kniet alle nieder!«
Die Insurgenten, die vor dem Wirtshaus an der Wand standen, eilten alle auf die Barrikade zu. Aber bevor Enjolras’ Befehl ausgeführt war, spie die Kanone mit furchtbarem Getöse eine Ladung Kartätschen aus.
Sie war gegen die freigelassene Lücke der Hauptschanze gerichtet. Knapp über ihr prallte sie von der Wand ab, tötete zwei Männer und verwundete drei.
Die Barrikade war nicht mehr zu halten.
Bestürzung bemächtigte sich der Verteidiger.
»Wir müssen um jeden Preis den nächsten Schuß verhindern«, sagte Enjolras.
Er legte an, zielte auf den Kommandanten des Geschützes, der sich eben über den Rückhalter der Kanone beugte und visierte.
Es war ein gutgewachsener Artilleriesergeant, ein ganz junger, blonder Mensch mit klugem Gesicht, wie man es bei dieser furchtbarsten aller Waffen oft findet, die das Gemetzel so fürchterlich macht, bis es dereinst erstickt.
Combeferre stand neben Enjolras und betrachtete den jungen Mann.
»Schade«, sagte er, »wie scheußlich ist doch dieses Blutvergießen! Nun, wenn es aus sein wird mit diesen Königen, wird es auch keine Kriege mehr geben. Du zielst da auf diesen Sergeanten, statt ihn anzusehen, Enjolras. Stell dir vor, daß er ein liebenswürdiger junger Mann ist, ein tapferer Kerl. Man sieht ihm an, daß er Verstand hat. Die Artilleristen sind immer gebildet. Gewiß hat er einen Vater, eine Mutter, Familie. Wahrscheinlich ist er verliebt. Und dabei ist er höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. Er könnte dein Bruder sein.«
»Er ist es«, sagte Enjolras.
»Gut, dann wollen wir ihn nicht töten.«
»Laß mich! Was geschehen muß, soll geschehen.«
Langsam glitt eine Träne über Enjolras’ Marmorwange.
Und im selben Augenblick schoß er.
Der Artillerist drehte sich zweimal um sich selbst, streckte die Arme aus, hob den Kopf, als ob er atmen wolle, und kollerte dann über das Geschütz.
Die Kugel hatte ihn in die Brust getroffen.
Einer, der keinen verfehlt und niemand tötet
Das Feuer der Belagerer hielt an. Gewehre und Kugelspritzen wechselten ab. Doch richteten sie keinen ernsten Schaden an. Nur die Fassade des »Corinthe« litt.
Es ist übrigens eine altbewährte Taktik im Barrikadenkampf, daß man die Schießvorbereitung lange ausdehnt, um die Insurgenten zum Verbrauch ihrer Munition zu verführen. Es ist ein großer Fehler, wenn die Männer auf der Barrikade das Feuer erwidern. Dann wartet der Angreifer, bis er sieht, daß die Gegenwehr schwächer wird, und unternimmt den Sturm gegen einen Feind, dem es bereits an Pulver und an Kugeln fehlt.
Enjolras beging diesen Fehler nicht. Die Leute auf der Barrikade beantworteten das Feuer kaum.
Möglicherweise beunruhigte dieses Schweigen die Belagerer. Sie fürchteten vielleicht einen unvorhergesehenen Gegenzug des Feindes. Jedenfalls wollten sie in Erfahrung bringen, was hinter der Schutzwehr vorging.
Plötzlich sahen die Insurgenten auf einem Nachbardach den Helm eines Feuerwehrmannes in der Sonne blinken.
»Das ist ein Wächter, den wir ganz und gar nicht brauchen können«, sagte Enjolras.
Jean Valjean nahm sein Gewehr und legte auf den Feuerwehrmann an. Eine Sekunde später kollerte der Helm auf die Straße. Der erschrockene Beobachter verschwand.
Ein zweiter Beobachter erschien. Diesmal war es ein Offizier. Aber schon hatte Jean Valjean wieder geladen. Er schoß und ließ den Tschako dem Helm folgen. Der Offizier zeigte sich nicht beharrlich. Eiligst zog er sich zurück. Diesmal war die unmißverständliche Warnung begriffen worden. Niemand erschien mehr auf dem Dach.
»Warum haben Sie den Menschen nicht abgeschossen?« fragte Bossuet Jean Valjean. Aber Jean Valjean antwortete nicht.
Gavroche draußen
Plötzlich bemerkte Courfeyrac, daß jemand draußen auf der Straße, im Kugelregen, hin und her lief.
Gavroche hatte einen Korb ergriffen, war durch die Lücke hinausgeklettert und begann jetzt in aller Ruhe die Patronentaschen der gefallenen Nationalgardisten zu plündern.
»Was tust du da draußen?« rief Courfeyrac.
»Ich fülle meinen Korb, Bürger.«
»Siehst du die Kugelspritze nicht?«
»Ach ja, es regnet ein wenig.«
»Komm zurück!« schrie Courfeyrac.
»Gleich!«
Etwa zwanzig Tote lagen auf dem Straßenpflaster. Das bedeutete für Gavroche zwanzig Patronentaschen. Reichlich Munition für die Leute auf der Barrikade.
Noch immer lag der Pulverdampf wie Nebelschwaden über der Straße. Nur allmählich verzog er sich. Noch konnten die feindlichen Parteien einander kaum erkennen.
Diese schlechte Sicht lag vielleicht in der Absicht der Führer, die den Angriff auf die Barrikade vorbereiteten. Jedenfalls kam sie Gavroche zugute.
Dank seiner geringen Größe konnte er, ohne gesehen zu werden, ziemlich weit in die Straße vordringen. Die sieben oder acht ersten Patronentaschen leerte er ohne besondere Gefahr.
Bald lag er auf dem Bauch, bald kroch er, den Korb zwischen den Zähnen, hüpfte auf, schlängelte sich zwischen den Toten hin, leerte eine Patronentasche, wie ein Affe eine Nuß knackt.
Von der Barrikade, die nicht allzu weit entfernt war, rief man ihm nicht mehr zu, er solle zurückkommen, denn man wollte nicht die Aufmerksamkeit der Angreifer auf ihn lenken.
Bei der Leiche eines Korporals fand er ein Pulverhorn.
»Etwas für den Durst«, sagte er.
Jetzt gelangte er in eine Zone, die weniger vom Pulverdampf abgedichtet war. Plötzlich tauchte vor den Schützen am Ende der Straße eine undeutliche Gestalt auf, die sich im Nebel bewegte.
Gavroche war eben dabei, einen Sergeanten, der neben einem Prellstein lag, seines Munitionsvorrates zu berauben. Da schlug eine Kugel in den Leichnam.
»Verdammt«, schrie Gavroche, »bringt mir doch nicht meine Leichen um!«
Eine zweite schlug neben ihn auf das Pflaster, daß die Funken sprühten. Eine dritte traf seinen Korb. Gavroche blickte auf und sah, daß sie von den Nationalgardisten auf den Dächern rings um Paris herrührte. Da begann er, frech und in aller Seelenruhe zu singen:
»Man ist häßlich in Nanterre,
Schuld daran ist nur Herr Voltaire,
Blöd ist man in Palaiseau,
Schuld daran ist nur Rousseau.«
Jetzt nahm er seinen Korb wieder vor und sammelte die Kugeln, die herausgefallen waren. Ein vierter Schuß verfehlte ihn. Da sang Gavroche:
»An Voltaire liegt’s allein,
Daß ich Bauer muß sein,
Rousseau hat’s gewollt,
Daß kein Mädel mir hold.«
Und so ging es einige Zeit weiter.
Die Szene war schrecklich und reizvoll zugleich. Gavroche, der beschossen wurde, schien die Kugeln zu verspotten. Es war, als ob ein Sperling die Jäger picken wollte. Auf jeden Schuß antwortete er mit einem Couplet. Alle sahen ihn, aber jeder verfehlte ihn. Während die Nationalgardisten und Soldaten auf ihn zielten, mußten sie lachen. Bald warf er sich zu Boden, dann wieder sprang er auf, verschwand in einem Torbogen, sprang wieder hervor – und immer wieder sammelte er Patronen, leerte Taschen und füllte seinen Korb. Atemlos vor Angst folgten ihm die Revolutionäre mit ihren Blicken.