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Eine Kugel indessen, besser gezielt, traf endlich den Jungen. Man sah Gavroche taumeln und fallen. Alle auf der Barrikade schrien auf. Aber sobald der Straßenjunge auf dem Pflaster lag, schien er neue Kraft zu gewinnen. Sofort richtete er sich wieder auf. Ein langer Faden Blut lief über sein Gesicht. Dann erhob er beide Arme, sah nach den Feinden, die auf ihn schossen, und sang ein letztes Maclass="underline"

»Voltaire hat’s so gewollt,

Daß ich einst fallen sollt,

Rousseau wollt’ es so wenden,

Daß ich im Dreck sollt …«

Er kam nicht zu Ende. Eine zweite Kugel brachte ihn zum Verstummen. Diesmal fiel er mit dem Gesicht aufs Pflaster und rührte sich nicht mehr. Die kleine große Seele war erloschen.

Der Geier als Beute

Plötzlich, zwischen zwei Salven, hörte man aus der Ferne eine Turmuhr schlagen.

»Mittag!« rief Combeferre.

Noch war der zwölfte Schlag nicht verhallt, als Enjolras auffuhr und mit Donnerstimme rief:

»Tragt Pflastersteine in das Haus! Befestigt die Fenster und Mansarden! Nur die Hälfte bleibt bei den Gewehren. Verliert keine Minute!«

Ein Trupp Sappeure war, mit den Äxten auf der Schulter, in Schlachtordnung angerückt.

Offenbar bildeten sie die Spitze einer Kolonne. Welcher? Derer doch gewiß, die den Hauptangriff führen sollte. Und gewiß war es ihre Aufgabe, die Barrikade für den Sturm reifzumachen.

Der entscheidende Augenblick nahte.

Enjolras’ Befehl wurde so eilig ausgeführt, wie es nur auf Schiffen und Barrikaden, Kampfplätzen also, von denen es kein Entrinnen gibt, möglich ist. In kaum einer Minute waren zwei Drittel von den Pflastersteinen, die Enjolras an der Tür des »Corinthe« hatte aufhäufen lassen, in den ersten Stock hinaufgetragen worden. Geschickt postiert, bildeten sie bereits nach einer zweiten Minute Schutzwälle, die zur halben Höhe die Fenster und Luken der Mansarde sicherten.

Jetzt ließ Enjolras auch die Flaschen, die unter Mabeufs Tisch standen, in den ersten Stock bringen.

»Wer soll das trinken?« fragte Bossuet.

»Die dort«, erwiderte Enjolras und deutete auf die Feinde.

Dann verbarrikadierte man die Fenster des Erdgeschosses und hielt die Eisenstangen in Bereitschaft, mit denen während der Nacht die Tür des Wirtshauses gesichert wurde.

Jetzt war die Festung vollständig. Die Barrikade stellte den Wall, das Wirtshaus den Burgfried dar.

Mit den übriggebliebenen Pflastersteinen wurde die Lücke in der Barrikade versperrt.

Die Langsamkeit, mit der der Angriff geführt wurde, hatte Enjolras instand gesetzt, alle möglichen Vorkehrungen zu treffen. Er begriff, daß der Tod von Helden meisterhaft ins Werk gesetzt werden mußte.

»Wir sind die Führer«, sagte er zu Marius. »Ich gehe in das Haus und ordne alles drin, du bleibst heraußen und paßt auf.«

Marius stellte sich also auf die Barrikade und beobachtete den Feind. Enjolras ließ die Küchentür vernageln.

»Die Verwundeten sollen nicht unter dem Kampf zu leiden haben«, sagte er. Dann gab er kurz und ruhig seine letzten Befehle. Feuilly antwortete im Namen der andern.

»Haltet im ersten Stock Äxte bereit, um die Treppe einzuschlagen. Sind welche da?«

»Ja«, erwiderte Feuilly.

»Wie viele?«

»Zwei Äxte und eine Hacke.«

»Gut, wir sind jetzt sechsundzwanzig kampffähige Leute. Wieviel Gewehre haben wir noch?«

»Vierunddreißig.«

»Also acht zuviel. Ladet auch sie und haltet sie in Reichweite. Steckt Säbel und Pistolen in die Gürtel. Zwanzig Mann bleiben auf der Barrikade, sechs sollen die Mansarden und Fenster des ersten Stocks besetzt halten. Keiner darf hierbleiben, der nichts zu tun hat. Auf den ersten Trommelschlag eilen die zwanzig zur Barrikade. Wer zuerst ankommt, hat den besten Platz.«

Dann wandte er sich zu Javert.

»Ich vergesse dich nicht.«

Er legte seine Pistole auf den Tisch.

»Wer als letzter hier hinausgeht, schießt dem Spitzel eine Kugel in den Kopf.«

»Hier?« fragte einer.

»Nein, seine Leiche gehört nicht zu den unseren. Man soll ihn über die kleine Barrikade in die Rue Mondétour führen. Dort kann man dann das Urteil vollstrecken.«

Nur einer im Raum war ebenso gleichmütig wie Enjolras: Javert selbst.

In diesem Augenblick erschien Jean Valjean.

»Sie haben mir erst Ihr Lob ausgesprochen, Kommandant: denken Sie, daß ich einen Dank verdiene?«

»Gewiß. Verlangen Sie einen?«

»Ich möchte diesen Menschen niederschießen.«

Jetzt hob Javert den Kopf, sah Jean Valjean an und sagte:

»Natürlich!«

Enjolras lud inzwischen wieder seinen Karabiner.

»Hat keiner etwas einzuwenden?«

Und da niemand ein Wort sprach, sagte er zu Jean Valjean:

»Der Spitzel gehört Ihnen.«

Jean Valjean nahm sein Opfer sofort in Besitz, indem er sich selbst auf den Tisch setzte. Er zog seine Pistole heraus. Ein Knacken verriet, daß er bereits den Hahn spannte.

Im selben Augenblick klang von draußen Trompetenschall herein.

»Hierher!« schrie Marius von der Barrikade herüber.

Javert lachte sein lautloses Lachen und rief den Insurgenten nach:

»Euch geht’s auch nicht besser als mir.«

»Alle hinaus!« schrie Enjolras.

In wilder Hast stürzten die Revolutionäre auf die Barrikade.

»Auf Wiedersehen!« rief ihnen Javert nach.

Jean Valjean rächt sich

Als Jean Valjean mit Javert allein geblieben war, band er den Gefangenen vom Tisch los und bedeutete ihm, er solle aufstehen.

Javert gehorchte mit jenem unbestimmten Lächeln, in dem die gefesselte Macht ihre Gefühle zum Ausdruck bringt.

Jean Valjean führte ihn an seinem Halstuch, als ob er ein Tier am Zaum zöge, aus dem Zimmer hinaus. Javert, dessen Beine noch immer gebunden waren, konnte nur sehr kleine Schritte machen.

Sie durchquerten den dreieckigen Platz hinter der Barrikade. Die Insurgenten waren ganz mit dem drohenden Angriff beschäftigt und blickten nicht zurück.

Nur Marius sah die beiden vorübergehen.

Jean Valjean lotste den gefesselten Javert nicht ohne Mühe in die Rue Mondétour. Nachdem die beiden die kleine Verschanzung überstiegen hatten, fanden sie sich allein. Jetzt konnte niemand sie sehen. Einige Schritte abseits lagen die hierhergebrachten Toten zuhauf. Ein bleiches Gesicht, ein Kopf mit aufgelöstem Haar und eine durchschossene Hand wurden sichtbar: eine halbnackte, tote Frau. Eponine.

Javert sah sie von der Seite an und sagte ruhig:

»Die kenne ich, soviel mir scheint.«

Dann wandte er sich zu Jean Valjean.

Dieser steckte seine Pistole unter den Arm und sah Javert scharf an.

»Javert, ich bin’s.«

»Gut, nimm deine Rache.«

Valjean zog sein Messer aus der Tasche und klappte es auf.

»Du hast recht, das steht dir besser an«, meinte Javert.

Jetzt schnitt Valjean die Fesseln durch, die Javerts Hände und Füße umschlossen, richtete sich wieder auf und sagte:

»Sie sind frei.«

Gewiß war Javert ein Mann, der sich nicht leicht wunderte. Aber sosehr er auch seiner Herr war, er konnte eine Bewegung nicht unterdrücken.

»Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß ich von hier lebend wegkomme«, fuhr Jean Valjean fort. »Sollte es aber doch geschehen, so mögen Sie wissen, daß ich unter dem Namen Fauchelevent in der Rue de l’Homme Armé Nr. 7 wohne.«

Javert verzog, wütend wie ein Tiger, sein Gesicht und brummte zwischen den Zähnen:

»Hüte dich!«

»Gehen Sie«, befahl Jean Valjean.

»Fauchelevent, sagst du? Rue de l’Homme Armé?«

»Nr. 7.«

»Nr. 7«, wiederholte Javert leise.

Dann knöpfte er den Rock zu, zog die Schultern hoch und entfernte sich in Richtung der Hallen. Jean Valjean sah ihm nach. Nach einigen Schritten wandte sich Javert um und rief: