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»Ich mag das nicht. Bringen Sie mich lieber um.«

Er merkte selbst nicht, daß er Jean Valjean nicht mehr duzte.

»Gehen Sie!« rief Jean Valjean.

Langsam entfernte sich Javert. Etwas später war er um die Ecke der Rue des Prêcheurs gebogen. Als er verschwunden war, schoß Valjean seine Pistole in die Luft ab, kehrte zu der Barrikade zurück und sagte:

»Erledigt.«

Die Helden

Der Todeskampf der Leute auf der Barrikade sollte beginnen.

Alles wirkte zusammen, um die tragische Erhabenheit dieses Augenblicks zu steigern. Der Schritt der herannahenden Soldatenscharen in den Straßen, die man noch nicht sah, das Traben der Kavallerie, das dumpfe Getöse der anfahrenden Artillerie, Pulverdampf, der sich über die im Sonnenglanz schimmernden Dächer erhob. Aus weiter Ferne Geschrei, die Sturmglocke von Saint-Merry, die jetzt zu stöhnen und zu röcheln schien – und dazu die Pracht und Lieblichkeit der Jahreszeit, das strahlende Sonnenlicht und zugleich die unheimliche Stille des Quartiers ringsum.

Plötzlich schlugen die Trommeln zum Angriff.

Er war wie ein Orkan. Gestern abend waren die Feinde im Dunkel, wie eine Schlange, an die Barrikade herangeschlichen. Heute, im hellen Tageslicht, war eine Überraschung unmöglich, also kamen sie im wilden Ansturm. Eine mächtige Kolonne Linieninfanterie, der Nationalgardisten und Munizipalgardisten zu Fuß folgten, gestützt auf eine nachflutende Menge, die man noch nicht sehen konnte, brach im Sturmschritt in die Straße ein, während die Trommeln wirbelten und die Trompeten schallten. An der Spitze liefen Sappeure.

Aber die Barrikade hielt den Sturm aus.

Die Verteidiger feuerten lebhaft. Eine Feuergarbe schoß von der Böschung herab. Doch war der Andrang so stark, daß die Barrikade im nächsten Augenblick überrannt war. Indessen schüttelte sie die Soldaten ab wie ein Löwe die Hunde, sie wurde nur überflutet wie ein Felsen, über den der Gischt der Wogen hinwegspült und der im nächsten Augenblick wieder schwarz und schrecklich dasteht.

Die Soldaten mußten sich zurückziehen. Aber die Straße war verstopft. So blieben sie ungedeckt und beantworteten die Schüsse der Verteidiger mit wütendem Gewehrfeuer.

Auf beiden Seiten herrschte dieselbe Entschlossenheit. Die Tapferkeit nahm einen fast barbarischen Charakter an und verband sich mit jener heroischen Wildheit, die vor dem Opfer des eigenen Lebens nicht zurückscheut. Die Nationalgardisten schlugen sich damals wie Zuaven. Die Soldaten wollten mit der Sache zu Ende kommen, die Revolutionäre waren kampfbegieriger als je. Menschen, die sich in ihrer Jugend bewußt dem Tode ausliefern, sind in ihrer Unerschrockenheit fast rasend. Alle fühlten die Größe ihrer Todesstunde. Schon war die Straße mit Leichen bedeckt.

An einer der Seiten der Barrikade stand Enjolras, an der anderen Marius. Enjolras, noch immer Führer mit jedem Nerv und jeder Fiber, wollte sich für den letzten Augenblick aufsparen. Drei Soldaten fielen von seiner Hand, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Aber Marius kämpfte offen. Er wollte sich nicht verbergen. Mit dem ganzen Oberkörper überragte er die Böschung der Barrikade. Es gibt keinen wilderen Verschwender als den Geizhals, der die Fassung verloren hat. Niemand ist toller im Kampf als der Träumer. Marius schlug sich mit höchster Leidenschaft. Jetzt lebte er in der Schlacht wie in einem Traum.

Wohl waren die Angreifer in der Überzahl, aber die Revolutionäre konnten ihre bessere Stellung ausnützen. Sie standen auf ihrer Verschanzung und feuerten aus der Nähe auf die Soldaten, die zwischen Toten und Verwundeten umherirrten und bei jedem Schritt behindert waren. Doch drängten die Angreifer, die immer neuen Nachschub erhielten, im Kugelregen unaufhaltsam näher. Allmählich, aber mit unabänderlicher Sicherheit übten sie auf die Barrikade einen Druck aus wie die Kelter auf die Traube.

Sturm folgte auf Sturm.

Zehnmal wurde die Barrikade von den Wogen der Feinde überflutet, niemals blieb sie in ihren Händen.

Es war ein Kampf von Mann zu Mann, ein Kampf mit Säbeln, Fäusten, aus Fenstern und von Dächern herab. Einer stand gegen sechzig. Die verwüstete Fassade des »Corinthe« bot einen schauerlichen Anblick. Die Fenster, von Kugelspritzen beschossen, hatten längst ihre Scheiben und Rahmen verloren und sahen wie Löcher aus, die man mit Pflastersteinen verstopft hatte. Bossuet fiel, Feuilly, Courfeyrac und Joly. Combeferre wurde von drei Bajonetten gleichzeitig durchbohrt, als er einen Verwundeten aufheben wollte; er hatte noch Zeit, zum Himmel aufzublicken, dann war er tot.

Marius kämpfte noch immer. Er war mit Wunden bedeckt, und sein Gesicht war so blutüberströmt, daß man hätte meinen können, es sei ein rotes Tuch darüber gebreitet.

Nur Enjolras blieb unverletzt. Als er keine Waffe mehr hatte, focht er mit dem Stumpf eines Degens in der Hand weiter. Vier Degen hatte er zerschlagen – einen mehr als Franz I. in Marignan.

Schritt für Schritt

Als von den Führern nur mehr Enjolras und Marius lebten, die an beiden Enden der Barrikade standen, brach das Zentrum zusammen. Den Kanonen war es nicht gelungen, eine Bresche zu schlagen, aber sie hatten den oberen Rand zerstört, und die Trümmer, die bald nach außen, bald nach innen fielen, bildeten zwei Böschungen. Jetzt war es den Angreifern leichter, die Schanze zu übersteigen.

Ein letzter Sturm wurde versucht und gelang. Wieder drangen die Angreifer mit gefälltem Bajonett im Laufschritt vor, und bald tauchte im Pulverdampf die erste Reihe auf der Höhe der Schanze auf. Die Insurgenten, die das Zentrum besetzt hielten, zogen sich schrittweise zurück.

Jetzt erwachte in einigen der Lebenswille. Als sie sich diesem Wald von Bajonetten gegenübersahen, vergaßen manche ihren Entschluß, zu sterben. Das war jener kritische Augenblick, in dem der Selbsterhaltungstrieb aufheult und die Bestie im Menschen erwacht. Die Kämpfer wurden an die Wand des sechs Stock hohen Wohnhauses im Hintergrunde gedrängt – und dieses Haus konnte ihnen die Rettung bringen. Es war vollkommen vermauert und verbarrikadiert. Aber bevor die Soldaten das Innere des geschützten Platzes überqueren konnten, blieb vielleicht Zeit, eine Tür aufzubrechen und wieder zu verschließen. Das allein konnte für die Verzweifelten das Leben bedeuten. Hinter jenem Hause lagen Straßen – freier Raum, die Rettung. Wie rasend begannen sie gegen die Tür zu schlagen, zu schreien, zu jammern und die Hände zu ringen. Aber niemand öffnete.

Jetzt eilten Enjolras und Marius herbei, um ihre Freunde zu schützen. Marius stand vor der Tür zu dem »Corinthe« und verteidigte, in einer Hand einen Degen, in der andern den Karabiner, die Zurückeilenden gegen die Angreifer. Den Verzweifelten rief er zu:

»Es gibt nur eine Tür, die euch offen ist, diese hier!«

Ein kurzer, wilder Kampf folgte. Die Soldaten wollten nachdrängen, während die Insurgenten sich bemühten, das Tor zu verrammeln. Endlich wurde die Tür so lebhaft zugeschlagen, daß ein Soldat, dessen Hand eingeklemmt wurde, fünf Finger verlor.

Marius war draußen geblieben. Eine Kugel hatte sein Schlüsselbein zerschmettert. Er fühlte noch, wie ihm die Besinnung schwand – dann fiel er. Er hatte die Augen schon geschlossen, als er spürte, wie eine kräftige Hand ihn wieder hochriß. Doch blieb ihm noch die Zeit, an Cosette zu denken und zu begreifen, daß er nun gefangen und füsiliert werden würde.

Als Enjolras sah, daß Marius nicht unter den Leuten war, die sich in das Wirtshaus gerettet hatten, glaubte auch er seinen Freund gefangen und verloren. Aber in solchen Augenblicken bleibt jedem nur die Zeit, an seinen eigenen Tod zu denken. Er verriegelte die Tür und schob die Querstange vor, während Soldaten und Sappeure von draußen mit Äxten und Gewehrkolben an sie schlugen. Jetzt waren alle Angreifer um diese Tür versammelt. Die Belagerung des Wirtshauses begann.