Wir müssen feststellen, daß die Soldaten wütend waren. Der Tod des Artilleriesergeanten hatte sie erbittert. Überdies war, traurig genug, unter ihnen vor Beginn des Sturmes das Gerücht verbreitet worden, die Insurgenten hätten Gefangene verstümmelt. Es hieß sogar, in dem Wirtshaus liege die Leiche eines Soldaten ohne Kopf. Solche gefährlichen Ausstreuungen sind im Bürgerkrieg üblich.
Nachdem die Türe verbarrikadiert war, sagte Enjolras zu den andern:
»Jetzt wollen wir unser Leben so teuer wie möglich verkaufen.«
Wir wollen nur einen kurzen Bericht geben. Die Barrikade war verteidigt worden wie einst die Tore von Theben. Nun kämpfte man um das Wirtshaus wie einst um die Häuser von Saragossa. Der Widerstand war erbittert. Jetzt konnte nicht mehr parlamentiert werden. Man wollte sterben, aber auch töten. Es hieß: nach dem Kampf der Kanonen der aufs Messer. Auch in diesem Kampf fehlte es nicht an Pflastersteinen, die aus den Fenstern geschleudert wurden und den Soldaten furchtbare Wunden zufügten, nicht an tückischen Schüssen aus Mansarden und Gucklöchern, nicht an fürchterlicher Metzelei, als endlich das Tor erbrochen war. Die Belagerer drangen in dem Wirtshaus vor, fanden aber zunächst keinen Verteidiger. Die Treppe war von den Insurgenten mit Äxten abgebrochen worden. Einige Verwundete lagen umher und rangen mit dem Tode. Die übrigen hatten sich in den ersten Stock zurückgezogen und schossen durch Löcher, die sie in die Decke gebrochen hatten, auf die Angreifer herab. Das waren die letzten Kugeln.
Als sie verschossen waren, als es an Pulver und Patronen fehlte, nahm jeder zwei von den Flaschen, die Enjolras zurückgestellt hatte, und bedrohte die Angreifer mit diesen fürchterlichen Keulen. Denn diese Flaschen enthielten Scheidewasser. Es war ein furchtbares Getöse. Obwohl die Angreifer, die aus dem Erdgeschoß in den ersten Stock hinaufschießen mußten, sehr behindert waren, wirkte ihr Feuer mörderisch. Bald waren am Rande des Zugangs über der Treppe Köpfe von Toten zu sehen, aus denen rauchendes Blut herabströmte. Die Sprache besitzt keine Worte, um das Entsetzen zu schildern, das in diesem Raum herrschte. Hier kämpften nicht mehr Menschen gegen Menschen, hier kämpften Teufel gegen Gespenster. Das Heldentum entartete zum Greuel.
Ein nüchterner Orestes und ein betrunkener Pylades
Endlich drangen etwa zwanzig von den Angreifern, Soldaten, Nationalgardisten und Munizipalgardisten bunt durcheinandergemischt, alle bluttriefend und rasend vor Wut, in den ersten Stock ein; an den Trümmern der Wendeltreppe waren sie hinaufgeklettert.
Sie fanden nur noch einen einzigen Mann vor, der aufrecht stand: Enjolras. Er besaß keine Kugeln mehr und keinen Degen. Nur den Lauf einer Flinte, deren Kolben er an dem Schädel eines Angreifers zerschmettert hatte, hielt er in Händen. Er hatte den Billardtisch zwischen sich und die Angreifer gebracht. Jetzt stand er in der Ecke des Saales, stolz, mit erhobenem Haupte, den Stumpf der Waffe in Händen, noch immer so drohend, daß die Angreifer den Abstand von ihm wahrten.
»Das ist der Führer!« wurde gerufen. »Er ist es, der den Artilleristen erschossen hat. Er steht da ganz gut, wir können ihn gleich hier füsilieren.«
»Los!« befahl Enjolras.
Der Mut im Angesicht des Todes läßt keinen Menschen kalt. Auch jetzt, als Enjolras mit gekreuzten Armen vor seinen Feinden stand, verbreitete sich tödliche Stille. Es war ein feierlicher Augenblick. Enjolras schien mit majestätischer Geste seine Feinde zu zwingen, ihn zu töten – aber ehrfürchtig.
Zwölf Mann traten in der entgegengesetzten Ecke des Saales zusammen und legten schweigend an.
Ein Offizier trat vor.
»Wartet!« befahl er. Und zu Enjolras gewendet:
»Sollen wir ihnen die Augen verbinden?«
»Nein.«
Und jetzt war Grantaire erwacht.
Wie der Leser sich erinnert, schlief er seit gestern abend im Oberstock des Wirtshauses auf seinem Stuhl, die scheußliche Mischung aus Absinth, Stout und Branntwein hatte ihn in Betäubung gehalten. Er war buchstäblich betrunken bis zur Fühllosigkeit. Man hatte ihm den Tisch, auf den er sich stützte, gelassen, da er zu klein war, um auf der Barrikade nützlich zu sein. So war der Schläfer in derselben Stellung verblieben, die Brust auf den Tisch gelehnt, den Kopf auf die Arme gestützt, umringt von Gläsern und Flaschen. Nichts hatte ihn wecken können, weder das Gewehrfeuer noch die Kugeln, die in den Oberstock eingedrungen waren, noch das Getöse des Sturms. Wenn ein Kanonenschuß fiel, hatte er zuweilen laut aufgeschnarcht. Es war, als ob er darauf warte, daß eine Kugel ihm den Kummer des Erwachens erspare. Rings um ihn lagen Tote. Als er erwachte, fiel sein erster Blick auf diese Schläfer, die kaum lebloser waren als er selbst.
Getöse weckt einen Betrunkenen nicht, aber plötzliche Stille vermag diese Wirkung zu erzielen. Der Lärm hatte ihn eingewiegt, aber das plötzliche Schweigen scheuchte ihn auf. Grantaire erhob sich, streckte die Arme aus, rieb sich die Augen, gähnte – und begriff.
Das Ende eines Rausches ist wie ein zerreißender Vorhang. Mit einem einzigen Blick überschaut man alles, was er bisher verwahrt hat. Plötzlich ist das Gedächtnis wach. Der Betrunkene weiß nicht, was in den letzten vierundzwanzig Stunden geschehen ist, aber er begreift sofort. Jäh erwacht sein Denken. Die Wirklichkeit bemächtigt sich seiner.
Die Soldaten, ganz von Enjolras in Anspruch genommen, hatten Grantaire nicht beachtet. Als aber der Sergeant jetzt »Legt an!« befahl, hörten alle eine starke Stimme rufen:
»Es lebe die Republik!«
Grantaire war vorgetreten.
Jetzt flammte in seinen Augen die Begeisterung des Kampfes, den er versäumt hatte.
Noch einmal rief er:
»Es lebe die Republik!«
Dann trat er mit sicherem Schritt neben Enjolras.
»Erledigt uns beide mit einem Schuß. Du erlaubst es doch, Enjolras?«
Lächelnd reichte dieser ihm die Hand.
Noch hatte Grantaire die Hand nicht zurückgezogen, noch war das Lächeln von Enjolras’ Zügen nicht gewichen, als der Schuß fiel.
Der Gefangene
Marius war in der Tat gefangen. Er war Jean Valjeans Gefangener.
Der Greis hatte an dem Kampf nur teilgenommen, indem er sich allen Gefahren aussetzte. Er war es, der auch noch im letzten Stadium des Kampfes für die Verwundeten sorgte. Wenn ihm ein Augenblick Zeit blieb, arbeitete er an der Barrikade. Er schoß nie, auch nicht in Selbstverteidigung. Übrigens war er kaum verwundet worden. Die Kugeln schienen ihn zu scheuen. Wenn er in diesem Kampf den Tod gesucht hatte, so war er nicht zum Ziel gekommen.
Im Gewirr des Kampfes schien es zuweilen, als ob er nicht weiter auf Marius achte. Doch ließ er ihn nie aus den Augen. Und als Marius endlich fiel, stürzte Valjean mit der Gewandtheit eines Tigers herbei und schleppte ihn fort.
Die Wut des Angriffs richtete sich in diesem Augenblick auf Enjolras und den Zugang zu dem Wirtshaus. Niemand achtete auf Jean Valjean, der Marius in seinen Armen hielt, den Ohnmächtigen über die Brüstung der Barrikade schleppte und mit ihm um die Ecke bog.
Jetzt blieb Jean Valjean stehen. Er legte Marius nieder und blickte sich um.
Die Situation war fürchterlich.
Für den Augenblick, für einige Minuten vielleicht, wurde er von niemandem beachtet; wie aber sollte er dann dem Gemetzel entgehen?
Nur ein Vogel konnte sich aus solcher Gefahr retten.
Er mußte unverzüglich einen Ausweg finden, einen Entschluß fassen. Einige Schritte von ihm entfernt tobte der wildeste Kampf. Glücklicherweise konzentrierte sich die Erbitterung des Kampfes auf einen einzigen Punkt – die Tür des Wirtshauses. Kam aber auch nur ein einziger Soldat auf den Gedanken, ein paar Schritte weiter zu laufen und um die Ecke des Hauses zu biegen, so war alles vorbei.
Jean Valjean betrachtete das Haus, das vor ihm stand, die Barrikade und den Boden. Es war, als ob er mit seinen Augen ein Loch in die Erde bohren wollte.