Plötzlich bemerkte er, einige Schritte entfernt, unter einer Anhäufung von Pflastersteinen ein Eisengitter, das auf gleicher Höhe mit dem Erdboden lag und aus starken Stangen bestand. Die Einfassung war beim Aufreißen des Pflasters zerstört worden, so daß es lose dalag. Durch das Gitter konnte man durch ein dunkles Loch hinabsehen wie in eine Zisterne.
Jean Valjean trat näher. Seine alte Erfahrung im Entspringen aus Gefängnissen bewirkte, daß blitzhaft ein Gedanke in ihm erwachte. Die behinderlichen Pflastersteine beiseite stoßen, das Gitter emporheben, den ohnmächtigen Marius auf seine Schultern laden, in den tiefen Schacht hinabspringen – alles das war die Sache weniger Sekunden. Im nächsten Augenblick hatte er das Eisengitter wieder über seinen Kopf herabfallen lassen.
Jean Valjean stand mit Marius in einem langen, unterirdischen Korridor. Hier war Friede, Schweigen und Nacht.
Wieder hatte er jene Empfindung, die er ausgekostet hatte, als er damals von der Straße in das Kloster sprang. Nur trug er heute nicht Cosette, sondern Marius.
Wie aus unendlicher Ferne, einem leisen Murmeln gleich, hörte er aus dem Wirtshaus, das eben erstürmt wurde, den Lärm des Kampfes herüber.
Zweites Buch
Im Reich des Kotes
Die Kloake
Jean Valjean befand sich in den Kloaken von Paris.
Der Übergang war unerhört. Eben noch inmitten der Stadt, war er plötzlich, in einem Augenblick, in der Zeit, die man benötigt, ein Gitter zu heben und wieder zufallen zu lassen, aus hellstem Tageslicht in tiefste Finsternis hinabgetaucht, aus furchtbarem Getöse in lautlose Stille, aus entsetzlicher Gefahr in vollkommene Sicherheit.
Der Verwundete bewegte sich immer noch nicht. Jean Valjean wußte nicht, ob er einen Lebenden gerettet oder einen Toten in die Grube getragen hatte.
Das erste Gefühl, das sich seiner bemächtigte, war das der vollständigen Blindheit. Plötzlich sah er nichts mehr. Und zugleich schien es ihm, er sei taub geworden. Nichts fühlte er, als daß er festen Boden unter den Füßen hatte – das war alles, aber für den Augenblick genügte es.
Er streckte erst den linken, dann den rechten Arm aus, betastete zu beiden Seiten das Gemäuer und erkannte, daß er sich in einem engen Gang befand. Da er leicht ausglitt, erriet er, daß der Boden feucht war. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor, denn er befürchtete ein Loch, eine Senkgrube. Aber die Pflasterung setzte nicht aus. Ein widerlicher Kotgeruch ließ ihn erraten, wo er sich befand.
Einige Augenblicke später war er schon nicht mehr blind. Schwaches Licht fiel durch die Öffnung, die auch ihn eingelassen hatte, herab; sein Auge hatte sich an die Finsternis gewöhnt. Er begann Einzelheiten zu unterscheiden. Der Gang, in den er geraten war, war hinter ihm vermauert. Eine Art Sackgasse. Vor sich sah er eine andere Mauer – die Mauer der Dunkelheit. Das spärliche Licht reichte nur zehn oder zwölf Schritte weit. Dann kam die dichteste Finsternis. Und doch mußte Jean Valjean weitergehen, mußte sich sogar beeilen. Das Gitter, das er bemerkt hatte, konnte auch von den Soldaten beachtet werden. Vielleicht stiegen einige durch den Schacht herab und durchsuchten ihn. Keine Minute war zu verlieren. Er hatte Marius auf den Boden gelegt. Jetzt hob er ihn auf, lud ihn auf seine Schultern und begann zu gehen. Entschlossen marschierte er in die Dunkelheit hinein.
Schon nach fünfzig Schritten mußte er haltmachen. Eine Frage drängte sich ihm auf; der Gang mündete hier in einen anderen, der ihn senkrecht schnitt. Nach welcher Seite, nach links oder nach rechts, sollte er weitergehen? Wie sich in diesem Labyrinth der Finsternis orientieren?
Aber dieses Labyrinth hat seinen Ariadnefaden: das Gefälle. Folgte er dem Gefälle, so mußte er an das Ufer der Seine gelangen.
Jean Valjean begriff sofort.
Offenbar befand er sich gerade in den Kanälen unter der Markthalle. Er bog also nach links ab und dachte, er müsse binnen einer Viertelstunde zu einer der Mündungen zwischen dem Pont-au-Change und dem Pont-Neuf gelangen. Plötzlich würde er in einer der belebtesten Gegenden von Paris aus dem Erdboden aufsteigen. Die Passanten würden nicht wenig erstaunt sein, zu ihren Füßen zwei blutbefleckte Menschen auftauchen zu sehen. Es konnte nur einige Sekunden dauern, dann würden die Polizisten und Wachleute herbeieilen. Man war verloren, bevor man ganz aus der Grube aufgestiegen war.
Da war es noch besser, tiefer in das Labyrinth einzudringen und es der Vorsehung zu überlassen, wo man wieder einen Ausgang fände.
Jetzt ging er gegen das Gefälle.
Schon nachdem er die nächste Ecke umgangen hatte, befand er sich in vollkommener Finsternis. Trotzdem ging er weiter und beeilte sich, so gut es ging. Die beiden Arme Marius’ hatte er um seinen Hals gelegt. Die blutig-klebrige Wange des Verwundeten berührte die seine. Er fühlte, wie ein lauer Strom an ihm hinabrieselte und seine Kleider durchdrang. Doch bewies die feuchte Wärme, die von dem Munde des Verwundeten ausströmte, daß er noch lebte.
Der Gang, in den Jean Valjean eingedrungen war, schien breiter als der vorige. Nur mit großer Mühe konnte er vorwärtskommen. Das Regenwasser von gestern war noch nicht abgeflossen und bildete in der Mitte einen Bach, so daß Valjean sich an die Wand pressen mußte, wenn er nicht im Wasser waten wollte.
Es war nicht leicht, sich hier zu orientieren.
Jean Valjean begann mit einem Irrtum. Er glaubte sich unter der Rue Saint-Denis zu befinden. Dort liegt eine alte Steinkloake, die Ludwig XIII. erbauen ließ und die geradeswegs zu dem Sammelkanal führt. Sie hat nur auf der Höhe des alten Wunderhofs, von rechts her, einen Zugang, die Kloake Saint-Martin. Die Galerie der Petite-Truanderie, deren Eingang gleich neben dem »Corinthe« lag, hatte keine Verbindung mit der Kloake von Saint-Denis, sondern führte nach dem Montmartre. In diese Richtung ging jetzt Jean Valjean.
Er marschierte ängstlich besorgt, aber zugleich ruhig, vollends dem Zufall oder der Vorsehung anheimgegeben, weiter.
Und doch bemächtigte sich seiner allmählich das Grauen. Die Dunkelheit, die ihn rings umgab, drang in seine Seele ein. Er durchquerte einen Bezirk der Rätsel. Schauerlich ist es, mitten in Paris am hellen Tag durch die Finsternis zu irren. Jean Valjean mußte seinen Weg finden, ohne ihn zu sehen. In diesem unbekannten Gebiet konnte jeder Schritt der letzte sein. Würde er einen Ausweg finden? Und wenn ja, würde es beizeiten geschehen? Drang er nicht immer tiefer in ein Labyrinth ein, aus dem er sich nie herausfinden konnte? Sollte Marius dem Blutverlust, er aber dem Hunger erliegen? Würden an dieser Stätte des Abscheus nur zwei Skelette, in einen Winkel gekauert, übrigbleiben?
Plötzlich geschah etwas Seltsames. Obwohl er sich immer in der gleichen Richtung bewegt hatte, mußte er bemerken, daß er jetzt nicht mehr stieg. Jetzt kam das Wasser von hinten, nicht mehr von vorn. Er ging abwärts. Was bedeutete das? Näherte er sich wieder der Seine? Das bedeutete Gefahr, aber zurückzugehen schien noch unmöglicher.
Er marschierte weiter.
Aber es war nicht die Seine, der er sich näherte. Der Erdboden des Teils von Paris, der am rechten Ufer liegt, ergießt seine Gewässer nur zur Hälfte in die Seine, zur anderen aber in eine große Kloake. Der Kamm dieser Wasserscheide bildet eine recht unregelmäßige Linie. Auf seiner Höhe, in der Kloake des Louvre, befand sich jetzt Jean Valjean. Er wandte sich nach der Gürtelkloake und befand sich, ohne es selbst zu wissen, auf dem rechten Weg.
Bald bemerkte er auch, daß er nicht mehr in dem von der Rebellion betroffenen Stadtviertel war: dort hatten die Barrikaden den Verkehr gedrosselt. Jetzt befand er sich unter dem lebendigen, alltäglichen Paris. Über seinem Kopf hörte er, wie aus weiter Ferne, das Rollen der Wagen.