So wanderte er wohl schon seit einer halben Stunde, soweit er selbst die Zeit bestimmen konnte, ohne an Ruhe zu denken. Nur hatte er Marius auf die andere Schulter gelegt. Die Finsternis war tiefer als je, aber gerade sie beruhigte ihn jetzt.
Nach einer kurzen Strecke stieß er auf einen Nebenkanal, der offenbar von der Madeleine herüberkam. Hier machte er halt, denn er war todmüde. Ein ziemlich geräumiges Luftloch läßt hier von der Rue d’Anjou Licht herein. Jean Valjean legte Marius sanft auf eine Steinbank. Das blutige Gesicht des Jünglings glich im weißen Licht dem eines Toten. Er hatte die Augen geschlossen, die Haare klebten an den Schläfen und glichen denen eines vertrockneten, in rote Farbe getauchten Pinsels; die Hände hingen schwer und schlaff herab. In den Mundwinkeln hatte er geronnenes Blut. Auch der Knoten des Halstuchs war blutverklebt. Das Hemd scheuerte die Wunden, der rauhe Stoff des Rockes rieb das bloße Fleisch. Vorsichtig löste Jean Valjean die Kleidung von der Haut ab und legte seine Hand auf Marius’ Brust. Das Herz schlug noch. Jean Valjean zerriß sein Hemd, verband die Wunden so gut er konnte und stillte das Blut. Dann neigte er sich im Halbdunkel über den noch immer bewußtlosen Marius und betrachtete ihn mit unaussprechlichem Haß.
Während er die Kleider Marius’ durchsucht hatte, waren ihm zwei wichtige Dinge in die Hände gekommen: das Brot, das hier seit gestern vergessen worden war, und Marius’ Portefeuille. Er aß das Brot und warf einen Blick in das Portefeuille. Auf der ersten Seite fand er Marius’ Notiz, deren sich der Leser wohl erinnert und aus der hervorging, daß er Marius Pontmercy hieß und wünsche, sein Leichnam möge zu seinem Großvater, Herrn Gillenormand, in die Rue des Filles-du-Calvaire gebracht werden.
Jean Valjean las das Blatt, blieb einen Augenblick lang nachdenklich stehen und wiederholte leise: Gillenormand, Rue des Filles-du-Calvaire Nr. 6. Dann schob er das Portefeuille in Marius’ Tasche. Er hatte gegessen und fühlte sich gestärkt. Also lud er Marius wieder auf seinen Rücken, stützte den Kopf des Ohnmächtigen auf seine rechte Schulter und begann in der Kloake weiter vorzudringen.
Diese Sammelkloake, die dem Talweg von Ménilmontant folgt, ist fast zwei Meilen lang. Beinahe in ihrer ganzen Länge ist sie gepflastert.
Plötzlich aber geriet Jean Valjean in fürchterliche Gefahr.
Das Loch
Er fühlte, daß er in Wasser trat. Jetzt hatte er nicht mehr Pflaster, sondern Schlamm unter den Füßen.
Jean Valjean war in ein Schlammloch geraten.
Es verdankte seine Entstehung dem Wolkenbruch von gestern abend. Das von dem darunterliegenden Sande schwach gestützte Pflaster hatte nachgegeben, die Wassermengen waren eingedrungen und hatten den Boden zum Schwellen gebracht. Das Kanalbett barst und versank in Schlamm.
Wie weit diese gefährliche Strecke war, ließ sich nicht ermessen. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Es war ein Kotloch in einer finsteren Höhle.
Jean Valjean fühlte, wie der Boden unter ihm wich. Dennoch drang er weiter in den Bereich des Kotes vor. Er watete in tiefem Wasser, auf dessen Grunde Schlamm war. Zurückgehen war ja unmöglich. Marius lag im Sterben, und Jean Valjean war erschöpft. Auch schien es bei den ersten Schritten, daß das Loch nicht allzu tief war. Aber bald sank er bis zum halben Bein ein, und das Wasser stieg über die Knie. Jetzt hielt er Marius auf beiden Armen, so hoch er konnte. Der Wasserspiegel hob sich bis zum Gürtel. Es gab kein Zurück. Immer weiter drang Jean Valjean vor. Vielleicht hätte der dicke Schlamm das Gewicht eines Mannes getragen, aber zwei Leute waren zu schwer. Marius und Jean Valjean, jeder für sich, hätten der Gefahr entrinnen können.
Und Jean Valjean schritt weiter, den Sterbenden – oder war es schon eine Leiche? – hoch über sich tragend.
Jetzt stieg ihm das Wasser bis über die Achselhöhlen. Er stand schlecht und mußte befürchten, umgerissen zu werden. Auch die Dichtigkeit des Sandes behinderte ihn. Mit äußerster Kraft hob er Marius hoch. Jetzt hatte er nur mehr noch den Kopf über dem Wasserspiegel.
Mit einer verzweifelten Anstrengung stieß er den Fuß vor – und faßte Boden. Ihm war, als ob er die erste Stufe einer Treppe, die zum Leben führte, erreicht hätte.
Die Stütze, die er im kritischen Augenblicke gefunden hatte, war ein Stück des Kanalbettes, das zwar gesunken, aber nicht zerbrochen war. Es stellte jetzt eine Art Rampe dar, auf der Jean Valjean auf die andere Seite des Loches gelangen konnte.
Als er aus dem Wasser stieg, taumelte er und fiel auf die Knie. Er fand, diese Haltung sei im Augenblick die richtigste, und blieb einen Moment im Gebet versunken.
Dann stand er wieder auf, schauernd unter der Eiseskälte, von der Last des Sterbenden gebeugt, triefend von Kot – aber die Seele von himmlischem Licht erleuchtet.
Das Ende der Kloake
Wieder machte er sich auf den Weg.
Es war, als ob er seine Kraft in dem Schlammloch gelassen hätte. Er war erschöpft von der furchtbaren Anstrengung. So müde war er, daß er alle drei oder vier Schritte gezwungen war, Atem zu schöpfen und sich an die Wand zu lehnen.
Verzweifelt drang er wieder hundert Schritte vor, ohne sich umzublicken. So war er an eine Biegung der Kloake gelangt und stand plötzlich am Ende des Ganges. Vor sich sah er, noch weit entfernt, Licht.
Das Licht des Tages. Den Ausgang.
Jetzt spürte Jean Valjean keine Müdigkeit mehr. Das Gewicht Marius’ lastete nicht mehr auf ihm. Wieder waren seine Beine von Stahl. Er lief beinahe. Je näher er kam, um so deutlicher erkannte er die Öffnung.
Im nächsten Augenblick hatte er den Ausgang erreicht.
Hier blieb er stehen.
Es war wohl ein Ausgang, aber er war unbenützbar.
Ein starkes Gitter versperrte die Bogentür, ein Gitter, das allem Anschein nach sich nur selten in seinen stark oxydierten Angeln drehte. An der Steineinfassung hing eines jener dicken, verrosteten Schlösser, die man im alten Paris so gern benützte.
Jenseits des Gitters frische Luft, der Fluß, hellichter Tag, ein schmaler Weg, der immerhin genügte, um sich auf ihm fortzubewegen, in der Ferne Paris – die Freiheit.
Er befand sich an einer der einsamsten Gegenden der Stadt, an dem Ufer gegenüber dem Gros-Caillou. Fliegen schwirrten durch das Gitter.
Es mochte neun Uhr abends sein. Der Tag ging zu Ende.
Jean Valjean legte Marius längs der Wand auf eine trockene Stelle des Bodens, trat an das Gitter und rüttelte mit den Fäusten daran. Es rührte sich nicht. Jean Valjean nahm eine der Stangen nach der anderen vor, hoffte eine zu lockern oder das Schloß abzureißen. Aber die Stangen saßen fest wie die Zähne eines Tigers. Es war unmöglich, die Tür zu öffnen.
Alles war zu Ende. Jean Valjean hatte sich unnütz geplagt. Gott wollte nicht, daß er gerettet wurde.
Ein abgerissener Fetzen Tuch
Während er in tiefster Niedergeschlagenheit dasaß, griff eine Hand nach seiner Schulter und eine leise Stimme sagte:
»Halbpart!«
Jean Valjean glaubte zu träumen.
Er blickte auf, ein Mann stand vor ihm.
Dieser Mensch trug eine Arbeiterbluse und ging barfuß; seine Schuhe trug er in der linken Hand. Offenbar hatte er sie ausgezogen, um unbemerkt näher kommen zu können.
Jean Valjean zögerte einen Augenblick. Diese Begegnung kam ihm unerwartet, aber den Mann kannte er. Es war Thénardier.
Auf der Stelle gewann er seine Geistesgegenwart wieder. Auch konnte sich die Lage, in der er sich befand, kaum noch verschlimmern, denn es gibt einen Grad des Entsetzlichen, der kein Crescendo kennt. Auch ein Thénardier konnte die Dunkelheit der Nacht nicht mehr verfinstern.
Jean Valjean merkte sofort, daß der Bandit ihn nicht erkannte.
Thénardier brach das Schweigen.
»Wie willst du hier rauskommen?«
Jean Valjean antwortete nicht.