»Du wirst diese Tür nicht aufbringen. Aber du willst doch raus?«
»Natürlich.«
»Gut, Halbpart.«
»Was soll das?«
»Du hast den Mann da umgebracht. Gut. Ich habe den Schlüssel. Ich kenne dich nicht, aber ich werde dir helfen. Du scheinst einer von den Freunden zu sein.«
Jean Valjean begann zu begreifen. Thénardier hielt ihn für einen Mörder.
»Hör, Kamerad«, fuhr dieser fort, »du hast diesen Kerl doch nicht umgebracht, ohne dir vorher seine Taschen anzusehen. Gib mir die Hälfte, dann öffne ich dir die Tür.«
Er zog einen großen Schlüssel aus seiner zerfetzten Bluse.
Jean Valjean war vollkommen verblüfft. Die Vorsehung hatte hier eine scheußliche Gestalt angenommen, der Rettungsengel hatte sich als Thénardier verkleidet.
Thénardier fuhr jetzt mit der Hand in seine Tasche und zog einen langen Strick hervor.
»Da, den Strick geb ich auch noch drauf.«
»Was soll mir der Strick?«
»Dann brauchst du auch noch einen Stein, aber den findest du draußen. Daran ist hier kein Mangel.«
»Aber was soll ich mit dem Strick und dem Stein?«
»Trottel, du willst doch den Kerl ins Wasser werfen! Dazu brauchst du einen Strick und einen Stein, sonst schwimmt er.«
Jean Valjean nahm den Strick. Seine Gebärde war fast mechanisch.
Jetzt schnippte Thénardier mit den Fingern, als ob ihm ein plötzlicher Gedanke käme.
»Übrigens, wie bist du über das Schlammloch gekommen, Kamerad? Ich hab mich nicht darüber getraut. Puh, du riechst aber nicht fein!«
Und da er keine Antwort bekam, fuhr er fort:
»Ach, ich frage immer, und du antwortest nicht. Sehr gescheit. Du bereitest dich auf das Viertelstündchen vor dem Untersuchungsrichter vor. Wer nichts sagt, plaudert auch nichts aus. Aber sei unbesorgt, ich kann in dieser Finsternis dein Gesicht nicht erkennen und weiß auch nicht, wie du heißt. Darum ist es doch unrecht von dir, zu glauben, daß ich nicht weiß, wer du bist und was du willst. Wir kennen uns. Du hast diesen Herrn da kaltgemacht, und jetzt möchtest du ihn irgendwo verschwinden lassen. Du suchst den Fluß, in dem ja jede Dummheit untertaucht. Ich werde dich aus der Verlegenheit retten. Einem braven Kerl in der Not beistehen, das ist ganz nach meinem Geschmack.«
Obwohl er Jean Valjean ermuntert hatte zu schweigen, wollte er ihn doch offensichtlich zum Sprechen bringen.
»Übrigens, weil wir von dem Schlammloch sprechen, du bist doch ein rechtes Vieh, warum hast du den Kerl nicht da hineingeschmissen?«
Noch immer schwieg Jean Valjean.
Thénardier rückte den Fetzen, der ihm als Halstuch diente, bis an den Adamsapfel vor, wodurch sein gewichtiges Aussehen noch gewann, und fuhr fort:
»Übrigens warst du ganz gescheit. Vielleicht. Morgen kommen die Arbeiter, säubern das Loch und finden unweigerlich den Burschen da. Schritt für Schritt kommt man dir auf die Spur, und schwupps bist du gefangen. Jemand ist durch die Kloaken gegangen. Wer? Wo ist er herausgekommen? Hat ihn jemand beobachtet? Die Polizeileute haben viel Witz. Zum Schluß wird die Kloake zum Verräter. Ein solcher Fund ist eine Seltenheit, der Aufsehen erregt, denn es ist unter uns nicht Mode, die Geschäfte hier abzumachen. Der Fluß wird allgemein vorgezogen. Er ist das richtige Massengrab. Nach einem Monat fischen sie einen wohl bei Saint-Cloud heraus, aber wer kümmert sich darum? Wer hat dieses Aas da getötet? Nun, Paris. Das ist keine Spur, der die Justiz nachläuft, Weiß Gott, du hast es ganz gut angefangen. Aber jetzt wollen wir zur Sache kommen. Teilen wir. Du hast den Schlüssel gesehen, zeige mir nun auch das Geld.«
Thénardier sah tückisch und bösartig aus, fast drohend, sprach aber noch immer freundschaftlich.
»Na, wieviel hatte der Kerl in den Taschen?«
Als Jean Valjean gestern abend die Nationalgardistenuniform angelegt hatte, war es ihm nicht in den Sinn gekommen, Geld einzustecken. So fand er nur in seiner Westentasche einige Münzen. Er entleerte sie jetzt vor Thénardiers Augen auf der Steinbank, es waren ein Louisdor, zwei Fünffranken und fünf oder sechs Sousstücke.
Thénardier schob die Unterlippe verächtlich vor.
»Wenig für einen Mord«, meinte er.
Dann begann er, ganz gemütlich Jean Valjeans und Marius’ Taschen durchzusuchen. Valjean ließ es geschehen. Während er den Rock Marius’ durchwühlte, riß er unauffällig einen Fetzen Stoff ab, den er aufbewahrte, um vielleicht später einmal an diesem Zeichen den Mörder oder Ermordeten wiederzufinden. Geld fand er allerdings nicht.
»Wahrhaftig«, sagte er, »mehr ist nicht da.«
Er vergaß, daß er halbpart vorgeschlagen hatte, und nahm das Ganze.
Erst als er die Sous in die Finger bekam, zögerte er. Endlich nahm er auch sie, wenn er auch murrte:
»Na, dem hast du den Tod zu billig geliefert. Schluß, Freund, du willst raus. Hier ist es wie auf dem Markt. Du hast bezahlt, du kannst gehen.«
Und er begann zu lachen.
Die Tür öffnete sich lautlos. Offenbar war sie gut geölt und wurde öfter benützt, als es den Anschein hatte.
Thénardier öffnete die Tür halb, ließ Jean Valjean durch, schloß sie dann wieder und drehte den Schlüssel zweimal herum. Im nächsten Augenblick war er lautlos verschwunden.
Jean Valjean stand im Freien.
Marius wird von einem, der sich darauf versteht, für tot gehalten
Sekundenlang war Jean Valjean bezaubert von der erhabenen, köstlichen Freiheit rings um ihn. Es gibt Minuten der Selbstvergessenheit. Selbst das Leiden setzt aus, der Gedanke ruht, Friede zieht ein in die Seele des Sinnenden. So konnte auch Jean Valjean nicht umhin, in die Klarheit des Nachthimmels hinaufzublicken, der sich schweigend über ihm ausbreitete.
Plötzlich erwachte lebhaft in ihm das Gefühl einer Pflicht, die er auf sich genommen hatte. Er beugte sich über Marius, goß aus seiner hohlen Hand Wasser über sein Gesicht; aber die Lider des Verwundeten hoben sich nicht. Nur sein halbgeöffneter Mund atmete immer noch.
Eben wollte Jean Valjean zum zweitenmal die Hand in den Fluß tauchen, als er plötzlich ein Unbehagen empfand, wie man es wohl verspürt, wenn man – auch ohne es zu sehen – fühlt, daß jemand hinter uns steht.
Er wandte sich um.
Wirklich stand jemand da, ein hochgewachsener Mann in einem langen Überrock, der die Arme verschränkt hatte und in der Rechten einen Totschläger hielt. Er stand nur wenige Schritte hinter Jean Valjean, der sich über Marius beugte.
Jean Valjean erkannte Javert.
Der Polizeiinspektor hatte sich, nachdem er wider Erwarten von der Barrikade entlassen worden war, nach der Präfektur begeben, um persönlich dem Präfekten in einer kurzen Audienz Bericht zu erstatten. Dann hatte er sofort wieder seinen Dienst angetreten und sich darangemacht, das Gebiet des rechten Flußufers auf der Höhe der Champs-Elysées, das seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Polizei erregte, zu durchforschen. Er war Thénardier begegnet und nachgegangen.
Jean Valjean war aus dem Regen in die Traufe gekommen. Zwei solche Begegnungen auf einmal, erst Thénardier, dann Javert – es war hart.
Javert erkannte Jean Valjean nicht, denn er war durch die furchtbaren Anstrengungen des letzten Tages vollkommen entstellt. So begnügte sich der Polizist, mit einer kaum bemerkbaren Bewegung den Totschläger fester zu umfassen und kurz, aber ruhig zu fragen:
»Wer sind Sie?«
»Ich.«
»Wer ist das, ich?«
»Jean Valjean.«
Javert nahm den Totschläger zwischen die Zähne, beugte sich vor, legte seine gewaltigen Hände auf Jean Valjeans Schultern, hielt ihn fest wie in einem Schraubstock und starrte ihm ins Gesicht. Die beiden Köpfe berührten einander fast. Javerts Blick war fürchterlich.
Jean Valjean blieb regungslos unter Javerts Griff, wie ein Löwe, der sich von einem Luchs packen ließ.