»Inspektor Javert«, sagte er endlich, »ich bin in Ihrer Hand. Übrigens betrachte ich mich ja seit heute morgen als Ihren Gefangenen. Ich habe Ihnen meine Adresse nicht gegeben, um auszureißen. Ich bitte Sie nur um eine Vergünstigung.«
Javert schien nicht zu hören. Sein starrer Blick war auf Valjean gerichtet. Das hochgezogene Kinn drängte die Lippen aufwärts – Zeichen intensivsten Nachdenkens. Endlich ließ er Jean Valjean los, richtete sich auf und fragte leise:
»Was tun Sie hier? Wer ist dieser Mann, und was haben Sie mit ihm zu schaffen?«
Auch jetzt duzte er Jean Valjean nicht. Dieser antwortete:
»Von ihm wollte ich gerade sprechen. Mit mir können Sie tun, was Sie wollen, aber helfen Sie mir erst, ihn nach Hause zu bringen. Sonst verlange ich nichts von Ihnen.«
Javerts Gesicht verzog sich krampfhaft wie immer, wenn jemand ihn einer Nachgiebigkeit für fähig hielt. Aber er lehnte nicht ab. Wieder beugte er sich vor, zog ein Tuch aus der Tasche, tauchte es in das Wasser und wischte das Blut von Marius’ Stirn.
»Dieser Mann war auf der Barrikade«, sagte er leise, als ob er mit sich selbst spräche, »es ist der, den sie Marius nannten.«
Dieser Mann, der seinem ganzen Wesen nach Spitzel war, hatte sogar in einer Stunde, die er für seine letzte hielt, alles beobachtet, alles gehört und im Geiste vorbemerkt. Er hatte im Todeskampf, gewissermaßen auf der ersten Stufe jener Treppe, die zum Grabe hinabführt, noch Beobachtungen gesammelt.
Jetzt nahm er Marius’ Hand und fühlte den Puls.
»Er ist schwer verwundet«, sagte Jean Valjean.
»Er ist tot«, erwiderte Javert.
»Nein. Noch nicht.«
»Sie haben ihn also von der Barrikade hierhergebracht?« Seine Gedanken mußten ihn sehr in Anspruch nehmen, daß er über diese merkwürdige Flucht quer durch die Kloaken von Paris nicht näheren Bescheid verlangte. So bemerkte er nicht einmal, daß Jean Valjean schwieg. Dieser schien seinerseits nur einen einzigen Gedanken zu haben.
»Er wohnt im Marais«, sagte er. »Rue des Filles-du-Calvaire, bei seinem Großvater. Den Namen habe ich vergessen.«
Jean Valjean suchte in Marius’ Rock, zog das Portefeuille heraus, schlug es auf und reichte es Javert.
Es war gerade hell genug, daß Javert, dessen Augen übrigens an die Nacht gewöhnt waren wie die gewisser Vögel, mit einiger Mühe lesen konnte.
»Gillenormand, Rue des Filles-du-Calvaire Nr. 6.«
»Kutscher.«
Er hatte in der Nähe eine Droschke warten lassen.
Das Portefeuille Marius’ behielt er bei sich.
Einen Augenblick später kam ein Wagen an der Rampe, die zur Tränke führt, herab, Marius wurde auf den Rücksitz gelegt, Javert setzte sich neben Jean Valjean auf den Vorderplatz.
Bald fuhr die Droschke im Trab davon, immer an den Quais entlang, in der Richtung nach der Bastille.
Endlich verließ sie das Ufer und bog in die Straßen ein. Der Kutscher, eine schwarze Silhouette auf seinem Bock, trieb seine mageren Gäule mit der Peitsche an. Eisiges Schweigen herrschte im Wagen. Marius lag unbeweglich, den Rumpf in die Ecke des Rücksitzes gepreßt, den Kopf auf die Brust herabgeneigt, mit herabfallenden Armen und steifen Beinen; er schien nur mehr auf den Sarg zu warten. Valjean schien ein Schatten, Javert ein Stein zu sein. Sooft das Gefährt an einer Laterne vorüberkam, fiel ein Lichtschein flüchtig in das Innere der Droschke und beleuchtete düster diese unheimliche Gesellschaft unbeweglicher Gestalten: einen Leichnam, ein Gespenst und eine Statue.
Rückkehr des verlorenen Sohnes
Es war schon stockdunkel, als die Droschke vor dem Hause Nr. 6 der Rue des Filles-du-Calvaire hielt.
Javert stieg als erster aus, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß die Nummer über dem Haustor stimmte, hob dann den schweren Eisenklöppel, der nach alter Mode mit zwei mythologischen Gestalten, einem Bock und einem Satyr, verziert waren, und pochte. Als die Tür sachte geöffnet wurde, stieß Javert sie vollkommen auf. Der gähnende, verschlafene Pförtner stand mit einer Kerze in der Hand auf der Schwelle.
Schon hatten Jean Valjean und der Kutscher Marius aus der Droschke gehoben. Im Tragen fühlte Jean Valjean nach der Brust des jungen Mannes und vergewisserte sich, daß das Herz noch schlug. Ihm schien sogar, daß es jetzt lebhafter schlug, vielleicht infolge der Fahrt in dem rüttelnden Wagen.
Javert redete den Portier an, wie die Behörde den Bediensteten eines Aufwieglers anspricht.
»Einer im Haus, der Gillenormand heißt?«
»Ja. Was wollen Sie von ihm?«
»Wir bringen ihm seinen Sohn.«
»Seinen Sohn?« fragte der Portier verblüfft.
»Ja. Er ist tot. Er war auf der Barrikade. Hier ist er.«
»Auf der Barrikade!« schrie der Pförtner auf.
»Da hat er sich totschießen lassen. Wecken Sie den Vater.«
Der Pförtner rührte sich noch immer nicht.
»Los, gehen Sie doch!« schrie jetzt Javert, »morgen gibt es hier ein Leichenbegängnis.«
In Javerts Denkungsweise hatten sich die Dinge, die auf öffentlichen Plätzen passieren können, in gewisse Kategorien eingeordnet, die es ihm erlaubten, alles in seinem Gedächtnis übersichtlich anzuordnen. Jede Möglichkeit hatte gewissermaßen ihr Schubfach, aus dem sie, nur der Menge nach abänderlich, entnommen werden konnte. Auf der Straße konnten sich seiner Ansicht nach nur Krawall, Rebellion, Karneval und Leichenbegängnis ereignen.
Der Pförtner begnügte sich, Baske zu wecken. Baske weckte Nicolette, Nicolette Tante Gillenormand. Den Großvater ließ man schlafen, denn man meinte, er werde die Sache immer noch rechtzeitig erfahren.
Marius wurde in aller Stille in den ersten Stock getragen und auf ein altes Kanapee gelegt, das im Vorzimmer des Herrn Gillenormand stand. Während Baske um einen Arzt und Nicolette nach dem Wäscheschrank lief, fühlte Jean Valjean, daß Javert seine Schulter berührte. Er begriff und folgte dem Polizisten.
Der Pförtner sah sie gehen, wie er sie kommen gesehen hatte, noch immer ganz benommen. Sie stiegen wieder in die Droschke.
»Inspektor Javert«, sagte Jean Valjean jetzt, »gewähren Sie mir noch eine Bitte.«
»Was?« fragte Javert schroff.
»Lassen Sie mich einen Augenblick nach Hause gehen, dann komme ich mit Ihnen.«
Javert blieb einige Augenblicke in Gedanken versunken, das Kinn in den Kragen seines Rocks gebohrt; dann rief er:
»Kutscher, Rue de l’Homme Armé Nr. 7!«
Erschütterung des Absoluten
Während der ganzen Fahrt sprachen die beiden nicht.
Als die Droschke an der Ecke der Rue de l’Homme Armé hielt, weil die Einfahrt für einen Wagen zu schmal war, stiegen Jean Valjean und Javert aus. Der Polizist entließ die Droschke. Jean Valjean dachte, daß er ihn wohl zu Fuß nach dem Kommissariat der Blancs-Manteaux führen wolle.
Sie gingen in die Straße hinein, die wie gewöhnlich vollkommen menschenleer war. Vor Nr. 7 blieben sie stehen. Jean Valjean klopfte. Es wurde geöffnet.
»Gut«, sagte Javert, »gehen Sie hinein.«
Und mit einer seltsamen Betonung, als ob er nur mühsam etwas Derartiges über die Lippen brächte, fügte er hinzu:
»Ich erwarte Sie hier.«
Jean Valjean streifte ihn mit einem Blick. Dieses Betragen entsprach so wenig Javerts Gewohnheit! Doch durfte man sich nicht so sehr darüber wundern, konnte darin eher ein hochmütiges Vertrauen erblicken, etwa das Vertrauen der Katze, die eine Maus für einen Augenblick aus dem Bereich ihrer Tatzen entläßt. Jean Valjean trat ein, rief dem Pförtner zu, daß er es sei, und stieg die Treppe hinauf.
Als er den Absatz des ersten Stockwerks erreichte, blieb er stehen. Jeder Schmerzensweg hat seine Station.
Sei es, um frische Luft zu schöpfen, sei es aus unbewußter Regung, trat Jean Valjean an das Fenster und beugte sich hinaus. Im nächsten Augenblick war er maßlos erstaunt.