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Da unten war niemand.

Javert war fortgegangen.

Der Großvater

Baske und der Pförtner hatten Marius, der sich immer noch nicht regte, in den Salon getragen. Inzwischen war der Arzt gekommen und Tante Gillenormand aufgestanden. Sie lief erschrocken auf und ab, rang die Hände und war außerstande, etwas anderes zu sagen als: »Großer Gott, ist so etwas denn möglich?!« Oder sie jammerte: »Alles wird Blutflecken abbekommen – die ganzen Bezüge!«

Als sie den ersten Schrecken überwunden hatte, schien sich ihr Geist einigermaßen zum Verständnis der Situation durchzuringen, und sie rief:

»So mußte es kommen!« Es fehlte nur noch, daß sie, wie es bei solchen Gelegenheiten ja üblich ist, darauf hinwies, sie habe es ja vorausgewußt.

Der Arzt untersuchte Marius, stellte fest, daß der Puls noch schlug und daß der Verwundete an der Brust keine tiefere Wunde hatte. Das Blut in den Mundwinkeln kam aus den Nasenlöchern. Jetzt ließ er den Verwundeten auf das Bett zurücklegen, das Kissen wegnehmen und den Kopf tiefer betten als den Körper, um die Atmung zu erleichtern. Fräulein Gillenormand zog sich, als sie sah, daß Marius entkleidet wurde, zurück, eilte in ihr Zimmer und nahm den Rosenkranz vor.

Der Rumpf zeigte keine schwere Verletzung. Eine Kugel war durch das Portefeuille aufgehalten worden und hatte, indem sie an den Rippen entlang vordrang, das Fleisch furchtbar aufgerissen, aber keine tiefe, gefährliche Wunde verursacht. Der lange Transport durch das unterirdische Paris hatte allerdings zur Folge gehabt, daß das zerschmetterte Schlüsselbein vollkommen entzweigegangen war. Das gab Veranlassung zu ernster Besorgnis. Der Arm zeigte zahlreiche Wunden, die von Säbelhieben herrührten. Im Gesicht war sonst keine Verletzung, doch war der Kopf ganz zerhackt. Ob diese Wunden tiefer gingen, ließ sich im Augenblick nicht feststellen. Bedenklich war nur, daß sie offenbar die Ohnmacht des Patienten verursacht hatten. Aus solcher Ohnmacht erwacht man zuweilen nicht mehr. Überdies hatte der Blutverlust den Verwundeten sehr erschöpft. Der untere Teil des Körpers war vollkommen unverletzt, da er durch die Barrikade geschützt gewesen war.

Baske und Nicolette zerrissen alte Wäschestücke und bereiteten Verbände vor. Da man keine Scharpie zur Verfügung hatte, benützte der Arzt zur Stillung des Blutes Watte. Neben dem Bett brannten drei Kerzen auf einem Tisch, auf dem der Arzt sein chirurgisches Besteck vorbereitet hatte.

Der Arzt schien wenig Hoffnung zu haben. Zuweilen schüttelte er den Kopf, als ob er eine Frage verneine, die er sich selbst gestellt hatte.

In dem Augenblick, als der Arzt das Gesicht des Patienten abtrocknete und leicht mit den Fingerspitzen die noch immer geschlossenen Lider berührte, ging die Tür des Salons auf, und eine lange, weiße Gestalt erschien.

Es war der Großvater.

Er sah das Bett und den blutüberströmten jungen Mann auf der Matratze, die geschlossenen Augen, den offenen Mund, die fahlen Lippen – sah den entblößten Körper und die roten Wundmale im grellen Licht der Kerze.

Vom Kopf bis zum Fuß durchlief ihn ein furchtbarer Schauder; seine Augen, deren Hornhaut bereits vom Alter gelb geworden war, bekamen einen gläsernen Glanz. Im nächsten Augenblick glich der Schädel einem unheimlichen Totenkopf. Die Arme fielen schlaff herab, die zitternden Finger spreizten sich, die Knie knickten ein.

»Marius!« stammelte er.

»Gnädiger Herr«, sagte Baske, »man hat uns Herrn Marius eben gebracht. Er war auf der Barrikade und …«

»Ach, er ist tot«, schrie der Greis mit furchtbarer Stimme. »Oh, dieser Bandit!«

Eine seltsame Verwandlung ging in ihm vor; der Hundertjährige wurde zum jungen Mann.

»Herr«, rief er, »Sie sind doch der Arzt? Sagen Sie mir – er ist doch tot, nicht wahr?«

Betreten schwieg der Arzt.

Gillenormand begann furchtbar zu lachen. Er lachte und rang zugleich die Hände.

»Tot ist er, auf den Barrikaden hat er sich totschießen lassen! Und nur aus Haß gegen mich! Gegen mich hat er das getan! Oh, dieser Bluthund – so kommt er zurück! Er ist tot!«

Er trat ans Fenster, riß es weit auf, als ob er zu ersticken fürchte, beugte sich hinaus und begann in die finstere Nacht hinauszurufen.

»Zerstochen, niedergeschlagen, erwürgt, in Stücke gerissen! So muß er enden, der Bandit! Und dabei wußte er ganz gut, daß ich ihn erwartete, daß ich sein Zimmer immer für ihn bereithalten ließ, daß ich sein Kinderbild auf meinem Nachtschrank aufgestellt habe! Er wußte ganz gut, daß er nur wiederzukommen brauchte, daß ich mich seit Jahren nach ihm sehnte und jeden Abend mit den Händen auf meinen Knien am Kamin saß und nicht wußte, was ich tun sollte! Daß ich vor Sehnsucht zuletzt ganz dumm war! Du wußtest es, du brauchtest nur hierherzukommen und zu sagen: da bin ich, und du warst der Herr dieses Hauses, hättest mir auf der Nase herumtanzen dürfen, hättest mit diesem Trottel von Großvater tun können, was du wolltest. Oh, du hast es gewußt, aber du hast gesagt: nein, er ist einer von den Royalisten, zu ihm gehe ich nicht! Dafür bist du auf die Barrikade gegangen, hast dich töten lassen – aus purer Niedertracht! Nur um dich zu rächen, weil ich dir meine Meinung gesagt hatte! Ist das nicht gemein? So, legt euch nur ins Bett und schlaft ruhig – dann weckt man euch auf und sagt: er ist tot, weiter nichts.«

Der Arzt begann nun auch für den Greis zu fürchten und trat zu Gillenormand. Aber der Alte sah ihn ruhig, mit großen, blutunterlaufenen Augen an und sagte:

»Ich danke Ihnen, Herr, ich bin ruhig, ich bin ein Mann, ich habe Ludwig XVI. sterben gesehen und verstehe mich darauf, das Unvermeidliche zu ertragen. Das Schlimmste ist, daß ich immer denken muß: eure verfluchten Zeitungen richten das alles an. Seit wir diese Tintenkleckser, Zungendrescher, Advokaten, Schwätzer, diese Debattierer, all das verlogene Zeug, Fortschritt, Aufklärung, Menschenrechte, Pressefreiheit und dergleichen haben, bringt man unsere Kinder so nach Hause! Ach, es ist fürchterlich! Marius vor mir tot! O dieser Bandit! Doktor, Sie wohnen hier in der Gegend, glaube ich? Oh, ich kenne Sie wohl, oft sehe ich Ihren Wagen vorbeifahren. Ich will Ihnen etwas sagen: Sie dürfen nicht glauben, daß ich wütend bin. Man zürnt einem Toten nicht. Es wäre ja blöde. Ich habe diesen Jungen erzogen. Ich war schon reichlich alt und er noch ganz klein. In den Tuilerien spielte er mit seinem kleinen Spaten, und ich habe immer, damit der Inspektor nicht schelten sollte, mit meinem Stock die Löcher zugescharrt, die er in die Erde grub. Eines Tages stellt er sich vor mich hin und schreit: Nieder mit Ludwig XVIII.! – und dann ist er gegangen. Es war nicht meine Schuld. Er war ganz rosig und blond. Seine Mutter ist tot. Haben Sie bemerkt, daß alle kleinen Kinder blond sind? Woher das nur kommt? Und dabei ist er der Sohn eines Loireräubers, aber die Kinder sind ja unschuldig an den Verbrechen der Väter. Ich erinnere mich noch, wie er ganz klein war. Damals konnte er nie das ›D‹ aussprechen. Einmal, vor der Statue des Ercole Farnese, gab es einen kleinen Auflauf – alle Leute blieben stehen und sahen das hübsche Kind an. Es war ein Kopf, wie man ihn nur auf Bildern sieht. Ich fuhr den Jungen manchmal grob an, drohte ihm sogar mit dem Stock, aber er wußte schon, daß ich es nicht ernst meinte. Wenn er nur morgens zu mir ins Zimmer kam, war es schon licht – wenn ich auch leicht lospolterte! Man ist ja ganz wehrlos gegen diese kleinen Jungen. Das packt einen, läßt einen gar nicht mehr los. Und jetzt haben sie ihn mir in den Tod getrieben, eure Lafayette, Benjamin Constant und Tirecuir de Corcelles. Das darf so geschehen!«

Er trat wieder zu dem reglosen Marius, betrachtete ihn und begann von neuem die Hände zu ringen. Fast mechanisch bewegten sich seine Lippen, er keuchte und stöhnte.

»Ach, du herzloser Schuft, du Septemberbandit!«

Nur mühsam konnte er sich fassen und wieder zusammenhängend sprechen. Aber seine Stimme war dumpf und erloschen, als ob sie aus einem Abgrund herausschalle.