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»Nun, es ist ja gleichgültig, ich sterbe ja auch. Wenn man nur denkt, daß es in ganz Paris kein Mädel gab, das sich nicht ein Vergnügen daraus gemacht hätte, diesen Kerl zu beglücken! Und statt sich zu amüsieren, geht dieser Schuft hin und läßt sich totschießen wie ein Idiot! Statt in die Chaumière tanzen zu gehen, wie es den jungen Leuten ansteht! Dabei ist er kaum zwanzig Jahre alt. Da plagen sich die armen Weiber und bringen hübsche Kinder zur Welt! Nun, wir werden zwei Beerdigungen gleichzeitig haben. Kusch, krepier in deinem Winkel, alter Uhu! Gut, um so besser, das bringt mich wenigstens auch um. Ich bin sowieso schon zu alt! Hundert Jahre, hunderttausend Jahre bin ich alt! Hätte längst schon tot sein sollen. Das wird mir in die Grube helfen. Wenn man es so nimmt, ist es ein Glück! Wozu lassen Sie denn den armen Jungen Ammoniak riechen! Sie plagen sich umsonst, Sie Schwachkopf! Sehen Sie nicht, daß er tot ist? Ich muß es doch wissen, denn ich bin ja auch schon tot. Der tut keine halben Sachen! Ja, eine gemeine, schmutzige, niedrige Zeit ist das, so denke ich von euch, von euren Ideen, Systemen und euren Doktoren, von eurem Literatenklüngel, von euren abgerissenen Philosophen, von euren stupiden Revolutionen, die seit sechzig Jahren die Raben in den Tuilerien aufscheuchen! Du warst so gütig und hast dich so umbringen lassen? Gut, mir liegt nichts daran. Hörst du es?«

In diesem Augenblick schlug Marius langsam die Augen auf, und sein unsteter Blick richtete sich auf Herrn Gillenormand.

»Marius!« schrie der Greis, »mein kleiner Marius! Lieber Junge! Sieh mich doch an! Du lebst! Ich danke dir!«, und er brach ohnmächtig zusammen.

Javert aus der Bahn geworfen

Javert war langsam die Rue de l’Homme Armé hinuntergeschritten.

Er bog in eine Gegend stiller Straßen ein. Doch hielt er sich an eine bestimmte Richtung.

Auf kürzestem Wege eilte er zur Seine, erreichte den Quai des Ormes, überschritt den Grèveplatz und blieb unweit des Kommissariats am Châteletplatz, an der Ecke des Pont-Notre-Dame, stehen. Die Seine bildet hier, zwischen dem Pont-Notre-Dame und dem Pont-au-Change ein viereckiges Bassin mit einer Stromschnelle.

Javert legte seine beiden Hände auf die Brüstung, beugte das Kinn herab und dachte nach.

Er litt furchtbar. In seinem Gewissen empfand er eine doppelte Pflicht, eine zwiespältige Pflicht. Als er Jean Valjean unerwartet am Ufer der Seine gefunden hatte, war in ihm zugleich der Instinkt des Wolfes, der seine Beute wittert, und der des Hundes, der seinen Herrn wiederfindet, wach geworden: Vor sich sah er zwei schnurgerade Wege; aber es waren ihrer zwei, und er hatte, solange er lebte, immer nur einen vor sich gesehen. Schlimmer noch, die beiden waren einander entgegengesetzt. Sie schlossen einander aus. Welchen mußte er gehen?

Er schuldete sein Leben einem Verbrecher, hatte diese Schuld angenommen und wiedererstattet. Seiner eigensten Natur zuwider hatte er sich mit einem Sträfling auf gleichen Fuß gestellt, ihm einen Dienst mit einem anderen bezahlt. Von einem Verbrecher hatte er sich sagen lassen: Geh! Und er hatte ihm darauf gesagt: Gut, du bist frei. Persönlichen Motiven hatte er seine Pflicht geopfert, ja, er fand in diesen Motiven sogar ein höheres Prinzip; man konnte Verrat an der menschlichen Gesellschaft üben und doch seinem Gewissen treu bleiben. Dieser Widersinn war Wirklichkeit, dies konnte geschehen!

Erstaunlich war, daß Jean Valjean ihm Gnade erwiesen hatte, noch viel erstaunlicher aber, daß er, Javert, Jean Valjean geschont hatte.

Und was sollte er jetzt tun? Jean Valjean der Gerechtigkeit ausliefern, wäre niederträchtig gewesen. Ihn freilassen war ein Verbrechen. Im ersten Fall sank er, der Beamte, unter den niedrigsten Bagnosträfling; im zweiten Fall gestand er, daß ihm ein Sträfling mehr galt als das Gesetz. So oder so, Javert war entehrt. Welche Entscheidung er auch treffen mochte, sein Sturz war unvermeidlich.

Auch mußte er sich Vorwürfe machen, weil er jenen Insurgenten nach der Rue des Filles-du-Calvaire gebracht hatte; aber daran dachte er kaum. Die geringere Verfehlung schien aufgehoben durch die große. Überdies war jener Revolutionär sichtlich dem Tod verfallen, und mit dem Tode setzt auch die Verfolgung aus.

Nur Jean Valjean lastete schwer auf seiner Seele.

Mit Entsetzen gewahrte Javert, daß sich in seiner Brust ein unbekanntes Gefühl regte, die Bewunderung für einen Sträfling. Einen Galeerensträfling achten – war das möglich? Er schauderte davor zurück, konnte sich aber dieser Regung nicht erwehren.

Ein mildtätiger Übeltäter! Ein sanfter, hilfsbereiter, gütiger Sträfling! Ein Sträfling, der Böses mit Gutem vergalt, Haß mit Verzeihung, der sich nicht rächte, sondern Mitleid fühlte, lieber selbst zugrunde ging, bevor er seinen Feind tötete, der jenen rettete, der ihn geschlagen – dieses Ungeheuer, Javert mußte es bekennen, existierte. Dieser Zustand war nicht zu ertragen.

Gewiß hatte er Widerstand geleistet, wohl zwanzigmal war es ihm in jenem Wagen gewesen, als ob er endlich nach Jean Valjean greifen müßte. Zwanzigmal hatte er sich auf ihn stürzen, ihn verschlingen und verhaften wollen. Und was war einfacher als das? Er brauchte nur dem erstbesten Gendarmen zuzurufen: Holla, hierher, das ist ein entsprungener Sträfling! Dieser Mann gehört euch! Er brauchte nur zu gehen, sich um das Weitere nicht mehr zu kümmern. Der Mann war für immer dem Gesetz verfallen, das Gesetz würde mit ihm verfahren, wie es wollte. Gab es etwas Gerechteres?

Alles das hatte Javert sich gesagt, hatte versucht, sich über seine Bedenken hinwegzusetzen – aber es war ihm so gegangen wie jetzt, er hatte es nicht gekonnt. Sooft er seine Hand krampfhaft ausstreckte nach Jean Valjeans Kragen, war es ihm gewesen, als ob ein schweres Gewicht sie herabziehe, und eine unbekannte Stimme hatte ihm zugerufen: Gut, liefere deinen Retter aus, und dann laß dir das Wasser bringen, deine Tigerklauen in Unschuld zu waschen wie Pontius Pilatus.

Seine schlimmste Qual war, daß nun alle Gewißheit verschwunden war. Er kam sich vollkommen entwurzelt vor. Das Gesetzbuch war in seiner Hand zu einer blinden Waffe geworden.

Er mußte zugeben, daß Güte kein leerer Wahn ist. Dieser Sträfling war gütig gewesen. Ja, so unerhört es ihm schien, er selbst war einer Regung von Güte gefolgt. Er war entartet.

Er war also ein Feigling. Ihm graute vor seinem eigenen Wesen.

Javert frönte nicht dem Ideal der Menschlichkeit – er wollte nur untadelig sein. Und er war es nicht mehr.

Wie war das gekommen? Wie war das möglich geworden? Er selbst hätte es nicht angeben können. Er stützte seinen Kopf in beide Hände, aber sosehr er auch sein Gehirn zerquälte, er fand keine Erklärung.

Gewiß war es doch immer seine Absicht gewesen, Jean Valjean dem Gesetz auszuliefern, dem er verfallen war, und als dessen Sklave er, Javert, sich empfand. Und solange er ihn in Händen hielt, nie war ihm der Gedanke gekommen, ihn laufen zu lassen. Gegen seinen Willen hatte seine Hand sich geöffnet und den andern freigegeben.

Es war unerträglich.

Er befand sich in einer grausamen Lage. Nur zwei Auswege boten sich ihm. Der eine: kurz entschlossen zu Jean Valjean zu gehen, den Mann wieder dem Bagno zuzuführen. Der zweite …

Tiefste Finsternis herrschte. Grabesstille, die immer der Mitternachtsstunde folgt, lag über die Stadt gebreitet. Wolken verdeckten den Sternenhimmel. Die Häuser der Altstadt lagen in vollständiger Dunkelheit, nirgends brannte Licht. Notre-Dame und die Türme des Justizpalastes waren nur undeutlich als Silhouetten zu erkennen. Die Regengüsse der letzten Tage hatten den Wasserspiegel der Seine steigen lassen.

Javert beugte sich vor und sah hinab. Alles war schwarz, nichts zu unterscheiden. Man hörte das Rauschen des Flusses, konnte aber das Wasser nicht sehen. Augenblicke lang glitt in schwindelnder Tiefe ein Lichtschimmer sich schlängelnd über das Wasser hin, das ja sogar in tiefster Finsternis von irgendwo Licht empfängt. Dann verlosch er wieder. Was Javert da vor sich sah, war nicht der Fluß, es war ein unendlicher Abgrund.