Wenn man auch nichts sah, so fühlte man doch die feindliche Kälte des Wassers und den faden Geruch der nassen Steine. Ein atemraubender Hauch stieg aus der Tiefe auf. Das Hochwasser, das man eher ahnte, als sah, das dumpfe Brausen der Wasser, das Gefühl, man könne hier in eine düstere Leere hinabstürzen, machte einen schauerlichen Eindruck.
Javert blieb hier einige Minuten ruhig stehen, blickte in die Dunkelheit hinab. Starr betrachtete er das Unsichtbare.
Plötzlich nahm er den Hut ab und legte ihn auf die Brüstung des Quais. Im nächsten Augenblick stand eine hohe, schwarze Gestalt auf der Brüstung, bückte sich vor, richtete sich wieder auf und fiel senkrecht in die Finsternis hinab. Dann hörte man ein dumpfes Aufklatschen. Nur die Finsternis sah die Zuckungen dessen, der im Wasser untertauchte.
Drittes Buch
Enkel und Großvater
Der Leser hört wieder von dem Baum mit der Zinkplatte
Einige Zeit nach den oben erzählten Ereignissen erlebte Herr Boulatruelle etwas sehr Merkwürdiges.
Wie der Leser sich vielleicht erinnert, war Boulatruelle ein Mann, der sich nicht darauf versteifte, ein einziges Gewerbe auszuüben. Er klopfte hauptamtlich Steine, nahm aber auch die Gelegenheit wahr, einen vereinzelten Wanderer etwas zu erleichtern. Aus dieser Mischung von Straßenarbeiterschaft und Diebsgewerbe war ein Ideal entstanden: er glaubte an die Schätze, die in dem Walde von Montfermeil vergraben sein sollten. Noch immer klammerte er sich an die Hoffnung, eines Tages am Fuße eines Baumes Geld zu finden. Zwischendurch holte er sich aus den Taschen Vorüberkommender einen kleinen Vorschuß.
Zur Zeit war er sehr vorsichtig. Eben war er mit knapper Not aus einer peinlichen Situation entronnen. Wie der Leser sich erinnert, hatte man ihn mit den anderen Banditen in Jondrettes Stube aufgegriffen. Aber auch Laster können zum Guten ausschlagen – daß er sinnlos betrunken gewesen, hatte ihn gerettet. Niemand wußte, ob er als Dieb oder als zu Bestehlender in Jondrettes Wohnung gekommen war. Seine Trunkenheit war gerichtsnotorisch, also setzte man ihn mangels jeglichen Schuldbeweises in Freiheit. So war er wieder in seinen Wald zurückgekehrt. Wie einst besorgte er die Straße von Gagny nach Lagny, etwas abgekühlt, nicht besonders aufgelegt zu Diebsunternehmungen, dafür aber um so fester entschlossen, auch in Zukunft seinem Retter, dem Wein, getreu zu bleiben.
Was nun das seltsame Erlebnis betrifft, das der Straßenarbeiter kurz nach seiner Rückkehr unter dem Rasendach seiner Straßenarbeiterhütte hatte, so bestand es in folgendem:
Eines Morgens begab sich Boulatruelle wie gewöhnlich zur Arbeit. Plötzlich bemerkte er durch die Zweige hindurch einen Mann, von dem er nur den Rücken sehen konnte, dessen Gestalt ihm aber trotz der Entfernung bekannt erschien. Obwohl Boulatruelle ein Trinker war, hatte er ein helles und scharfes Gedächtnis, das ja für einen Mann, der den Kampf mit der öffentlichen Ordnung aufnimmt, eine unentbehrliche Waffe ist.
»Wo, zum Teufel, habe ich diesen Menschen schon gesehen?«
Er wußte keine genaue Antwort, war aber überzeugt, daß dieser zum mindesten einem andern sehr ähnlich war, dessen Bild sich in seiner Erinnerung eingegraben hatte.
Da er die Identität des Unbekannten nicht feststellen konnte, begann er zu überlegen. Gewiß war dieser Mann nicht aus der Gegend. Er kam von irgendwo, und zwar zu Fuß, denn um diese Zeit kommen keine Postwagen durch Montfermeil. Er war die ganze Nacht lang gegangen. Von wo kam er? Nicht von sehr weit, denn er trug kein Bündel und keinerlei Gepäck. Also wohl aus Paris. Was hatte er in diesem Walde zu schaffen, und noch dazu um diese Stunde?
Boulatruelle dachte sofort an den Schatz. Wenn er sein Gedächtnis wachrief, konnte er sich leicht erinnern, daß er schon vor einigen Jahren hier in der Nähe einem ähnlichen Manne begegnet war, der ganz gut mit dem, den er jetzt vor Augen hatte, identisch sein konnte.
Im Nachsinnen hatte er zu Boden geblickt. Als er jetzt aufschaute, war der Mann verschwunden.
»Zum Teufel!« murrte Boulatruelle, »den muß ich wiederfinden! Wo der Kerl her ist, das werden wir schon herausbringen. Dieser Spaziergänger geht nicht ohne Grund hier auf und ab, und diesen Grund werde ich erfahren. In meinem Wald gibt es keine Geheimnisse, in die ich mich nicht einmische.«
Er nahm seine Hacke, deren Spitze scharf geschliffen war.
Mit der kann ich einen Mann ebensogut wie das Straßenpflaster entzweischlagen, dachte er.
Er bemühte sich, dem Unbekannten nachzugehen. Noch war er keine hundert Schritte gegangen, als es vollkommen hell wurde. Dieser Umstand war ihm günstig. Fußspuren im Sand, niedergetretenes Gras, geknickte Zweige bezeichneten die Fährte des Unbekannten. Ihr zu folgen, war zeitraubend. Endlich tauchte er im Walde unter und gelangte auf einen kleinen Hügel. Pfeifend marschierte nicht unweit von ihm ein Jäger vorbei. Diese Beobachtung veranlaßte ihn, auf einen Baum zu steigen. Er war alt, aber gelenkig. Boulatruelle kletterte auf eine Buche, die ihm besonders geeignet schien.
Auch dieser Einfall bewährte sich. Als Boulatruelle in die Wildnis hinabblickte, gewahrte er zum zweitenmal den Fremden. Er ging oder, besser gesagt, er schlich auf eine ziemlich entfernte, von hohen Bäumen gut gegen Sicht gedeckte Lichtung zu, die Boulatruelle nur zu gut kannte. Er hatte an dieser Stelle neben einem Haufen von Mühlensteinen einen kranken Kastanienbaum gesehen, der eine Zinkplatte auf der Rinde trug. Jene Lichtung war in der Gegend unter dem Namen »Lichtung Blaru« bekannt.
In freudiger Hast stieg Boulatruelle von seinem Baume herab, so rasch, daß wir besser sagen können, er ließ sich herabfallen. Er hatte den Bau aufgespürt, nun mußte er auch noch das Wild finden. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der berühmte Schatz dort vergraben.
Bis zur Lichtung Blaru war es reichlich weit. Auf dem ausgetretenen Pfad, der viele Umwege macht, brauchte man eine gute Viertelstunde. Ging man geradeswegs durch das Gestrüpp, das in dieser Gegend sehr dicht ist, so konnte man nicht vor einer halben Stunde am Ziel sein. Es war unklug von Boulatruelle, diesen Umstand nicht in Rechnung zu stellen. Er glaubte an die gerade Linie, verfiel also einer optischen Täuschung, die so vielen Menschen teuer zu stehen gekommen ist.
Wollen wir einmal die Straße der Wölfe gehen, dachte er.
Mit aller Entschlossenheit stürzte er sich in das Dickicht. Erbittert kämpfte er gegen Dornen, Stechpalmen, Brennesseln und Kardien. Bald war er vollkommen zerschunden und zerkratzt.
In der Senkung stieß er gar auf einen Wasserlauf, den er durchwaten mußte.
Erst nach vierzig Minuten erreichte er schweißtriefend, außer Atem, zerschunden und wütend die Lichtung Blaru.
Niemand war da.
Er eilte auf den Steinhaufen zu. Der war da. Niemand hatte ihn weggetragen.
Der Fremde war im Walde verschwunden. Wohin? In welche Richtung? Unmöglich, es zu erraten!
Am schlimmsten war, daß Boulatruelle hinter dem Steinhaufen, vor dem Baum mit der Zinkplatte, einen frisch aufgeworfenen Erdhügel fand, eine vergessene oder weggeworfene Schaufel und ein Loch.
Das Loch war leer.
»Dieb!« schrie Boulatruelle und schüttelte die Fäuste gegen den Horizont.
Nach dem Bürgerkrieg der Krieg im Haus
Marius schwebte lange Zeit zwischen Tod und Leben. Wochenlang schüttelte ihn das Wundfieber, und gewisse ernste Symptome deuteten auf eine Verletzung des Gehirns, die nicht nur durch die äußerlichen Wunden entstanden sein mochte.
Nächtelang wiederholte er mit der Geschwätzigkeit der Fiebernden den Namen Cosettes. Und täglich ein- oder zweimal meldete sich in dem Hause ein Herr mit weißen Haaren, der, wie der Pförtner meldete, sehr gut angezogen war, erkundigte sich nach dem Befinden des Verwundeten und hinterließ ein großes Paket Scharpie.