Endlich, nach vier Monaten, erklärte der Arzt, er könne jetzt für die Rettung des Patienten bürgen. Die Genesung machte sichtliche Fortschritte. Doch sollte Marius noch zwei Monate auf der Chaiselongue bleiben, um die vollständige Ausheilung des Schlüsselbeinbruchs nicht zu stören. In solchen Fällen gibt es immer eine letzte Wunde, die sich nicht schließen will. Übrigens bewahrten ihn diese lange Krankheit und Rekonvaleszenz vor Verfolgungen. Der Franzose ist nicht fähig, sechs Monate lang zu zürnen. Überdies sind, wie die Dinge nun einmal liegen, an allen Revolutionen so weite Kreise beteiligt, daß man nach ihrer Überwindung gern, so gut es geht, die Augen schließt. Entscheidend war schließlich die ungeheuerliche Verordnung des Präfekten Gisquet, der den Ärzten die Pflicht auferlegte, Verwundete zu denunzieren. Diese Bestimmung erbitterte die Öffentlichkeit, und sogar der König erhob Einspruch. Den Verwundeten kam diese öffentliche Stimmung zunutze. Wer nicht auf frischer Tat ertappt worden war, konnte sicher sein, von den Kriegsgerichten unbehelligt zu bleiben. Man ließ auch Marius in Ruhe.
Gillenormand hatte inzwischen alle Ängste und alle Freuden durchgemacht. Nur mit Mühe hatte man ihn hindern können, die Nächte bei dem Verwundeten zuzubringen. Er ließ seinen großen Lehnstuhl neben das Bett Marius’ tragen und verlangte, daß seine Tochter die beste Wäsche, die man im Hause hatte, zerriß, um daraus Kompressen und Verbände zu machen. Als Fräulein Gillenormand einwandte, Batist eigne sich weniger für Scharpie als grobes Leinen und neues Leinen weniger als gebrauchtes, wollte er davon nichts hören. Sooft Marius verbunden wurde, sah er zu, und wenn der Arzt totes Fleisch wegschnitt, schrie er selbst vor Schmerz auf. Es war rührend zu sehen, wie dieser zitternde Greis dem Verwundeten die Arznei reichte. Er bestürmte den Arzt mit Fragen und bemerkte selber kaum, daß es immer die gleichen waren.
Was Marius betrifft, so ließ er sich in aller Ruhe verbinden und pflegen, ohne an etwas anderes als an Cosette zu denken. Seit das Fieber gewichen war, hatte er ihren Namen nicht mehr ausgesprochen. Er schwieg, aber er tat es nur, weil seine Seele bei ihr weilte.
Was aus Cosette geworden war, wußte er nicht. Der Vorfall in der Rue de la Chanvrerie lag wie eine Wolke über seinem Gedächtnis. Ungewisse Schatten tauchten auf und nieder, Eponine, Gavroche, Mabeuf, Thénardier – seine Freunde, mitten im Pulverdampf auf der Barrikade das seltsame Auftauchen des Herrn Fauchelevent; er begriff nicht, wie er mit seinem Leben davongekommen war, wie und von wem er gerettet worden, und niemand konnte es ihm sagen. Alles, was im Hause bekannt war, bestand in der Mitteilung, eine Droschke sei eines Nachts vorgefahren und habe ihn mitgebracht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mischten sich in seinem Kopf zu einem dunklen Wirrwarr. Doch gab es einen sicheren Punkt, eine Entschlossenheit, einen Willen: Cosette, die er wiederfinden wollte.
Wir dürfen nicht verschweigen, daß Marius sich durch die Zärtlichkeiten seines Großvaters nur wenig rühren ließ. Zunächst wußte er ja gar nicht, was für ihn geschah; seinem fiebernden Gehirn erschien die Güte des Greises seltsam und bedenklich. Er blieb kalt. Umsonst vergeudete der Greis sein armes Lächeln. Marius sagte sich, alles werde gut sein, solange er nicht spreche und alles mit sich geschehen lasse; brächte er aber die Rede auf Cosette, so würde die Miene des Alten sich beträchtlich ändern, der alte Tyrann sich demaskieren. Es würde einen harten Kampf setzen. Wieder würde der Familienstreit aufflammen, er, Marius, werde alle diese Sarkasmen und höhnischen Einwände zu hören bekommen, das Gerede von Fauchelevent, Coupelevent, Geld, Armut, Elend, Stein um den Hals und Zukunft. Er durfte mit dem heftigsten Widerstand rechnen. Und Marius machte sich darauf gefaßt.
Im Ausmaße, in dem er gesundete, empfand er wieder Bitterkeit gegen seinen Großvater. Der Greis erduldete sie mit Sanftmut.
Ohne sich darüber zu äußern, hatte Gillenormand längst bemerkt, daß Marius ihn niemals Vater angeredet hatte. Er sagte ja nicht gerade Herr zu ihm, aber er fand immer einen Ausweg, beide Anreden zu vermeiden.
Eine Krise stand bevor.
Schon begann Marius, wie das in solchen Fällen üblich ist, kleine Vorpostengefechte zu inszenieren. Er wollte das Terrain sondieren. Eines Morgens geschah es, daß Herr Gillenormand, der eben die Zeitung gelesen hatte, verächtlich über den Konvent sprach und Danton, Saint-Just und Robespierre mit einem royalistischen Schimpfwort apostrophierte.
»Die Leute von 1793 waren Riesen«, sagte Marius streng.
Der Greis schwieg und war den ganzen Tag über nicht wieder zum Reden zu bringen.
Marius erinnerte sich der Hartnäckigkeit seines Großvaters und glaubte in diesem Schweigen einen verhaltenen, um so konzentrierteren Zorn zu erkennen. Er ahnte, daß der Kampf fürchterlich sein werde, und sammelte Waffen.
Er beschloß, falls der Alte ihn zurückweise, sein Schlüsselbein wieder zu zerschmettern, die Verbände von seinen Wunden zu reißen und die Nahrung zu verweigern. Seine Wunden waren seine Waffen.
Und mit der tückischen Geduld der Kranken erwartete er den günstigen Augenblick für den Kampf.
Marius greift an
Eines Tages stand Gillenormand, während seine Tochter Karaffen und Tassen auf der Marmorplatte der Kommode ordnete, neben Marius und sagte freundlich:
»Siehst du, lieber kleiner Marius, ich würde an deiner Stelle lieber Fleisch statt Fisch essen. Für den Anfang der Rekonvaleszenz mag ja eine gebratene Seezunge recht geeignet sein, aber wenn ein Mann wieder zu Kräften kommen will, soll er lieber Kotelett essen.«
Marius, dessen Kräfte schon fast ganz zurückgekehrt waren, richtete sich auf, stützte seine beiden geballten Fäuste auf das Bett, sah seinen Großvater todernst an und sagte:
»Da fällt mir ein, daß ich dir doch etwas sagen muß.«
»Was?«
»Ich will heiraten.«
»Das hatte ich erwartet«, sagte der Alte und lachte.
»Wieso erwartet?«
»Na, eben erwartet. Du sollst sie haben, deine Kleine.«
Marius war vollkommen verblüfft und begann zu zittern.
»Jaja«, fuhr Gillenormand fort, »du sollst deine hübsche Kleine haben. Sie kommt täglich hierher in Gestalt eines alten Herrn, der sich nach deinem Befinden erkundigt. Seit du verwundet bist, beschäftigt sie sich nur mehr mit Weinen und Scharpiezupfen. Du siehst, ich bin informiert. Sie wohnt Rue de l’Homme Armé Nr. 7. Also heiraten willst du? Gut, von mir aus. Aber eins will ich dir sagen, hier bist du ordentlich hereingesprungen. Du hast dir gedacht: jetzt werde ich dem Alten, dieser Mumie aus der Regentschaftszeit, diesem alten Steiger, meine Meinung sagen. Er hat sein Lotterleben hinter sich, seine Liebschaften, seine Grisetten und Cosetten; der hat das Froufrou ausprobiert, hat den Frühling warm sein lassen, solange es ging; jetzt soll er sich daran erinnern! Kampf bis aufs Messer! Nimm den Stier bei den Hörnern. So geht es unsereinem, ich biete dir ein Kotelett an, und du verlangst eine Frau. Eine schöne Verwechslung. Also du willst zanken! Du weißt wohl nicht, daß ich ein alter Feigling bin! Jetzt ärgerst du dich. Den Alten dümmer zu finden als dich selbst, darauf warst du nicht gefaßt. Deine ganze Rede fällt ins Wasser, Herr Advokat – es ist jammerschade. Jetzt bleibst du allein auf deiner Wut sitzen. Ich tue, was du willst – ärgere dich! Ich habe mich erkundigt, denn ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen. Sie ist ein nettes, anständiges Mädchen. Eine Menge Scharpie hat sie gezupft. Sie ist nett – und ganz in dich vernarrt. Ich hatte die Idee, sie eines Morgens hierher zu bestellen, wenn es dir erst besser geht, aber das kommt ja nur in Romanen vor, daß plötzlich junge Mädchen an den Betten von Verwundeten erscheinen. Was sollte die Tante davon denken? Noch dazu warst du die ganze Zeit fast nackt, mein Bester. Frage nur Nicolette, die keinen Augenblick von deiner Seite gewichen ist, ob das ein Anblick für eine anständige Frau war. Und der Arzt? Mit jungen Mädchen heilt man das Fieber nicht. Na, sprechen wir nicht weiter darüber, es ist ja erledigt. Da siehst du, was für ein Dickschädel ich bin. Ich habe wohl gemerkt, daß du mich nicht leiden konntest. Was soll ich nur tun, dachte ich, daß dieses dumme Geschöpf anfängt mich zu lieben? Na, da fiel mir deine Cosette ein. Die werde ich ihm geben, dachte ich mir, dann wird er schon zu Verstand kommen. Du dachtest natürlich, der Alte würde zu schreien und zu schimpfen anfangen – beileibe nein! Cosette: bravo! Verliebt? Mit Vergnügen! Nichts, was mir lieber wäre! Belieben der Herr, sich nur möglichst rasch zu verheiraten. Sei glücklich, so gut du kannst!«