Выбрать главу

Der Greis begann zu schluchzen. Er nahm Marius’ Kopf in die Hände, drückte ihn an sich – und jetzt weinten beide.

»Vater!« rief Marius.

»Also du magst mich doch leiden?« rief der Alte.

Beide konnten nicht sprechen. Schließlich stammelte der Greis:

»Jetzt ist alles gut, er hat Vater zu mir gesagt.«

Marius sagte sanft:

»Vater, ich fühle mich jetzt wohl, mir scheint, ich könnte sie wiedersehen.«

»Das ist schon geplant. Morgen.«

»Warum nicht heute?«

»Gut, heute. Du hast Vater zu mir gesagt, das verdient eine Belohnung, ich werde es schon so richten. Mag man sie holen. Diese Geschichte ist nicht neu, sogar in Versen ist sie schon einmal geschrieben worden. In der Elegie vom ›jungen Kranken‹ von André Chénier – von diesem André Chénier, der von den Schur…, wollte sagen von den Riesen von 1793 … also, der ermordet …«

Gillenormand glaubte zu bemerken, daß Marius leicht die Stirn runzelte. Das war ein Irrtum, denn der junge Mann dachte in diesem Augenblick überhaupt nicht an 1793. Der Großvater aber, der jetzt vollkommen die Fassung verloren hatte, fuhr fort:

»Das heißt, ermordet ist ja nicht das richtige Wort. Tatsache ist nur, daß die genialen Führer der Revolutionäre, die ja Gott bewahre keine schlechten Leute waren, sondern natürlich Helden, daß die es also unangenehm empfanden, André Chénier in ihrer Mitte zu sehen, und darum ließen sie ihn ein bißchen guill…, wollte sagen, im Interesse des öffentlichen Wohls haben diese großen Männer am 7. Thermidor André Chénier ersucht, ein klein wenig zu …«

Gillenormand erstickte an seiner eigenen Rede. Er konnte sie weder herunterschlucken noch herausbringen. Mit einer Geschwindigkeit, die durchaus nicht seinem Alter angemessen war, stürzte er aus dem Zimmer, warf die Tür hinter sich zu, eilte, puterrot vor Wut, mit hervorquellenden Augen die Treppe hinunter und stand plötzlich dem braven Basken gegenüber, der im Vorzimmer die Stiefel putzte. Er packte ihn am Kragen und schrie außer sich:

»Hunderttausendkreuzteufel, diese Schufte haben ihn umbringen lassen!«

»Wen?« fragte Baske tief erschrocken.

» André Chénier.«

»Allerdings, gnädiger Herr«, bestätigte Baske fassungslos.

Mademoiselle Gillenormand tröstet sich darüber, daß Herr Fauchelevent bei seinem Besuch etwas unter dem Arm trägt

So sahen sich Cosette und Marius wieder.

Wir müssen darauf verzichten, diese Begegnung zu beschreiben. Es gibt Dinge, die sich der Schilderung entziehen.

Mit Cosette war ein Mann gekommen, ein Greis mit weißen Haaren und ernsten Zügen. Das war Herr Fauchelevent: Jean Valjean.

Er war sehr gut angezogen, wie der Pförtner schon bemerkt hatte, trug einen neuen, schwarzen Anzug und ein weißes Halstuch.

In Marius’ Zimmer blieb er bescheiden an der Tür stehen. Unter dem Arm trug er einen Gegenstand, der wie ein in Papier eingeschlagenes Buch in Oktavformat aussah.

»Hat der Herr immer solche Bücher unter dem Arm?« fragte Fräulein Gillenormand leise Nicolette, denn sie konnte Bücher nicht leiden.

»Mein Gott«, meinte ebenso leise Gillenormand, der sie gehört hatte, »er ist eben irgendein Privatgelehrter. Ist das ein Fehler? Boulard, den ich noch gekannt habe, ging nie ohne ein Buch aus, immer drückte er so eine Schwarte an das Herz.«

Dann begrüßte er mit lauter Stimme den Gast.

»Herr Tranchelevent …«

Gillenormand änderte den Namen nicht absichtlich, aber die Unaufmerksamkeit gegen Eigennamen war eine seiner aristokratischen Neigungen.

»Herr Tranchelevent«, sagte er, »ich habe die Ehre, Sie für meinen Enkel, den Baron Marius Pontmercy, um die Hand von Mademoiselle zu bitten.«

Herr Tranchelevent verneigte sich.

»Abgemacht«, erklärte der Großvater. Dann wandte er sich zu Marius und Cosette:

»Ihr dürft euch anbeten.«

Sie ließen sich das nicht noch einmal sagen. Sofort begannen sie zu plaudern. Marius hatte sich auf seinen Ellbogen gestützt. Cosette stand.

»Mein Gott«, murmelte sie, »also sehe ich Sie wieder! Bist du es wirklich? Ja, Sie sind es. Sich auf eine solche Sache einlassen! Warum nur? Vier Monate lang war ich wie tot. Wie schlecht von Ihnen, an diesem Kampf teilzunehmen! Was habe ich Ihnen nur getan? Ich bin nicht böse, aber Sie dürfen das nicht mehr tun. Als man nach uns schickte, war ich so traurig! Und dann, in meiner Freude, hatte ich gar nicht Zeit, mich anzuziehen. Was sollen Ihre Verwandten nur von mir denken, daß ich mit einer ganz zerknitterten Halskrause hierhergelaufen komme! Aber sprechen Sie doch! Sie lassen mich ja ganz allein reden. Wir wohnen noch immer in der Rue de l’Homme Armé. Das mit Ihrer Schulter war ja schrecklich! Man hat mir erzählt, daß die Wunde groß genug war, um eine Faust hineinzustecken. Mit der Schere hat man das Fleisch herausgeschnitten. Die Augen habe ich mir ausgeweint. Ihr Großvater scheint sehr gut zu sein. Aber stützen Sie sich doch nicht so auf den Ellbogen, Sie werden sich anstrengen. Ich bin ganz dumm vor Freude. Ich wollte Ihnen eine Menge Dinge sagen, aber jetzt habe ich alles vergessen. Wir wohnen noch in der Rue de l’Homme Armé. Aber wir haben keinen Garten dort. Die ganze Zeit über habe ich Scharpie gezupft. Sehen Sie nur, meine Finger sind ganz zerschunden. Das ist Ihre Schuld.«

Die beiden fühlten sich durch die Anwesenheit der andern gestört. Sie schwiegen jetzt und begnügten sich, einander an der Hand zu halten. Gillenormand wandte sich um und rief laut:

»Sprecht doch laut, Leute, quatscht! Macht Lärm, zum Teufel!«

Tante Gillenormand betrachtete dieses Licht, das plötzlich in ihrem Hause aufgegangen war, betroffen. Sie war nicht kriegerisch gestimmt, ihre Blicke waren weder empört noch neidisch; die arme, siebenundfünfzigjährige Unschuld, dieses versäumte Leben, betrachtete erstaunt den Triumph der Liebe.

»Wie hübsch sie ist«, sagte Gillenormand. »Du hast Glück, Junge, daß ich nicht fünfzehn Jahre jünger bin, sonst könntest du ein Duell mit mir riskieren. Ich bin ganz und gar verliebt in Sie, Fräulein. Das ist nur recht so, das gebührt Ihnen. Werden wir aber eine hübsche Hochzeit bekommen! Wir gehören zur Pfarrei Saint-Denis du Saint-Sacrement, aber ich werde einen Dispens verlangen, damit ihr in Saint-Paul heiraten könnt. Saint-Paul ist hübscher. Wahrscheinlich, weil die Jesuiten es gebaut haben. Das Glanzstück jesuitischer Architektur ist allerdings in Namur, es heißt Saint-Loup. Wenn ihr verheiratet seid, müßt ihr hinfahren. Es lohnt die Reise. Ich bin durchaus auf Ihrer Seite, Fräulein, meiner Meinung nach sollen die Mädchen heiraten. Die heilige Katherine mag von mir aus zum Teufel gehen. Jungfrau bleiben mag schön sein, aber es ist ein kaltes Vergnügen. In der Liebe heißt es auch: mehret euch. Jeanne d’Arc kann das Volk retten, aber damit es erst ein Volk gibt, muß anders verfahren werden. Ich weiß wirklich nicht, wozu man Jungfrau bleiben sollte? Man bekommt zwar einen Ehrensitz in der Kirche, aber weiß Gott, ein hübscher junger Kerl und nach Jahresfrist ein blonder Junge – das ist mir lieber als eine Kerze halten und Turris Eburnea singen.«