Jetzt wandte er sich auf den Fersen um.
»Übrigens …«
»Was denn, Vater?«
»Hattest du nicht irgendeinen intimen Freund?«
»Ja, Courfeyrac.«
»Was ist denn aus ihm geworden?«
»Er ist tot.«
»Auch gut.«
Er setzte sich zwischen die beiden, hieß Cosette Platz zu nehmen und nahm ihre vier Hände in die seinen.
»Entzückend ist sie, die Kleine! Ein sehr kleines Mädchen und eine sehr große Dame. Schade, daß sie nur Baronin wird, es hätte für eine Marquise gereicht. Was sie für hübsche Wimpern hat! Die Liebe, Kinder, ist die Dummheit der Menschen und der Witz Gottes. Leider« – seine Miene verdüsterte sich –, »ach, wenn ich nur daran denke! Die Hälfte meines Vermögens besteht aus Leibrenten. Solang ich lebe … gut, aber wenn ich einmal tot bin, in zwanzig Jahren oder so, arme Kinder, dann habt ihr keinen Sou! Sie werden es nicht leicht haben, Frau Baronin.«
Jetzt sagte eine ernste, ruhige Stimme:
»Mademoiselle Euphrasie Fauchelevent besitzt sechshunderttausend Franken.«
Jean Valjean hatte bisher kein Wort gesprochen. Man hatte fast vergessen, daß er da war.
»Wer ist denn dieses Fräulein Euphrasie?« fragte der Großvater erstaunt.
»Ich«, antwortete Cosette.
»Sechshunderttausend Franken!«
»Es gehen nur vierzehn- oder fünfzehntausend Franken ab«, fügte Jean Valjean hinzu. Dann legte er das Paket, das Tante Gillenormand für ein Buch gehalten hatte, auf den Tisch. Er machte es selbst auf. Es enthielt ein Bündel Scheine. Man zählte sie und fand fünfhundert Noten zu tausend Franken und hundertachtundsechzig zu fünfhundert.
»Das nenne ich ein gescheites Buch«, erklärte Gillenormand.
»Immerhin fünfhundertvierundachtzigtausend Franken«, stammelte die Tante.
»Das heißt die Dinge auf die Beine bringen, nicht wahr, Fräulein Gillenormand«, rief der Großvater. »Hat dieser Teufelskerl, der immer den Baum der Träume schüttelt, eine kleine Millionärin gefangen! Da soll einer sich noch auf die jungen Leute verlassen! So ein Student findet eine Studentin mit sechshunderttausend Franken! Der Schutzengel macht es besser als Rothschild.«
»Fünfhundertvierundachtzigtausend Franken«, wiederholte Fräulein Gillenormand, »da kann man ja beinahe sagen: sechshunderttausend Franken!«
Marius und Cosette hatten einander inzwischen schweigend angesehen; schon achteten sie nicht mehr auf die andern.
Besser, man verbirgt sein Geld im Walde als beim Notar
Der Leser hat ohne Zweifel begriffen, daß Jean Valjean nach dem Prozeß Champmathieu nur entsprungen war, um nach Paris zu eilen und die Summe bei Lafitte abzuheben, die er unter dem Namen Madeleine in Montreuil sur Mer erworben hatte. Da er fürchtete, wieder gefangen zu werden – was ihm ja in der Tat kurz nachher widerfuhr –, hatte er das Geld im Walde von Montfermeil, auf der Lichtung Blaru, vergraben.
So war der Mann, den Boulatruelle eines Abends beobachtete, in der Tat Jean Valjean. Später pflegte er immer nach Montfermeil zu kommen, wenn er Geld brauchte. So waren die Reisen zu erklären, von denen wir bereits berichtet hatten. Als er sah, daß Marius genas, glaubte er den Augenblick nahe, da dieses Geld von Nutzen sein konnte; wieder war er von Boulatruelle bemerkt worden. Der Straßenarbeiter erbeutete die Schaufel.
Der Schatz belief sich in der Tat auf fünfhundertvierundachtzigtausend und fünfhundert Franken. Bei Lafitte hatte Jean Valjean sechshundertdreißigtausend abgehoben. Die Differenz war in den Jahren 1823 bis 1833 verbraucht worden. Die Klosterjahre hatten nur fünftausend Franken gekostet.
Übrigens wußte Jean Valjean, daß er Javert nicht mehr zu fürchten hatte. Der Moniteur hatte berichtet, daß der Polizeiinspektor Javert zwischen dem Pont-au-Change und dem Pont-Neuf ertrunken aus dem Wasser gezogen worden sei.
Glück und Erinnerung
Oft dachte Marius insgeheim über diesen Herrn Fauchelevent nach, der sich immer wohlwollend und kalt zeigte. Manchmal zweifelte er an seinen eigenen Erinnerungen. Es gab da eine Lücke, eine dunkle Stelle: vier Monate des Todeskampfes. Viel war verlorengegangen. Jetzt fragte er sich oft, ob dieser Fauchelevent, dieser ernste und ruhige Mensch, wirklich auf der Barrikade gestanden hatte.
Abgesehen von diesem Problem, gab es noch andere, die ihn nicht ruhen ließen. Gestalten tauchten auf und versanken wieder, ohne daß er recht begriff. Bald sah er Mabeuf fallen, hörte Gavroche im Kugelregen singen, fühlte Eponines kalte Stirn auf seinen Lippen; dann sah er Enjolras, Courfeyrac, Combeferre, Jean Prouvaire, Bossuet, Grantaire, alle seine Freunde; sie tauchten vor seiner Erinnerung auf und verschwanden wieder. Waren alle diese teuren, tapferen Seelen nur Ausgeburten seines Traumes? Hatten sie jemals gelebt? Der ganze Kampf auf der Barrikade versank in seinem Vergessen wie im Pulverdampf. Waren wirklich alle diese Männer gestorben? Ein einziger Sturz hatte sie fortgerissen und nur ihn verschont. Es war, als ob eine ganze Welt hinter einem Theatervorhang verschwunden wäre.
Und war auch Fauchelevent einer von ihnen? Marius zögerte, wenn er den Greis so ernst und ruhig neben Cosette sitzen sah, ihn für einen der Barrikadenkämpfer zu halten. Vielleicht hatte das Delirium ihm dieses Bild nur vorgegaukelt. Übrigens waren beide Männer von Natur aus zurückhaltend. Marius brachte keine Frage über die Lippen.
Daß zwei Menschen ein gemeinsames Geheimnis haben und vermöge einer stillschweigenden Übereinkunft kein Wort darüber verlieren, ist vielleicht weniger selten, als man glauben möchte.
Einmal nur versuchte Marius, einen Anhaltspunkt zu finden. Zufällig kam das Gespräch auf die Rue de la Chanvrerie. Er wandte sich nach Fauchelevent um und sagte:
»Kennen Sie diese Straße?«
»Welche?«
»Die Rue de la Chanvrerie.«
»Keine Ahnung«, antwortete Fauchelevent, vollkommen unbefangen.
Diese Antwort schien Marius entscheidender, als sie war.
Ich habe geträumt, dachte er. Es war eine Halluzination. Vielleicht einer, der ihm ähnlich war. Fauchelevent ist nicht dabeigewesen.
Zwei Unauffindbare
Aber so glücklich Marius auch war, einige Gedanken ließen sich nicht aus seinem Geist verdrängen. Während die Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen wurden, stellte er mit größter Sorgfalt Nachforschungen an. Denn er hatte Dank abzustatten – Dank für seinen Vater und für sich.
Da war Thénardier, und da war jener Unbekannte, der ihn zu Gillenormand gebracht hatte.
Marius wollte unbedingt beide wieder ausfindig machen, denn der Gedanke war ihm schmerzlich, daß er selbst heirate und glücklich sei, seine Schulden aber unbezahlt lasse. Es war ihm unmöglich, eine Vergangenheit der Leiden hinter sich zu lassen und ohne Lösegeld in eine glückliche Zukunft einzutreten.
Daß Thénardier ein Schuft war, besagte nichts dagegen, daß er den Oberst Pontmercy gerettet hatte. Für alle Welt war er ein Bandit, für Marius nicht.
Aber es gelang keinem der Leute, die Marius beauftragt hatte, Thénardiers Spur wieder aufzufinden. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Die Thénardier war, während der Prozeß vorbereitet wurde, im Gefängnis gestorben. So blieben nur Thénardier und seine Tochter Azelma übrig, und beide waren im Schatten untergetaucht. An der Oberfläche konnte man nicht einmal jene konzentrischen Kreise bemerken, die sonst verraten, wo etwas in den Tümpel der Ungewißheit gefallen ist.
Die Thénardier war tot, Boulatruelle hatte man entlassen, Claquesous war verschwunden. Die Hauptangeklagten waren entsprungen; so war der Prozeß wegen des Überfalls im Gorbeauschen Hause recht unergiebig geworden. Das Dunkel blieb ungelüftet. Die Assisen mußten sich begnügen, zwei Helfershelfer, Panchaud, der Bigrenaille genannt wurde, und Demi-Liard, der sich Deux-Milliards nennen ließ, zu je zehn Jahren zu verurteilen. Gegen die Entsprungenen wurde in contumaciam auf lebenslängliche Haft befunden. Thénardier als Anführer war, ebenfalls in contumaciam, zum Tode verurteilt worden. Das war das einzige, was über Thénardier zu melden war, nachdem er selbst sich dem Zugriff seiner Verfolger entzogen hatte.