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Was die Nachforschungen nach dem Unbekannten betrifft, der Marius gerettet hatte, so schienen sie zuerst ergiebiger, gerieten aber bald auf einen toten Punkt. Der Droschkenkutscher wurde ausfindig gemacht, der Marius am Abend des 6. Juni in die Rue des Filles-du-Calvaire gefahren hatte. Er erklärte, daß er am 6. Juni von einem Polizeiagenten in Dienst genommen worden sei, und von drei Uhr nachmittags bis ein Uhr nachts am Quai des Champs-Elysées gewartet habe, unweit des Ausgangs der Sammelkloake; gegen neun Uhr abends sei das Gitter der Kloake geöffnet worden und ein Mann sei herausgekommen, der auf seinen Schultern einen andern, der wie tot aussah, trug; dann habe der Polizeiagent den Lebenden verhaftet und den Toten in Beschlag genommen. Der Kutscher habe sie alle in seiner Droschke nach der Rue des Filles-du-Calvaire gebracht. Hier sei der Tote herausgeschafft worden – eben derselbe Marius, den der Kutscher sofort wiedererkannte, obwohl er »diesmal« lebend war; dann seien die beiden anderen wieder in den Wagen gestiegen und in aller Hast zur Porte des Archives gefahren. Da habe man ihn halten lassen, habe ihn bezahlt, und der Polizist sei mit dem andern verschwunden. Mehr wisse er, der Kutscher, nicht, zumal jene Nacht sehr finster war.

So mußte Marius sich auf vage Vermutungen beschränken.

An seiner eigenen Identität konnte er wohl nicht zweifeln. Wie aber war es möglich, daß er in der Rue de la Chanvrerie gefallen und am Seineufer von einem Polizisten aufgefunden worden war? Also hatte ihn jemand von der Markthalle bis zu den Champs-Elysées geschleppt. Und wie? Durch die Kloaken.

Wer hatte das getan?

Nicht die leiseste Spur seines Retters war aufzufinden.

Marius ging sogar so weit, die nötige Vorsicht außer acht zu lassen und die Präfektur an seinen Nachforschungen zu interessieren. Aber auch von dieser Seite kam keine Aufklärung. Die Polizei wußte weniger als jener Kutscher. Über eine Verhaftung, die am 6. Juni vor dem Ausgang der Sammelkloake stattgefunden haben sollte, war nichts bekannt. Es lag darüber kein Bericht eines Agenten vor, und daher wurde der Vorfall in das Reich der Fabeln verwiesen. Ein Kutscher, der es auf ein Trinkgeld abgesehen hatte, war, meinten die Polizisten, sogar der Phantasie fähig.

Alles an diesem seltsamen Rätsel war unerklärlich.

Viertes Buch

Die Nacht des 16. Februar 1833

Vorher

Die Nacht vom 16. zum 17. Februar 1833 war eine gesegnete. Über ihrem Dunkel stand der Himmel offen. Denn diese Nacht war die Hochzeitsnacht Marius’ und Cosettes.

Am Abend zuvor übergab Jean Valjean Marius in Gegenwart Herrn Gillenormands die fünfhundertvierundachtzigtausend Franken. Da Gütergemeinschaft verabredet worden war, ergaben sich keine schwierigen Formalitäten. Jean Valjean bedurfte in Zukunft der Dienste Toussaints nicht mehr. Cosette hatte sie geerbt und zur Kammerfrau ernannt.

Auch für Jean Valjean wurde im Hause Gillenormands ein schönes Zimmer bereitgestellt, und Cosette hatte ihn gebeten: »Vater, ich bitte dich darum«, so daß er endlich darein gewilligt hatte, bei ihr zu wohnen.

Einige Tage vor der Hochzeit hatte Jean Valjean einen Unfall; dabei verletzte er sich am Daumen der rechten Hand. Die Sache war nicht bedenklich, er hatte nicht erlaubt, daß irgend jemand sich damit beschäftige, nicht einmal Cosette. Doch hatte er die Hand mit Leinen umwickeln müssen und trug den Arm in der Binde, was ihn hinderte zu schreiben. So war Gillenormand gezwungen, an Valjeans Stelle als Vormund Cosettes aufzutreten.

Cosette sah auf dem Standesamt und in der Kirche strahlend und rührend zugleich aus. Toussaint hatte sie mit Hilfe Nicolettes angezogen.

Sie trug ein weißes Taftunterkleid, darüber eine Robe aus Chiffon, ein Perlenkollier und einen Brautkranz aus Orangenblüten. Die weiße Farbe ließ sie wie eine Lichtgestalt erscheinen.

Der Großvater, der stolz und hocherhobenen Hauptes einherschritt und in seiner Kleidung und seinem Gehaben die ganze Eleganz vergangener Zeiten repräsentierte, war Brautführer. Er vertrat Jean Valjean, der wegen seines verbundenen Armes Cosette nicht den Arm bieten konnte.

Jean Valjean, ganz in Schwarz gekleidet, folgte den beiden lächelnd.

Die beiden jungen Leute strahlten. Jetzt erlebten sie diesen einmaligen, niemals wiederkehrenden Augenblick, den Kreuzungspunkt der Jugend und der Freude. Sie waren zusammen kaum vierzig Jahre alt. In ihrer Heirat war etwas Erhabenes: diese beiden jungen Menschen waren Lilien. Sie sahen einander nicht, sie staunten einander an. Cosette sah Marius in einem Glorienschein, und für Marius stand Cosette auf einem Altar. Und auf dem Grund dieser beiden Apotheosen wartete, dunkel und ungewiß in Cosette, glühend in Marius, die Sehnsucht nach dem Brautgemach.

Solche Tage sind eine unbeschreibliche Mischung aus Gewißheit und Träumerei. Man besitzt bereits und ist doch noch in Erwartung. Noch hat man Zeit vor sich, um das letzte zu erraten. Man genießt den Mittag und träumt zugleich von der Mitternacht. Das Entzücken dieser beiden Herzen strömte über auf die Menge und stimmte die Vorüberkommenden glücklicher.

In der Rue Saint-Antoine blieben die Leute vor Saint-Paul stehen, um durch die Glastür des Wagens die Orangenblüten auf Cosettes Kopf zittern zu sehen.

Dann kehrte die Gesellschaft nach der Rue des Filles-du-Calvaire zurück. Strahlend und beglückt stieg Marius an der Seite Cosettes die Treppe hinan, die man ihn einst als Sterbenden hinaufgetragen hatte. Die Armen, die sich vor dem Tore drängten und Almosen empfingen, segneten das Paar. Überall waren Blumen. Das Haus duftete nicht weniger als die Kirche; nach dem Weihrauch traten die Rosen in ihr Recht.

Plötzlich schlug die Uhr. Marius blickte auf Cosettes reizenden, entblößten Arm, und sein Blick streifte die Brüste, die durch die Spitzen des Mieders rosig schimmerten; Cosette gewahrte Marius’ Blick und errötete bis zum Weiß der Augen.

Eine Menge alter Freunde der Familie Gillenormand war eingeladen worden. Man umdrängte Cosette, beeilte sich, sie als Baronin zu begrüßen.

Théodule Gillenormand, der inzwischen zum Hauptmann avanciert war, kam aus Chartres, wo er in Garnison stand, um der Hochzeit seines Vetters Pontmercy beizuwohnen. Cosette erkannte ihn nicht. Und er, von jeher gewöhnt, daß alle Frauen ihn sehr hübsch fänden, erinnerte sich Cosettes nicht mehr als einer anderen.

Wie recht ich doch hatte, nicht auf das Geschwätz dieses Kavalleristen zu hören, dachte Vater Gillenormand.

Cosette war nie zärtlicher zu Jean Valjean gewesen als an diesem Tage. Das Glück will, daß alle Welt glücklich sei. Wenn sie mit ihm sprach, fand sie den Tonfall wieder, in dem sie als kleines Kind geredet hatte. Sie streichelte ihn mit einem Lächeln.

Jean Valjean hatte sich im Salon auf einen Stuhl hinter der Tür gesetzt, so daß er für die im Speisesaal versammelte Gesellschaft kaum zu sehen war. Kurz bevor man sich zu Tisch setzte, kam Cosette in einer plötzlichen Regung zu ihm, um ihn mit einer tiefen Verneigung zu begrüßen.

»Bist du zufrieden, Vater?«

»Ja, ich bin zufrieden.«

»Gut, dann sollst du aber lachen!«

Und Jean Valjean lachte.

Einen Augenblick später kündete Baske an, daß serviert sei. Die Gäste nahmen nach der Tischordnung an der Tafel Platz. Zur Rechten und Linken der Braut standen zwei große Lehnstühle, einer für Gillenormand, der andere für Jean Valjean. Gillenormand setzte sich; aber der andere Stuhl blieb leer.